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Löbaus Langzeit-Direx geht

Hans-Jürgen Gerk hat die Pestalozzi-Oberschule aus der DDR-Zeit ins Heute geleitet und viele Hürden genommen. Jetzt geht er in Rente - aber er bleibt auch noch.

Hans-Jürgen Gerk hat sein ganzes Lehrerleben an der Löbauer Pesta verbracht. 30 Jahre hat er die Schule geleitet.
Hans-Jürgen Gerk hat sein ganzes Lehrerleben an der Löbauer Pesta verbracht. 30 Jahre hat er die Schule geleitet. © Matthias Weber/photoweber.de

Dass dieser schlichte Dietrich der Schlüssel seines Berufslebens werden wird, hat Hans-Jürgen Gerk nicht geahnt, als er ihn vor 40 Jahren ausgehändigt bekam. Noch immer trägt er ihn an seinem Schlüsselbund. Und er nutzt ihn noch heute - allerdings nicht mehr zum Türen öffnen, sondern, um kleine Schrauben festzuziehen. "Ja, den habe ich 1980 bekommen, als ich hier angefangen habe, da hatte man keinen Ersatzschlüssel mehr", erinnert sich der Schulleiter der Pestalozzi-Oberschule in Löbau.

Diesen Dietrich erhielt vor 40 Jahren Hans-Jürgen Gerk als Generalschlüssel zur heutigen Pestalozzi-Oberschule in Löbau. Er trägt ihn noch immer am Schlüsselbund.
Diesen Dietrich erhielt vor 40 Jahren Hans-Jürgen Gerk als Generalschlüssel zur heutigen Pestalozzi-Oberschule in Löbau. Er trägt ihn noch immer am Schlüsselbund. © Matthias Weber/photoweber.de

Über die Löbauer "Pesta" kann der 65-Jährige erzählen wie kein anderer: 40 Jahre war er an der Schule Lehrer, 30 Jahre davon Schulleiter - und das ist er auch noch bis Ende Juli, dann geht er in den Ruhestand. Den Dietrich wird er da wohl nicht abgeben müssen - und das ist auch gut so, denn er passt zu ihm und seiner Art mit Herausforderungen umzugehen. Hans-Jürgen Gerk ist ein praktisch veranlagter und durchaus flexibler Mensch, der in den vergangenen Jahren Lösungen für vieles finden musste. Gelernt hatte er das freilich nicht im Studium in Magdeburg, als er sich zum Geschichts- und Sportlehrer ausbilden ließ. "Den Schulleiter muss man sich erarbeiten", sagt er. 

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Eigentlich hatte der Mann, der aus Schneeberg im Erzgebirge stammt, bereits einen Beruf: Bergmann. Doch bei der Armee habe er gesehen, wie viele mit den sportlichen Aufgaben ihre Schwierigkeiten hatten. "Da wollte ich eben die Welt retten", sagt er und schmunzelt. Bei der Armee lernte er zudem einen Zittauer Lehrer kennen, der ihm riet, erst mal in einem Kinderferienlager zu testen, ob die Arbeit mit Schülern überhaupt was für ihn ist. Das brachte ihn zum ersten Mal in die Oberlausitz, wo er nach dem Studium hingeschickt wurde.

Schüler und Schule haben sich verändert

Die Arbeit mit den Schülern - ja, die hat ihm immer Spaß gemacht und tut es bis heute, betont er. Auch, wenn sich vieles geändert hat: "Insgesamt sind die Schüler heute weniger belastbar als früher, sie sind auch verwöhnter, zum Teil unselbstständiger und haben ein anderes Anspruchsdenken", fasst er zusammen. Er muss lachen bei der Diagnose, denn schon zu Römerzeiten beschwerten sich die Älteren über die "verfallene" Jugend. So würde es Hans-Jürgen Gerk nicht sehen, aber er spürt seit Langem, dass es Lehrer weitaus mehr Mühe kostet, Schüler anzuspornen. "Ja, wir Lehrer merken manchmal, dass wir Hilfe brauchen, auch, weil sich in der Gesellschaft vieles verändert hat", sagt er.

Er selbst hat den Draht zu den Schülern stets gefunden. Aber nicht mit Strenge: "Ich bin nicht der scharfe Hund", sagt er. "Meine Grundidee ist, dass ich an das Gute im Menschen glaube." Respekt, Anstand und ein sozialer Umgang sind seine Prämissen. Vor allem aber setzt er auf Teamgeist - kein Wunder bei einem Mann, der jahrzehntelang selbst begeistert Fußball spielte und mitten in einer Dynamo-Dresden-Hochburg bekennender Erzgebirge-Aue-Fan ist. In der Schule spürt man den Teamgeist seit Jahren durch ein eigenes Logo zum Beispiel, durch die regelmäßigen Absolvententreffen oder auch daran, dass Gerk nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer und alle, die sich um das Schulwohl kümmern, als Einheit sieht: "Auf mich als Schulleiter kann die Schule schon mal paar Wochen verzichten, aber nicht auf Sekretärin, Hausmeister oder die Reinigungskräfte", pflegt er zu sagen.

Beharrlichkeit auch bei Problemen

Nicht immer stand die Pesta im besten Licht da - Drogen, Alkohol, Mopedklau - das alles spielte in den vergangenen Jahren immer wieder eine Rolle. Gerk ist diesen Dingen nicht mit Aufgeregtheit, sondern mit Ruhe und Beharrlichkeit begegnet. Als ihm kürzlich eine Mitarbeiterin gestand, sie habe über die Pesta vorher so viel Schlechtes gehört, nun aber festgestellt, dass es ganz anders sei, hat er sich sehr gefreut. Mit Leistung überzeugen und hinter die Gerüchte-Fassade schauen, das ist ihm wichtig. Das wünscht er sich auch von den Eltern: "Viele glauben, sie waren zehn Jahre an der Schule und können deshalb mitreden", erklärt er. Dabei weiß gerade er am besten, wie stark sich das Schulsystem und auch der Unterricht verändert hat - und das nicht nur wegen der neuen technischen Möglichkeiten. Hier hält es Gerk ohnehin mit Maß und Mitte: "Nur Frontalunterricht ist nicht gut und nur Freiarbeit auch nicht" sagt er.

Viele Klippen hat Hans-Jürgen Gerk in den letzten Jahren nehmen müssen. Wirklich schwer gefallen ist ihm sein Job aber besonders an den drei Tagen als er vor einer Klasse stehen und den Schülern erklären musste, dass ein Mitschüler gestorben sei. "Das hat weh getan", sagt der dreifache Vater und sechsfache Opa schlicht. 

Baulärm und Doppelschule

Dass sich "seine Schule" in den vergangenen Jahren verändert und gemausert hat, darauf ist Hans-Jürgen Gerk durchaus stolz. Turbulent waren die Zeiten, als er die Löbauer Südschule neben der Pesta zusätzlich leiten und deren Auflösung organisierten musste. "Ein Teil der Schüler ist zu uns gekommen", erinnert er sich. Parallel dazu wurde an seiner Schule gebaut. Seit 2003 hatte die Pesta eine neue Turnhalle, 2010 war der Anbau fertig. "Der war übrigens schon 1896 in den ersten Planungen für das alte Schulhaus vorgesehen und angelegt worden", erzählt Gerk, der zur 100-Jahr-Feier der Schule 1998 mit den Schülern kräftig in Löbaus Schulgeschichte recherchiert und eine ausführliche Broschüre zusammengestellt hat. Überhaupt war die 100-Jahr-Feier ein Höhepunkt: "Wir haben damals 3.000 Gäste bei uns begrüßt und ein Zirkuszelt im Hof", erinnert er sich.

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Als Gast wird ihn seine Pesta - und auch die Grundschule in seinem Wohnort Kleindehsa - ab kommenden Schuljahr begrüßen dürfen. Denn er will sich beim Ganztagsunterricht engagieren. Hans-Jürgen Gerk freut sich aber auch auf Haus, Hof und Garten, seine Enkel und viele Fahrradtouren. "Ich brauche keine Weltreise", sagt er und lacht.

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