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Schwarzer Tag für Bombardier

Nun haben die Mitarbeiter Gewissheit: 700 von ihnen müssen gehen. Aber kampflos werden sie das nicht tun.

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© nikolaischmidt.de

Von Daniela Pfeiffer

Mit versteinerten Mienen kommen die meisten Arbeiter am Donnerstag gegen 14 Uhr aus dem Görlitzer Bombardier-Werk. Die Belegschaftsversammlung in der Montagehalle ist gerade vorbei. Jetzt wissen sie, dass 700 von ihnen gehen müssen. 500 Leiharbeiter und 200 Festangestellte. Die Wenigsten haben Lust, den vor dem Werkstor wartenden Journalisten Fragen zu beantworten. Wie soll es einem schon gehen, wenn man gerade erfahren hat, vor welch ungewisser Zukunft man steht.

Jan Otto IG Metall, Sachsen
Jan Otto IG Metall, Sachsen

„Riesen-Sauerei“, sagt dann doch einer. Und ein junger Mann erzählt von der Versammlung: „Es war eine beschissene Stimmung.“ Natürlich habe auch er jetzt Zukunftsängste, seit zwei Jahren arbeitet er im Rohbau. Ob er bleiben kann, er weiß es nicht.

Bislang ist bis auf die blanke Zahl noch gar nichts klar. Nicht wer, nicht wann. Allerdings räumt Bombardier-Pressesprecher Andreas Dienemann ein, dass der Stellenabbau bis Ende 2017 abgeschlossen sein soll. Ob schon dieses Jahr die Ersten gehen müssen, könne er nicht sagen. Das hänge vom „operativen Geschäft“ ab. Fakt ist, dass der Termindruck groß ist, für den großen Schweiz-Auftrag im Dezember 13 Züge fertig sein müssen.

Aber was ist danach? Solange der Konzern für Görlitz keine neuen Aufträge an Land zieht, sieht die Zukunftsperspektive für das Görlitzer Werk schlecht aus. Aber Aufträge sind momentan nicht in Sicht. Die selektive Angebotsstrategie der Chefetage wird dafür verantwortlich gemacht. „Görlitzer Produkte werden ja überhaupt nicht angeboten“, sagt ein Mitarbeiter. „Wenn da nichts passiert, läuft es auf Werksschließung hinaus.“

Die Fehlentscheidungen der Konzernleitung waren bei der Belegschaftsversammlung ein großes Thema. Die Bombardier-Jugend nahm diese auf die Schippe, indem sie symbolisch den Verstand und die Verantwortung der deutschen Geschäftsführung in einem Sarg beerdigte. Wer wollte, konnte mit seiner Unterschrift auf einem großen Banner seine Zustimmung für diese Aktion und seinen Protest gegen den Stellenabbau zum Ausdruck bringen. Es heißt, es habe sich eine lange Schlange gebildet, so viele wollten unterzeichnen. Anne-Lynn Schneider von der Vertretung der jungen Arbeiter und Azubis sagte: „Seit Montag wussten wir, dass es uns wahrscheinlich massiv treffen wird und wollten ein Zeichen setzen. Also haben wir alles beerdigt, was uns stört.“ Das seien natürlich auch die Entscheidungen von ganz oben, die nicht nachvollziehbar wären. Erst würden „massig Leute“ eingestellt, um eine rollende Woche zu fahren, jetzt werden massenhaft welche entlassen. „Wir bitten, doch verantwortungsvoller mit den Mitarbeitern umzugehen, Strategien durchschaubarer zu machen und besser mit uns zu kommunizieren“, so Schneider. Etwa 50 bis 60 junge Kollegen vertritt sie mit, von denen viele nun bangen, ob sie nach der Lehre überhaupt übernommen werden. „Wir versuchen ihnen die Bedenken zu nehmen, die Jugend muss doch vorankommen.“

Ob die Geschäftsführung darauf Rücksicht nimmt, wissen sie nicht. Andreas Dienemann verteidigte am Donnerstag den Schritt der massenhaften Entlassungen, die er allerdings Anpassungsmaßnahmen nennt. Sie seien nötig, um das Werk Sachsen, das Görlitz ja jetzt zusammen mit Bautzen bildet, zukunftssicher zu machen. Die Konkurrenz schlafe nicht, vor allem die in Osteuropa und Asien. Darauf müsse der Konzern reagieren. „Die Nachfrage verschiebt sich, das heißt, wir müssen neue Märkte erschließen und dort auch vor Ort produzieren.“ Er versäumt nicht, darauf hinzuweisen, dass die Görlitzer Belegschaft in den vergangenen drei Jahren verdoppelt wurde. Jetzt, da Projektspitzen durch seien, müssten die Mitarbeiterzahlen wieder nach unten korrigiert werden.

Dagegen haben Betriebsrat und IG Metall am Donnerstag ganz klar ihr Veto eingelegt. „Unser Job ist nun, die Massenentlassungen möglichst zu verhindern, denn solche Entscheidungen kann man nicht hinnehmen“, sagte Betriebsratsvorsitzender Volker Schaarschmidt. An seiner Seite weiß der Betriebsrat einen kampfbereiten Jan Otto, Sachsenvorsitzender der IG Metall. Der liefert eine deutliche Kampfansage: „In Prozessen und Projekten sehe ich ein höheres Einsparpotenzial als durch so einen Personal-Kahlschlag“, so Otto. „Wie soll da die Mitarbeiterschaft motiviert werden? Wir nehmen das nicht hin und werden mit allen Mitteln kämpfen.“ Und zwar nicht hinter verschlossenen Türen wie am Donnerstag, sondern öffentlichkeitswirksam. So wird es zunächst am 17. März einen Aktionstag an allen Standorten geben. Dass die Görlitzer Belegschaft mitzieht, daran haben Otto und Schaarschmidt keinen Zweifel.

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