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„Schulle“ wird 40

Der Linkenchef hat heute Geburtstag. Seit seiner Kindheit hängt sein Herz an Görlitz.

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© Nikolai Schmidt

Von Ines Eifler

Viele kennen ihn gar nicht unter seinem richtigen Namen, sagen einfach nur „Schulle“ und finden ihn nicht auf Anhieb, wenn er auf einem Wahlzettel steht. Und da stand Mirko Schultze, Linkenchef im Landkreis Görlitz, inzwischen schon oft. Als 25-jähriges PDS-Mitglied hat er erstmals für den Stadtrat kandidiert, seit 2004 sitzt er drin, genauso im Kreistag, und im Herbst wird er zum wiederholten Male für den Landtag kandidieren. Und heute wird er 40. So richtig habe er erst in den letzten Tagen darüber nachgedacht, dass dieser Tag eine Bedeutung haben könnte, sagt Mirko Schultze. Und sich vor Augen geführt, dass das Leben womöglich schon zur Hälfte vorbei ist.

Aber die erste Hälfte: Mirko Schultze erinnert sich gern daran. „Ich war ein glückliches Kind und ein glücklicher Jugendlicher“, sagt er in seinem ganz leicht selbstironischen Ton. „Ich komme aus dem Arbeitermilieu und habe in allen Massenorganisationen der DDR mitgewirkt.“ Die Wende irritierte ihn eher, als dass sie ihn erleichterte. Mirko Schultze steht eindeutig zu seiner Herkunft. Genau wie zu Görlitz mit all seinen großartigen und auch weniger schönen Facetten.

Er mag das Birkenwäldchen, wo er als Rauschwalder Junge Höhlen baute, mal in den Teich fiel und im Winter Schlittschuh lief. Er fühlt sich verbunden mit dem Südwesten von Görlitz, in dem er aufgewachsen ist, wo er zehn Jahre auf die Melanchthonschule ging, wo er zu seinem Spitznamen kam und wo seine Eltern heute noch wohnen. Er zählt die Tage, wenn er mal länger weg ist von Görlitz. Und er sagt, dass er nichts dagegen hat, in und mit dieser Stadt alt zu werden. „Ich liebe meine Heimatstadt, sie ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihr“, sagt er. Und das nimmt man ihm durchweg ab.

Dennoch will er nicht hinnehmen, wie Görlitz ist, sondern hat eine Vision. Wünscht sich mehr Vielfalt, mehr Straßenkünstler, mehr Offenheit, mehr Leben und weniger von der Mentalität, hinterm Fenster zu stehen und sich zu ärgern, wenn draußen jemand fröhlich ist. Dazu hat er das Vertrauen, dass man etwas verändern kann. Deshalb ist er in die Politik gegangen. Schon 1990, mit 16, sah er sich politisch eher auf der linken Seite, auch wenn er zugibt, vorher „an allen Ecken mal herumexperimentiert“ zu haben. Er hatte sich kurzzeitig zur Musik der Skinheads im klassischen Sinne, als Bewegung aus der britischen Arbeiterklasse, hingezogen gefühlt und sagt heute: „Es hätte damals auch anders kommen können.“ Aber das kam es nicht, sondern er lernte Antifa-Leute kennen und sagte sich irgendwann: „Wenn schon Widerstand, dann richtig.“ 1996 trat er in die PDS ein, erstaunt, was damit auf ihn zukam. „Ich gehörte damals zu den wenigen jungen Mitgliedern“, sagt er, „und sah ganz viele Hoffnungen in mich gesetzt.“ Mit sportlichem Ehrgeiz habe er alle Zeit und Kraft investiert, ohne zu ahnen, dass er irgendwann mal davon leben könne. Eigentlich hatte er Maurer gelernt und nach einem Jahr Bundeswehr an einigen Görlitzer Bauvorhaben mitgewirkt. Am Marktkauf zum Beispiel und später, in einer ABM, an der Synagoge.

Doch als Ilja Seifert 2005 in den Bundestag kam, erhielt Mirko Schultze die Chance, dessen Regionalbüro in der Schulstraße zu leiten. Seit 2013 arbeitet er für die sächsische Landesgruppe der Linken. Für ihn sei das ein Luxus, sagt Schultze. Mit seiner halben Stelle habe er genug Zeit für sein ehrenamtliches Engagement in Stadt- und Kreistag und könne sich gut für die Belange seiner Heimatstadt einsetzen. Auf manches davon ist er richtig stolz. Etwa die 100  000 Euro, die 2009 auf Initiative der Linken zusätzlich für den Bau von Spielplätzen in den kommunalen Haushalt eingestellt wurden. Oder die Funktionsjacken, mit denen die Jugendfeuerwehren ausgestattet wurden, weil die Linken sich dafür einsetzten. Zwar hat „Schulle“ als Zurzeit-Single noch keine eigenen Kinder, aber vielleicht werden sich dank seiner Initiativen und Ideen für die Stadt später andere an eine glückliche Kindheit in Görlitz erinnern, so wie er selbst eine hatte.