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Schwarze Tage für zwei ehemalige Lichtgestalten

Die Ex-Chefs des insolventen Leuchtenbauers Hess sollen zwei Millionen Euro Schadenersatz leisten. Ein weiteres Urteil wird auch in Löbau erwartet.

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© Matthias Weber

Von Tilo Berger

Er war ein Vorzeige-Unternehmer in der Oberlausitz, Landes- und Kommunalpolitiker ließen sich gern mit ihm fotografieren. Von 2012 bis 2013 gehörte er auch dem Präsidium der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden an. Christoph Hess galt als Lichtgestalt – im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Unternehmen baute Leuchten für Straßen, Plätze und Einkaufszentren in aller Welt. 2007 hatte der damalige Mittdreißiger den Betrieb seines Vaters Jürgen G. Hess übernommen. Das Stammwerk befand sich in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald, eine Produktionsstätte mit in besten Zeiten rund 100 Beschäftigten in Löbau. Für diese im Jahr 2000 eröffnete Ansiedlung wurden erst Jürgen und später Christoph Hess gefeiert.

Der Junior machte aus dem einstigen Familienbetrieb eine Aktiengesellschaft, für die es nur eine Richtung zu geben schien: Wachstum. Im Oktober 2012 ging das Unternehmen an die Börse, was rund 35 Millionen Euro in die Kassen spülte. Gut 20 Prozent der Aktien kaufte in drei Raten allein der niederländische Finanzinvestor HPE (Holland Private Equity), dessen Chef Tim van Delden Aufsichtsratsvorsitzender der Hess AG war.

Ein Deal, der Christoph Hess und seinen ehemaligen Finanzvorstand Peter Ziegler jetzt teuer zu stehen kommt. Das Landgericht Konstanz verurteilte Hess und Ziegler vor wenigen Tagen zur Zahlung von zwei Millionen Euro plus Zinsen an HPE. Das bestätigte ein Gerichtssprecher in Konstanz auf Anfrage der SZ. Die Niederländer hatten auf Schadenersatz geklagt, und die Richter in der Bodensee-Stadt folgten ihrer Argumentation: „Hätte die Klägerin die Manipulationen der Bilanzen durch die Beklagten gekannt, hätte diese keine weiteren Aktien erworben.“

Bilanzmanipulation – mit diesem Vorwurf feuerte der Hess-Aufsichtsrat im Januar 2013 die beiden Vorstände. Kurz darauf ging die Aktiengesellschaft in Insolvenz. Später war von Scheinrechnungen und geschönten Zahlen die Rede, von einem schwer zu überblickenden Geflecht von Tochter- und Briefkastenfirmen. Sie sollen sich gegenseitig Leistungen berechnet haben, die es gar nicht gab, aber als Einnahmen in den Zahlen der Aktiengesellschaft für 2011 und 2012 auftauchten. Das kann kein Versehen gewesen sein, urteilten die Konstanzer Richter: „Die Beklagten handelten auch vorsätzlich. Ihnen war bewusst, dass sie, indem sie Rechnungen lediglich zum Schein erstellten beziehungsweise erstellen ließen, was zu einer erheblichen Erhöhung der Umsatzzahlen der Hess AG führte, einen Irrtum bei der Klägerin hervorgerufen haben.“ So zitiert der Schwarzwälder Bote in Villingen-Schwenningen aus dem Urteil, das der Zeitung vorliegt.

Ein weiteres Verfahren gegen die Ex-Vorstände der insolventen Hess AG ist bei der Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim anhängig. Hess und Ziegler wird Untreue in besonders schwerem Fall vorgeworfen, außerdem besteht der Verdacht der unrichtigen Darstellung nach dem Handelsgesetzbuch beziehungsweise Aktiengesetz nebst Verletzung der Buchführungspflicht, des Kapitalanlagebetruges mit vorsätzlicher Marktmanipulation und des Kreditbetruges. Bei Insolvenzverwalter Volker Grub in Stuttgart sind Forderungen von mehr als 100 Millionen Euro angemeldet. Zu den Gläubigern sollen auch ehemalige Beschäftigte des Löbauer Werkes gehören.

Auf dem Betriebsgelände haben sich inzwischen zwei neue neue Firmen niedergelassen. Das ehemalige Stammwerk in Villingen-Schwenningen gehört heute zur Hess GmbH Licht + Form als Tochterunternehmen der niederländischen Nordeon-Gruppe. Und Christoph Hess? Die SZ versuchte am Montag vergeblich, Kontakt mit der ehemaligen Lichtgestalt aufzunehmen.