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Schumanns Seniorenheime

Ein privater Altenheimbetreiber in Sachsen hat zwar kein Personal, will aber neue Häuser bauen. Es gibt ja Fördergeld.

Der Aufnahmestopp für das ältere der beiden Seniorenheime von Heinz Schumann in Oderwitz hat nach Angaben der sächsischen Heimaufsicht weiterhin Bestand.
Der Aufnahmestopp für das ältere der beiden Seniorenheime von Heinz Schumann in Oderwitz hat nach Angaben der sächsischen Heimaufsicht weiterhin Bestand. © Rafael Sampedro

Der Schäferteich ist abgelassen. Gegenüber macht der Schlosspark Winterruhe. Und inmitten dieser Abgeschiedenheit am Dorfrand von Schönfeld im Landkreis Meißen thront fast trutzig ein großer, gelb getünchter Neubau mit dunkelblauen Fensterrahmen: die Seniorenresidenz „Haus Sonne“.

Das 2004 eröffnete Heim mit 60 Plätzen gehört dem Berliner Diplom-Kaufmann Heinz-Ewald Schumann. Im Frühsommer dieses Jahres ist der 68-Jährige in die Schlagzeilen gekommen: als Betreiber eines Altenheims in Sachsen, über das ein Aufnahmestopp verhängt wurde. Wegen „gravierender Mängel“, wie es bei der Heimaufsicht vom Kommunalen Sozialverband Sachsen heißt. Oder anders: Es gab zu wenig Personal für die Pflege von zu vielen Alten. Der Stopp betraf das ebenfalls Schumann gehörende Pflegeheim in Oderwitz bei Zittau.

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Das Haus mit rund 220 Plätzen steht bereits seit Anfang der 1980er-Jahre. Mit einem Eigenanteil von unter 900 Euro im Monat war es bislang eines der billigsten Altersunterkünfte Sachsens. Ein Bett, ein Schrank, ein Sessel und zehn Quadratmeter Platz je Person im Doppelzimmer. Tisch und Waschbecken muss man sich teilen. Klo und Duschen gab es bis jetzt für die mehr als 20 Bewohner nur einmal auf dem langen Gang, an dem sich Zimmertür an Zimmertür reiht.

Beschwerden darüber kamen lange Zeit nicht. Auch bei der Heimaufsicht schnitt das Haus mit der Note 1,0 ab, die Wachkoma-Station gehörte 2011 zu den Häusern mit Bestnoten im Pflegeführer der Sächsischen Zeitung. Bernd Zöllner, der das Heim in Oderwitz rund 30 Jahre lang bis Juni 2019 leitete, sagt: „Es war alles in bester Ordnung bis zu dem Tag, als Herr Schumann sich entschloss, neu zu bauen.“ Da habe er, Zöllner, ihn gefragt, woher er denn das Personal nehmen solle. „Es war ja schon schwierig, für das alte Heim genügend Leute zu finden.“

Schumann baute dennoch. Gleich nebenan, die Seniorenresidenz „Panoramablick“. Der Name ist zurecht gewählt. Auf der Südseite reicht die Aussicht bis zum Zittauer Gebirge. „Sie wohnen bei uns in gehobener Hotelatmosphäre in großzügigen Einzelappartements mit toller Aussicht und exklusivem Ambiente mit feinster Küche“, heißt es in der Eigenwerbung. Zuzahlungspreise ab 1.380 Euro aufwärts.

Der acht Millionen Euro teure Neubau sollte schon 2011 fertig sein, eröffnete aber erst 2017. Am hinteren Teil sind die Außenanlagen auch im Winter 2019 noch nicht fertig. Von außen betrachtet, entsteht der Eindruck, diverse Zimmer im Erdgeschoss stünden leer.

Geht es nach Schumann, soll nun auch in Schönfeld ein zweites Heim entstehen. Wie auch in Oderwitz, direkt neben dem schon bestehenden. Platz genug ist vorhanden. Das Feld ist weit, der Blick reicht bis zur gut zwei Kilometer entfernten Autobahn 13 Dresden–Berlin. Mit 100 Plätzen soll das neue Heim deutlich größer werden als das „Haus Sonne“. Die Gemeindeverwaltung bestätigt, dass Baurecht vorliegt. Schumann habe die Fläche von privat erworben, heißt es. Außer in ein neues Heim will der Berliner auch noch in 15 Einfamilienhäuser investieren.

Auf dieser Brache in Schönfeld will Heinz Schumann ein zweites Heim bauen. Im Hintergrund lugt die gelb getünchte Seniorenresidenz „Haus Sonne“ hervor. 
Auf dieser Brache in Schönfeld will Heinz Schumann ein zweites Heim bauen. Im Hintergrund lugt die gelb getünchte Seniorenresidenz „Haus Sonne“ hervor.  © Kristin Richter

Als Schumann das Projekt im vorigen Mai im Gemeinderat von Schönfeld vorstellte, antwortete er auf die Frage nach dem notwendigen Personal, er habe mehr als 100 Albaner in ein eigenes Ausbildungsprogramm geschickt. Sie sollten dort die nötige Qualifikation für deutsche Standards erhalten. Man würde sie sowohl auf Fach- wie auf Sprachkenntnisse prüfen.

Die Albaner kamen tatsächlich. In Schönfeld waren es sechs. Drei Pärchen. Ob Mann und Frau, Bruder und Schwester oder Vater und Tochter ist nicht bekannt. Untergebracht in Großenhain, pendelten sie in einem Kleinbus nach Schönfeld. Bürgermeister Hans-Joachim Weigel, der für die AfD im Meißener Kreistag sitzt, sagt: „Das sind fleißige und freundliche Leute, die bei den Senioren beliebt sind.“ Nun aber heißt es aus dem Umfeld des Heims: „Jetzt sind sie weg, einfach verschwunden.“ Dem Internetauftritt von „Haus Sonne“ zufolge wird derzeit nur eine Pflegefachkraft für 30 Wochenstunden gesucht.

In Oderwitz hingegen sind die Albaner geblieben. 20 von ihnen kamen noch vor dem Aufnahmestopp, um die Personalsituation zu entspannen. Fast zeitgleich entließ Schumann den über Jahrzehnte amtierenden Heimleiter Zöllner, ebenso dessen Frau, die für die Pflegeplanung zuständig war. Das Paar habe „Mobbing gegen die albanischen Mitarbeiter betrieben“, urteilte Schumann damals. Und „gravierende organisatorische Mängel“ zu verantworten. Ehemalige und Noch-Mitarbeiter berichten von ständiger Zeitnot. Von Pflegeleistungen, die nur auf dem Papier standen. Von fachlichen Fehlern und pflegerischen Missständen. Ja, sogar von psychischer und physischer Gewalt gegen Bewohner. Sie stellten Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen bei der Heimaufsicht.

Bernd Zöllner leitete das Heim in Oderwitz rund 30 Jahre lang bis Juni 2019.
Bernd Zöllner leitete das Heim in Oderwitz rund 30 Jahre lang bis Juni 2019. © Thomas Eichler

Die Zöllners wollen sich öffentlich nicht äußern, auf eine gerichtliche Auseinandersetzung mit ihrem früheren Chef verzichten sie jedoch. „Wir haben uns mit Herrn Schumann geeinigt“, sagt Bernd Zöllner nur.

Wie die Albaner nach Sachsen gekommen sind, und was es genau mit ihrem Ausbildungsprogramm auf sich hat, darüber gibt es nur Spekulationen. Ein Arzt, der eng mit den beiden Schumann-Heimen in Oderwitz verflochten ist, sagt, das habe damals ein albanischer Vermittler organisiert, „aber den gibt es hier nicht mehr.“ Auch Altenheimbetreiber Schumann will das nicht erklären. Am nächsten kommt ihm die Sächsische Zeitung noch bei einem Telefonat mit seiner Seniorenanlage im niedersächsischen Schloss Schliestedt, einem der bedeutendsten Rokoko-Bauten im Braunschweiger Land. Eine Dame geht ans Telefon, doch im Hintergrund ist Schumanns Stimme zu hören. „Ich rede nicht mit denen.“

Stattdessen meldet sich Schumanns Anwalt aus Frankfurt (Oder): „Eine Beantwortung der von Ihnen aufgeworfenen Fragen“ werde oder könne nicht erfolgen. Für ein Gespräch stehe Herr Schumann nicht zur Verfügung. „Sie werden daher aufgefordert, von weiteren Anfragen, auch in den Pflegeeinrichtungen selbst, abzusehen.“

Schumann besitzt mehrere Pflegeheime

Mit zwei Firmen betreibt Schumann acht Heime: eines in Niedersachsen, zwei in Sachsen-Anhalt, zwei in Berlin und vier in Sachsen. Meist heißen sie „Haus Sonne“. „Ich baue keine Häuser, in denen ich nicht selbst wohnen würde“, sagte der Kaufmann in einem früheren Interview. Er sei schon seit fast 50 Jahren in der Branche tätig und betrachte den „Dienst an Menschen im Alter“ als seine Lebensaufgabe. Dieser „Dienst“, er dient mittlerweile als Slogan für seine Heime.

Am Anfang seiner Karriere versuchte Schumann jedoch, in der Modebranche Fuß zu fassen. Gemeinsam mit zwei Designern gründete Schumann 1981 das Label Univogue zur Fabrikation und zum Vertrieb von Damenoberbekleidung. Die beiden Designer, die heute in einem Dorf in Südfrankreich leben, wollen sich am Telefon nicht äußern, schreiben jedoch per Mail: „Zu unserem ehemaligen Geschäftspartner können wir Ihnen nur mitteilen, dass wir ihn erfolgreich seit langer Zeit aus unserem Gedächtnis gestrichen haben.“

Spätestens mit Beginn der 1990er-Jahre war die Mode-Idee gestorben. Bereits im Sommer 1983 hatte Schumann auch die Pflegebranche für sich entdeckt. Er übernahm das einstige Heim „Clayallee“ in Berlin-Zehlendorf. Die 52 Einzel- und vier Doppelzimmer fungierten später als „Haus Riemeisterfenn“. Das ist seit Januar 2019 geschlossen. Das für die Aufsicht in Berlin zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gibt dafür „unternehmerische Gründe“ an. Aufgrund nicht näher bezeichneter Beschwerden prüfte das Lageso Schumanns 164-Plätze-Heim „Haus Kyritz“ in Berlin-Hellersdorf, es wurden jedoch keine Mängel festgestellt.

Anders war das beim „Haus Sonne“ in Berlin-Lichtenfelde. Das Heim mit 73 Plätzen bezeichnet sich als „ein besonderes Haus im Zeichen der Sonne, des Lebens, der Wärme und des Lichtes“. Auch hier wurde die Lageso-Heimaufsicht aufgrund von „Beschwerden“ aktiv. Bei der Prüfung im Mai dieses Jahres zeigte sich: Das Grundstück konnte nur durch das gleichzeitige Drücken von zwei Schaltern am Tor verlassen werden; die Prüfer sehen darin einen Verstoß gegen den Erhalt der Selbstverantwortung der Bewohner. Weiterhin kritisierte die Aufsicht, dass das Dienstzimmer, der Arzneischrank und der Tresor mit den Betäubungsmitteln unverschlossen waren. Zudem registrierten sie Verstöße gegen die Pflegedokumentation. Bereits einen Monat später berichtete die Lageso jedoch, die Mängel seien behoben.

Das Pflegeheim in Niederoderwitz.
Das Pflegeheim in Niederoderwitz. © Thomas Eichler

Zurück nach Sachsen. Der Heimaufsicht zufolge gilt derzeit für sieben Pflegehäuser im Freistaat ein Aufnahmestopp, drei mehr als noch im Sommer. Nach wie vor gelte das auch für Oderwitz. Monika Pittasch, die Sprecherin der sächsischen Heimaufsicht sagt, die Einrichtung befände sich auf einem guten Weg, die angezeigten Mängel seien weitgehend abgestellt. „Die erforderliche Fachkräftequote ist aber noch nicht erreicht.“

Schon bei einem Gerichtsprozess im Februar 2014, in dem über die Folgekosten nach dem Oberschenkelhalsbruch einer Bewohnerin gestritten wurde, konstatierte der Richter, er habe den Eindruck, am Personal in Oderwitz werde gespart. Nach einem Arbeitsgerichtsprozess im August 2017 im sachsen-anhaltinischen Zerbst, wo Schumann ebenfalls ein Heim betreibt, musste er einer ehemaligen Mitarbeiterin rund 395 Überstunden mit fast 7.000 Euro abgelten sowie eine Abmahnung aus der Personalakte entfernen.

Aus Mitarbeiterkreisen in Oderwitz heißt es nun, der Dienstplan für Januar könne nicht richtig geplant werden, weil einfach zu wenig Fachkräfte da seien. Immer wieder mal werde Personal aus anderen Häuser geschickt. Auf dem Betriebsparkplatz standen zumindest in der Woche vor Weihnachten ein VW-Bus vom Heim in Schönfeld sowie ein Transportfahrzeug aus Zerbst. Außerdem, so heiß es, kämen außer den Albanern mittlerweile auch Tschechen zum Einsatz. Und es seien „freiberufliche Fachkräfte“ befristet eingestellt worden. Aktuell werden laut Internet-Auftritt Altenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger, Ergotherapeut, Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr und Azubis gesucht.

Neue Heimleiterin schon wieder weg

Die Angehörige einer Oderwitzer Heimbewohnerin berichtet, die albanischen und tschechischen Mitarbeiter seien nett, zuvorkommend und liebevoll. Eine andere sagt: „Die Mitarbeiter geben sich Mühe, aber sie sind immer noch zu wenige, um alles zu schaffen.“ Dass mit den Bewohnern jetzt besser umgegangen wird, sei auch dem öffentlichen Druck zu verdanken.

Im November ließ Schumann über die neue Heimleiterin Anita Knippel verkünden, er werde kräftig investieren und das alte Haus schrittweise umbauen: So sollen alle 100 Zimmer eine eigene Dusche und Toilette bekommen und der Großteil der Doppel- zu Einzelzimmern werden. Mehrfach bestätigt wird im Umfeld der beiden Oderwitzer Heime nun jedoch, dass Knippel bereits nicht mehr da ist. Und auch die neue Leiterin im benachbarten „Panoramablick“ habe es erwischt. Schumann selbst schaue jetzt einmal wöchentlich vorbei und regele das Nötigste.

Ob das reicht? Zahlen zu seinem Geschäft rückt der Berliner nicht raus. Seine beiden Betreiberfirmen mit insgesamt rund 660 Beschäftigten haben zuletzt für das Jahr 2010 Abschlüsse veröffentlicht. Diesen ist zu entnehmen, dass etwa die Finanzierungen für das „Haus Oderwitz“ und das „Haus Sonne“ in Schönfeld „zu großen Teilen aus nicht rückzahlbaren öffentlichen Zuschüssen“ erfolgte. Beim Berliner „Haus Kyritz“ hätten diese Zuschüsse 84 Prozent der Finanzierung betragen. Insidern zufolge soll der Umsatz von Schumanns Pflege-Gruppe zwischen 30 und 35 Millionen Euro liegen. Als er Anfang des Jahres gefragt wurde, was er verdiene, lächelte er freundlich und sagte nur: „Ich beschwere mich nicht.“

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Schönfelds Bürgermeister Weigel indes harrt der Dinge, die Schumann in seiner Gemeinde vorhat. Einfamilienhäuser würden helfen, die jungen Leute zu halten, sagt er. Und ein zweites Altenheim schaffe Arbeitsplätze. Aber natürlich frage man sich im Dorf: „Woher will der nur das Personal dafür nehmen?“

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