merken
PLUS

Schulleiter will nicht als Prellbock herhalten

Großenhain scheitert beim Rekordversuch, seine Einwohner zu mobilisieren. Und löst damit eine zweifelhafte Debatte aus.

Von Catharina Karlshaus

Manche Dinge im Leben sind einfach nur dazu da, weil sie Spaß machen. Wie der Flashmob in Großenhain am vergangenen Freitagmittag beispielsweise. Der Radiosender PSR hatte verschiedene Städte – unter den Teilnehmern Torgau, Annaberg-Buchholz, Borna und Mittweida – dazu aufgerufen, sich mittags um 12 Uhr auf dem Marktplatz einzufinden. Wer die meisten Menschen versammeln kann, hat gewonnen. Den Titel des Sachsenmeisters 2014 nämlich und eine kostenlose Werbekampagne im Wert von 10  000 Euro obendrein.

Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien

Bietet Ihnen das komplette Rundum-sorglos-Paket für Ihr Immobilieneigentum.

Ein durchaus lukrativer Preis in Zeiten klammer Gemeindekassen, der die betreffenden Städte offenbar nicht untätig sein ließ. Ihre Bürgermeister, so PSR-Sprecherin Claudia Scholz, hätten sich jedenfalls richtig ins Zeug gelegt. Während in Mittweida der städtische Radiosender ununterbrochen die Werbetrommel rührte, Borna mit einer großen Flyer-Aktion nebst kostenloser Brause für alle Teilnehmer lockte, lösten die Annaberger gar kurz vor 12 Uhr den Feueralarm aus.

Geholfen hat ihnen so viel Wagemut zwar nicht, denn Torgau schnappte mit 1 700 Menschen allen Städten den Sieg vor der Nase weg. Aber immerhin, der Gedanke zählt ja und Motivation, die nach so einer Aktion mit neuem lokalpatriotischem Bewusstsein einhergeht, ist alles. Zumindest dürfen sich das die Mittweidaer (1 425 Teilnehmer) und Bornaer (1 421) durchaus zufrieden sagen, schließlich landeten sie auf den nachfolgenden Plätzen. Ganz im Gegensatz zu den in diesen Fragen eigentlich erfolgsverwöhnten Großenhainern. Letztlich nur 951 Einwohner fanden sich auf dem Hauptmarkt ein.

Ein ernüchterndes Ergebnis, das die Röderstädter nicht nur auf Rang vier katapultierte, sondern bei dem der durchorganisierte Spontanspaß nun erst recht aufhört. Und da es – in diesem Fall wie bei so vielen niederschmetternden Pleiten, Pech und Pannen – immer einen Schuldigen geben muss, war dieser bereits am Freitagmittag schnell ausgemacht: An den fehlenden Schülern hat es angeblich gelegen! Nicht etwa augenzwinkernd betrachtet an Karl-Heinz, der sich grummelnd zum Mittagsschlaf bettete, statt auf dem Markt rumzustehen. Nicht an Oma Melbert, die lieber mit Freundin Gertrud telefonierte, und erst recht nicht an all den „Drückebergern“, die in diversen Büros, an der Supermarktkasse oder in der Werkhalle stumpfsinnig ihrer Arbeit nachgingen. Nein, es liegt an Großenhains Gymnasiasten, die der Röderstadt gründlich den Sieg vermasselt haben. Umso schwerwiegender, weil im denkwürdigen Jahr ihrer Gastgeberschaft zum Tag der Sachsen geschehen. Die künftigen Abiturienten und alle anderen Schulen hätten doch ruhig mal eine oder zwei Stunden ausfallen lassen können, so einige Facebook-Kommentare. Sonst fiele der Unterricht ja schließlich auch aus und statt Mathe oder Deutsch habe man sich wenigstens die Werbegelder sichern können. Vorwürfe, die der Leiter des Werner-von-Siemens-Gymnasiums geradezu unverfroren nennt. „Erstens gibt es noch mehr Schulen in der Stadt. Und zweitens ist die Frage doch viel eher, wie viel Mühe man sich gemacht hat, uns zu informieren.

Lediglich eine kurze Mitteilung gab es am Dienstag und dann haben wir bis Freitagvormittag nichts mehr gehört“, erregt sich Klaus Liebtrau. Wie er betont, habe er es seinen Kollegen freigestellt, ob sie hingehen möchten oder nicht. Wenn schon wegen so einer Sache ernsthaft Ursachenforschung betrieben werde, sollte man mal das Augenmerk auf die mangelnde Motivation der Leute legen. Großenhain habe über 18 000 Einwohner. Wo waren die denn alle? „Wir sind prinzipiell zu allem bereit, denn es ist ja klar, dass eine Schule mit der Stadt lebt und umgekehrt. Aber nicht nur, dass man mal mit uns rechtzeitig reden muss. Es sollte auch die Verhältnismäßigkeit beachtet werden“, kritisiert Klaus Liebtrau. Seine Zwölftklässler schreiben morgen ihre erste Prüfung.