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Schwarzer Charakter mit Zukunftspotenzial

Eine Legende soll im Raum Legnica für Furore sorgen. Dabei helfen auch Ausgrabungsfunde.

Von Agnieszka Bormann

Verlasst euch nicht auf Fürsten“, ruft ein großer Mann mit langem schwarzem Haar. Hände gefesselt, auf seinem letzten Weg vom Schlossgefängnis zur Hinrichtungsstätte. Die zahlreich versammelten Bürger verbergen mühsam ihre Schadenfreude. Da schlägt die Stunde der Gerechtigkeit für den Schwarzen Christoph. Es ist der 5. Oktober 1513 in Liegnitz.

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500 Jahre später erleben die Besucher des Marktes in Legnica dieselbe Situation. Ein auffallender Zug von etwa 20 Personen im mittelalterlichen Gewand beschreitet den gleichen Weg. Die überraschten Zuschauer genießen sichtlich das bunte Spektakel. Dessen zentrale Figur bleibt allerdings den meisten bis zum Verlesen des Urteils unbekannt. „Das sollte sich bald ändern“, sagt der Organisator, Mariusz £esiuk. „Wir möchten diese Inszenierung ausbauen und als eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung etablieren. Der Schwarze Christoph hat das Potenzial, zu einer Art Regionalmarke zu werden.“

Aber wer war dieser Mann? Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Dorf Alzenau (heute Olszanica, Kreis Z³otoryja/Goldberg). Hier hat Christoph von Reisewitz, wegen seines langen schwarzen Haares allgemein der „Schwarze Christoph“ genannt, seine Burg auf einem sumpfigen, von Wasser umgebenen und schwer erreichbaren Gelände erbaut.

Um 1500 beginnt Christoph von Reisewitz mit einigen Gleichgesinnten sein Dasein als Raubritter und wird sehr bald zum Schrecken der Händler, Pilger, Reisenden aber auch der Bewohner weiter Teile Schlesiens, Böhmens und der Lausitz. Schlösser, Gastwirtschaften, Klöster, Pfarrhäuser, Jahrmärkte - die Bande raubt überall und alles, was Wert hat (siehe Kasten).

Mindestens zwölf Jahre lang treibt Christoph sein Unwesen, nach und nach hauptsächlich in der Region um Liegnitz und Goldberg. Ein beachtlicher Zeitraum. Vermutlich bleibt er deshalb so lange unbestraft, weil er regelmäßig einen Teil seiner Beute Friedrich II., dem Herzog von Liegnitz und Brieg, abgibt, oder in seinem Auftrag manch unsauberes Geschäft erledigt.

Raubritter wird hingerichtet

Im September 1512 gelingt es den Goldberger Bürgern endlich, den Schwarzen Christoph in seiner Alzenauer Burg festzunehmen. Die Burg wird in einem Racheakt niedergebrannt. Über ein Jahr lang sitzt Christoph von Reisewitz im Kerker des Liegnitzer Schlossturmes und ersucht Gnade beim Herzog Friedrich II. Doch dieser kann oder will ihm nicht mehr helfen. Am 5. Oktober 1513 wird der berüchtigte schlesische Raubritter hingerichtet.

Nach seinem Tod lebt er im Gedächtnis, in zahlreichen Ortslegenden und in der Redewendung „Du lügst wie der Schwarze Christoph“ weiter. So sollen schlesische Mütter ihre unartigen Kinder noch im 20. Jahrhundert gemahnt haben. Der aus der Region um Goldberg stammende Volkskundler Will-Erich Peukert hat die Legende vom Schwarzen Christoph in seine Mitte der 1920er Jahren entstandene Sammlung „Schlesische Sagen“ aufgenommen. Jahrhunderte lang hat man auch an einen großen Schatz des Raubritters geglaubt.

Die Vorkriegsbewohner der Region haben weder die Burgreste noch den Schatz gefunden. Nach dem Krieg wurde Alzenau zu Olszanica und seine neue Bevölkerung zeigte kein Interesse für deutsche Legenden. Erst in der zweiten Generation der dort geborenen Polen fanden sich einige, die die deutsche Vergangenheit ihrer Region wieder zu entdecken begannen. Doch auch sie haben den überlieferten sumpfigen Standort des niedergebrannten Raubritternestes im östlichen Teil des Dorfes „zwischen zwei Teichen“ nicht lokalisiert. Erst 2003 kam der Durchbruch. „Als mich der Besitzer des Geländes damals anrief und erzählte, was er grade bei seinen Erdarbeiten an einem neuen Teich fand, wusste ich sofort, was er ausgegraben hatte“ erinnert sich £esiuk, derselbe junge Archäologe, der zehn Jahre später in Legnica den Schwarzen Christoph zum zweiten Mal hinrichten lässt. £esiuk ist in der Gegend kein Unbekannter. Er kommt aus Radziechów, dem Nachbardorf von Olszanica. Hier ist er 1977 geboren, dorthin ging er nach seinem Archäologiestudium an der Universität in Wroc³aw zurück. Seine Firma „Pro Archaeologia“ übt bei zahlreichen Ausgrabungen in der Region die fachliche Aufsicht aus. Er engagiert sich auch aktiv für den Erhalt und die selbstbewusste Aufarbeitung des deutschen Kulturerbes als Teil der regionalen Identität. Anfang 2012 hat er hierfür die Stiftung „Archeo“ gegründet. So verwundert auch nicht, dass er als erster von dem ungewöhnlichen Fund informiert wird. Zusammen mit Bart³omiej Gruszka und Dr. Pawe³ RzeŸnik vom Archäologischen Institut der Universität Wroc³aw, dem die wissenschaftliche Leitung obliegt, führt £esiuk im Juli 2003 archäologische Arbeiten zur Rettung und Dokumentation des bereits stark von Erdarbeiten zerrütteten Standortes durch. Die Rettungsaktion betrifft eine Fläche von circa 50 Quadratmetern und endet in der Freilegung von Resten eines Gebäudes, das als Küche oder Essraum diente und auf Eichenpfählen über dem sumpfigen Untergrund stand. Unter der zerstörten Fachwerkmauer mit Brandspuren finden die Archäologen eine große Menge an Keramikmaterial, unter anderem 20 vollständig erhaltene Gefäße, viele Scherben, einige Haushaltsgegenstände und Militärutensilien.

Marketing mit T-Shirts

Die Kosten der Ausgrabungsarbeiten wurden vom Keramikmuseum aus Boles³awiec übernommen. Dessen Direktorin, Anna Bober-Tubaj, bezeichnete die gefundenen Gegenstände als „in künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht einmalig“. 2005 hat das Museum – unter anderem mit finanzieller Unterstützung durch die Dresdner Stiftung „Pro Archaeologia Saxoniae“ – eine Ausstellung mit den Funden aus Olszanica präsentiert. Im Depot des Museums werden sie auch bis heute aufbewahrt.

Bereits bei der Ausstellungseröffnung hat 2005 eine erste Inszenierung mit dem Schwarzen Christoph in der Hauptrolle stattgefunden. Dieselben Schauspieler sind nun auf dem Markt in Legnica zu sehen. Sie gehören der Goldberger Truppe „Historische Schauen“ um Tomasz Soko³owski und Tomasz Miêkus an. „Vor mehr als zehn Jahren kamen wir mit dem Thema in Berührung und haben es in unser Repertoire aufgenommen“ erinnert sich Soko³owski. Die Inszenierung in Legnica ist bereits der zweite Teil; der erste wurde eine Woche früher in Olszanica auf dem Kirchenplatz aufgeführt. „Dort haben wir einen der zahlreichen Räuberzüge des Schwarzen Christoph nachgestellt. Auch zukünftig wollen wir diese Zweiteiligkeit beibehalten, um mehr Menschen zu erreichen“, sind sich Soko³owski und £esiuk einig.

£esiuk ist enttäuscht von der mangelnden Unterstützung seiner Gemeinde, lässt sich aber nicht entmutigen. Er brennt für seine Ideen und hat auch Mitstreiter, unter anderem £ukasz Strynkowski von der Stiftung „Fopit Gobi“ aus Raczkowa bei Legnickie Pole (Wahlstatt). Seinen Bemühungen ist zu verdanken, dass die Stadt Legnica die Filmaufnahmen von der Inszenierung mitfinanzierte und diese auch zu Zwecken des Stadtmarketings verwenden wird.

Die diesjährigen, wegen fehlender Finanzierung etwas improvisierten Inszenierungen, sieht £esiuk als Investitionen für die Zukunft. Aus den an beiden Orten gedrehten Filmaufnahmen wird ein Trailer für die Internetkampagne zusammengeschnitten, auch Fotomaterial entsteht. Damit möchte er bald beim Kulturministerium in Warschau um die Finanzierung weiterer Ausgrabungen und Projekte kämpfen. „Um den Schwarzen Christoph sollte man eine ganze Marketing-Maschinerie in Bewegung setzen: Facebook, Videos, Events, T-Shirts, Postkarten, Workshops für Hobby-Archäologen an authentischen Orten und vieles mehr, damit er in der Region und darüber hinaus bekannt wird. Eine Marke zu etablieren, ist ein langer Weg. Und wir sind erst ganz am Anfang“.