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Sachsen

Schulamt macht sich bei jungen Lehrern unbeliebt

Die Behörde versucht, Lehrer sachsenweit zu verteilen. Das sorgt für Ärger bei den Bewerbern.

©  dpa/Sebastian Kahnert

Anstellung an einer freien Schule oder Arbeitslosigkeit. Das sei die Wahl, die Bewerber für eine Lehrerstelle in Sachsen haben, wenn sie nicht in die Regionen außerhalb der Großstädte gehen wollen oder können. „Wir fühlen uns belogen und sind enttäuscht, da wir gerne in den staatlichen Schuldienst gegangen wären“, sagt eine Referendarin, die gerade ihr Studium im Grundschullehramt beendet hat.

Die Dresdnerin hat sich für eine Stelle in der Landeshauptstadt beworben, ein Angebot bekam sie aber nur für die Region Bautzen. „Uns wurde bei einem Gesprächstermin Ende Mai mitgeteilt, dass das Kultusministerium die zu vergebenden Stellen an Grundschulen in Dresden auf 30 beschränkt und diese bereits vergeben hätte“, sagt die junge Frau. „Begründet wurde dieser Schritt mit dem Ziel, möglichst viele junge Lehrer in die Region Bautzen zu locken.“ Ähnliches wurde von den Leipziger Bewerbern berichtet, die nach Chemnitz und Zwickau gehen sollten. Dieses Angebot sei das einzige und letzte, hieß es vom Landesamt für Schule und Bildung.

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Soziale Faktoren der Bewerber wie Kinder, pflegebedürftige Angehörige, eine Behinderung, ein eigenes Haus oder ein beruflich gebundener Ehepartner hätten keine Beachtung gefunden. „Zu dem Einwand, dass mein Mann in diesen Regionen keinen Job finden würde, wurde mir geraten, mich verbeamten zu lassen, damit mir als Familienernährerin mehr Geld zur Verfügung stehe“, berichtet die Dresdnerin. Dies sei eben der freie Arbeitsmarkt, habe es geheißen.

Während ausgebildete Grundschullehrer in andere Regionen umgelenkt werden sollten, erhielten 15 Gymnasiallehrer in Dresden und Leipzig eine unbefristete Einstellung, als sie sich ausschließlich an Grundschulen bewarben. „Ich halte es für falsch, wenn die Bereitschaft zum Schulartwechsel bei der Bewerbung stärker honoriert wird als eine grundständige Ausbildung“, sagt die Grünen-Bildungspolitikerin Petra Zais, die das Thema am Montag im Schulausschuss des Landtags ansprach. „Gymnasiallehrer sind nicht wirklich für die Arbeit an Grundschulen ausgebildet. Ich halte ein solches Vorgehen für ein fatales Signal an Lehramtsstudierende.“

Ähnlich war das Vorgehen des Landesamtes bei den Bewerbern mit Gymnasiallehrerausbildung – sie erhielten vorrangig Angebote für die Ober- oder Förderschule. Selbst Bewerber in den dringend benötigten Fächern Physik, Chemie und Biologie bekamen Angebote für eine andere Schulart, in der sie nicht ausgebildet wurden, berichtet Thomas Langer, der Vorsitzende des Philologenverbandes Sachsen. „Obwohl sie am Gymnasium gebraucht werden.“ Der derzeitige Umgang mit den Absolventen sei untragbar, sagt er und fordert eine sofortige Änderung der Einstellungspraxis. Es sei unverantwortlich, durch dieses Vorgehen die Unterrichtsabsicherung an den Gymnasien zu gefährden, so Langer.

Massive Probleme auf dem Land

Die Schulbehörde verweist auf ihre „Verantwortung für den gesamten Freistaat“. „Das Landesamt muss so weit wie möglich sicherstellen, dass sich die Lehrerversorgung nicht nur auf die Ballungszentren konzentriert“, sagt Sprecher Roman Schulz. Auch wenn die Bewerberzahlen im derzeit laufenden Einstellungsverfahren für die geplanten 1 100 Vollzeitstellen auf den ersten Blick erfreulich sei, ergäben sich daraus große Herausforderungen.

Von den 1 223 grundständig ausgebildeten Bewerbern interessieren sich die meisten für eine Einstellung in Dresden und Leipzig sowie für die Gymnasien. „Bezüglich des Bedarfes im ländlichen Raum ist daher eine ausgleichende Komponente beachtet worden, um der Gesamtverantwortung für alle Standorte gerecht zu werden“, erklärt Schulz. Die Bewerber wurden umgelenkt.

Der Sprecher des Landesamts rechtfertigt auch die Bevorzugung von Gymnasiallehrern an Grund- und Oberschulen. „Wenn schon die Notwendigkeit besteht, zahlreiche Bewerber in andere Schularten umzulenken, dann sollte in diesen Fällen die freiwillige Bereitschaft zum Schulartwechsel honoriert werden.“ Für die Dresdner Grundschulen wurden die Bewerber nach Fachbedarf eingestellt: besonders in Werken/Musik und Religion. Bei Bewerbern für MINT-Fächer am Gymnasium sei durch schulartfremde Angebote „tatsächlich der Versuch unternommen worden, die Fachabdeckung auch an den Oberschulen zu sichern“, so Schulz.

„Bei allem Verständnis für die Dramatik der Situation und den Ungleichgewichten in der Nachfrage nach bestimmten Schularten und Regionen: Der Versuch eines ‚lenkenden Verfahrens‘ muss kritisch evaluiert werden“, sagt die Landtagsabgeordnete Petra Zais.

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Ein „Einlenken“ des Landesamtes kam wohl zu spät – telefonisch wurde Mitte Juni doch ein Angebot für den Bereich Dresden angekündigt. Ein Großteil der Betroffenen habe sich mittlerweile entweder um Stellen an freien Schulen bemüht, denke über einen Bundeslandwechsel nach oder habe sich mit dem Gedanken an die Arbeitslosigkeit abgefunden, sagt die junge Referendarin aus Dresden. Sie selbst hat nun einen Vertrag an einer freien Schule unterschrieben – zusammen mit zwei Kommilitoninnen ihres Jahrgangs. „Wir wollten nicht ohne eine Anstellung dastehen.“

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