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Schneller raus aus den Schulden

Eine Privatinsolvenz dauert künftig nicht mehr sechs, sondern drei Jahre. Eine Beraterin aus Bischofswerda erläutert, was Schuldner jetzt beachten müssen.

Ute Herrmann, Mitarbeiterin der Volkssolidarität, berät seit dem Jahr 1993 Menschen, die mit der Rückzahlung ihrer Schulden nicht mehr klarkommen. Sie bietet Beratungen in Bischofswerda und Bautzen an.
Ute Herrmann, Mitarbeiterin der Volkssolidarität, berät seit dem Jahr 1993 Menschen, die mit der Rückzahlung ihrer Schulden nicht mehr klarkommen. Sie bietet Beratungen in Bischofswerda und Bautzen an. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Ein Kredit, dessen Raten sie nicht mehr bezahlen kann, ein Vertrag fürs Auto ihrer Tochter und dazu die Diagnose Krebs: Bei Silvia Grothe ist in den vergangenen Jahren allerhand zusammen gekommen. Im Ergebnis dessen ist ein Schuldenberg aufgelaufen, den sie trotz eines festen Jobs nicht mehr abtragen kann. Verzweifelt suchte die Endvierzigerin Hilfe bei der Volkssolidarität in Bischofswerda. 

Dort berät Ute Herrmann Menschen, die überschuldet sind. Die Volkssolidarität ist einer von drei Sozialverbänden im Landkreis Bautzen, die eine kostenlose Schuldnerberatung anbieten. Sie berät in Bischofswerda und Bautzen. Hinzu kommen die Caritas mit Angeboten in Kamenz und Hoyerswerda sowie die Arbeiterwohlfahrt in Hoyerswerda. 

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Erst starb der Vater, dann kam die Krankheit

Silvia Grothe erzählte Sächsische.de ihre Geschichte. Weil ihr die Sache unangenehm ist, bat sie darum, ihren Namen zu ändern. 

Bis 2015 hatte die alleinerziehende Büroangestellte ihr Leben gut gemeistert. Doch dann starb ihr Vater. Der Tod kam unerwartet. Um den Vater würdevoll zu bestatten, musste sie einen Kredit aufnehmen. Die Ratenzahlung an die Bank war zunächst kein Problem. Auch nicht die Raten fürs Auto ihrer Tochter.  Die damals 18-jährige brauchte den Kleinwagen, um zu ihrem Ausbildungsbetrieb zu kommen. 

Doch dann wurde bei Silvia Grothe am Jahresende 2017 Krebs diagnostiziert. Sie wurde operiert, war ein Dreivierteljahr krank geschrieben. Am Jahresende 2018 fehlten fast 10.000 Euro in der Familienkasse.  "Das hat mich aus der Bahn geworfen“, sagt sie. In der Folgezeit wurden die Schulden noch größer, da auch die Raten aufliefen.

Rückkehr in ein normales Leben erleichtern

Ute Herrmann von der Volkssolidarität kennt viele solcher Schicksale. "Es kann jeden treffen", sagt sie. Laut Wirtschaftsauskunft Creditreform ist jeder zwölfte erwachsene Landkreis-Bewohner überschuldet. Das sind 20.500 Menschen. 

Im vergangenen Jahr führte Ute Herrmann 764 Beratungsgespräche mit rund 300 Klienten durch. "Ich kann nur Empfehlungen geben, entscheiden muss der Betreffende selbst." Denkbar sind zum Beispiel Ratenzahlungen, ein Vergleich mit den Gläubigern, aber auch die Privatinsolvenz. 65 bis 80 Klienten, die einen Antrag auf Insolvenz stellen, werden im Jahresdurchschnitt von Ute Herrmann betreut. 

Künftig könnten es mehr sein. Ab dem 1. Oktober verkürzt sich die Dauer einer Privatinsolvenz von sechs auf drei Jahre. Mit der Neuregelung - Teil des Konjunktur- und Krisenbewältigungspaketes der Bundesregierung - setzt Deutschland zugleich eine Richtlinie der EU um.  Wie bisher müssen Schuldner ihre Eigentumsverhältnisse offenlegen, und sie sind zur Mitwirkung verpflichtet, um nach den drei Jahren von der Restschuld befreit zu werden. Diese Regelung gilt zunächst bis zum 30. Juni 2025.

Die Zeit des Verfahrens wird halbiert. Zugleich werden die Kontrollmechanismen erhöht. Für Ute Herrmann überwiegen die Vorteile:  "Verbrauchern, aber auch Kleinunternehmern, wie zum Beispiel Handwerkern, kann das die Rückkehr in ein normales Leben und einen Neustart wesentlich erleichtern."

Auch eine Privatinsolvenz hat ihnen Preis

Für Virginie Szostak, die bei der Caritas in Kamenz und Hoyerswerda Insolvenzberatungen durchführt, ist die Gesetzesänderung überfällig. "Sechs Jahre  sind eine sehr lange Zeit. Sie halten viele Schuldner davon ab, eine Privatinsolvenz in Erwägung zu ziehen." Die Caritas berät im Jahresdurchschnitt 260 bis 300 Menschen. Etwa ein Drittel von ihnen wählt den Weg der Insolvenz. 

Beide Sozialverbände betreuen ihre Klienten nicht nur bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens, sondern, wenn sie es wünschen, auch während des Verfahrens. Etwa wenn es darum geht, in Briefen das Juristendeutsch des Gerichtes oder des Insolvenzverwalters, der im Verfahren zum Treuhänder wird, in eine verständliche Sprache zu übersetzen und auf rechtliche Folgen hinzuweisen. 

Die Beratungsstellen arbeiten für ihre Klienten kostenlos. Trotzdem gibt es die Privatinsolvenz nicht umsonst. Die Betroffenen müssen die Verfahrenskosten tragen und den Insolvenzverwalter beziehungsweise Treuhänder bezahlen. Die Kosten hängen vom Aufwand und von der Höhe der Schulden ab - im Schnitt liegen sie zwischen 1.500 und 2.000 Euro.

Ute Herrmann kennt Menschen, die mit ihren Schulden leben, weil sie wissen, dass bei ihnen nichts zu holen ist. Sie kennt aber auch Klienten, die sich für die sechsjährige Privatinsolvenz entschieden haben, weil der Leidensdruck zu groß geworden ist. Drei Jahre können da eine Brücke sein, wo sich Leute sagen: Das schaffe ich.  

Für Silvia Grothe wäre eine sechsjährige Insolvenzdauer nie in Frage gekommen. Bei drei Jahren könne man überlegen, sagt sie. 

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