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Schweigen für Gott

In der Fastenzeit leben die Schwestern des Panschwitz-Kuckauer Klosters noch enthaltsamer. Tagelang sprechen sie nicht.

© René Plaul

Von Jana Ulbrich

Schweigen. So schwer ist das gar nicht. Auch nicht für Schwester Gabriela, die doch gerne und viel und schnell redet und immer noch, auch nach 33 Jahren in Panschwitz-Kuckau, in ihrem fröhlichen brandenburgischen Dialekt. Schwester Gabriela sitzt am Tisch im kleinen Beratungsraum und zieht die fein gestrickten Müffel über ihren Handgelenken zurecht. Sie muss lachen. „So isset ja nich“, sagt sie in eben jenem Brandenburgischen, „Ick halte auch gerne den Mund.“ So, als ob das nichts wäre, den Mund halten.

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Eine ganze Woche lang haben die Schwestern des Klosters Sankt Marienstern nicht miteinander gesprochen. Das Schweigen gehört zu ihren Jahresexerzitien, die sie immer zu Beginn der Fastenzeit halten. In diesen Tagen, erklärt Schwester Gabriela, sind sie ganz allein bei sich selbst und beim stillen Zwiegespräch mit Gott. Schweigen, das heißt ja nicht, keine Worte zu haben.

Schwester Gabriela mag diese Zeit der vollkommenen Einkehr. „Das Schweigen ist für uns etwas sehr Besonderes“, sagt sie. „Auf die Woche der Exerzitien freuen wir uns alle sehr. In dieser Zeit holen wir uns neue Kraft und neue Nahrung für unser geistliches Leben.“ Natürlich sei die Fastenzeit für die Schwestern im Kloster auch Verzicht. Fasten heißt für die Zisterzienserinnen vor allem aber auch, sich noch intensiver als sonst im Jahr ins geistliche Leben zu vertiefen.

Die Schwestern tun das gemeinsam. Jede tut es in den sieben Fastenwochen aber auch für sich. Mutter Philippa, die Äbtissin, hat mit jeder Einzelnen gesprochen. Jede hat sich selbst einen persönlichen Verzicht auferlegt. Schwester Gabriela isst jetzt keine Wurst, kein Fleisch, keine Süßigkeiten. Sie hat zu großen Teilen auch ihrem Computer entsagt. Und überhaupt nimmt sie jetzt „von allem ein bisschen weniger“, so wie es der Heilige Benedict empfiehlt, nach dessen Regeln die Schwestern in Marienstern leben. Benedikt von Nursia hat im Leben Maßhaltung gepredigt. Auf das Überflüssige solle man getrost verzichten. Schwester Gabriela lächelt: „Es würde der Welt viel helfen.“

Sie hat jetzt gleich Dienst im Klosterladen und muss sich beeilen. Eigentlich mag die 53-Jährige keine Eile. Aber sie muss ja noch das Wechselgeld abzählen und die Kartenständer aus dem Lagerraum schieben. Im Laden klingelt das Telefon, und vor der Tür stehen schon zwei Kunden. Schwester Gabriela eilt mit wehendem Schleier über den Hof. „Einen ganz kleinen Moment noch.“ Der Alltag im Kloster muss auch in der Fastenzeit weitergehen.

Jede der Schwestern hat ihre Aufgaben. Schwester Gabriela ist die Priorin, die Stellvertreterin der Äbtissin. Sie ist auch Kantorin, und sie hat Dienst im Klosterladen. Dreiviertel Vier ist sie aufgestanden. Früh um halb fünf treffen sich die Schwestern zu ihrem ersten Gebet. Ihr Tagesablauf ist immer gleich, streng strukturiert nach einem festen Rhythmus von Gebets- und Arbeitszeiten. Freie Zeit bleibt wenig, Schlaf auch. Die Müdigkeit auszuhalten, sagt Schwester Gabriela, ist für sie auch so eine Art täglicher Buße.

Sie muss jetzt auch vor dem Einschlafen noch viel mehr lesen. Jede der Schwestern hat zu Beginn der Fastenzeit ein Los zu einem Buch der Bibel gezogen. Auf Schwester Gabrielas Los stand das „Buch der Richter“, eines der Geschichtsbücher aus dem Alten Testament. 21 schwierige Kapitel über das Hin und Her im Lande Israel im 11. Jahrhundert vor Christi. Damit wird sich Schwester Gabriela jetzt bis Ostern besonders beschäftigen. Sie hätte wohl lieber etwas anderes gelesen. Aber sein Los kann man sich nun mal nicht aussuchen. Sie wird sich zwingen, das „Buch der Richter“ zu lesen. Vielleicht ist das ja auch Buße.

Im kleinen Klosterladen herrscht viel Betrieb an diesem Vormittag. Eine junge Frau möchte eine Taufkerze kaufen und kann sich nicht entscheiden. „Die Kerzen verziert alle Schwester Cora, jede ein Unikat“, erzählt ihr Gabriela, „sagen Sie ruhig, wenn Sie etwas Besonderes möchten.“ Schwester Cora ist die zweitjüngste der 17 Schwestern im Kloster Marienstern. Die 30-Jährige trägt noch den weißen Schleier, der zeigt, dass sie auf dem Weg ist und sich bereitmacht für das ewige Gelübde. Schwester Laetitia, mit 25 die Jüngste im Kloster, ist noch Novizin. Sie bringt gerade neue Kerzen und Kekse mit Pflaumenmusfüllung. Schwester Filipa aus Tschechien bäckt die Kekse für die Touristen auch in der Fastenzeit.

Schwester Gabriela räumt die Kekstütchen vorsichtig ins Regal. „Manchmal krieg’ ick richtigen Heißhunger“, erzählt sie dabei. „Das sind dann diese Momente, da sag’ ick mir: Beherrsch dich, es ist Fastenzeit.“ Die kleinen täglichen Übungen, schmunzelt sie, die seien oft viel schwieriger, als sich Großes vorzunehmen.

Zu den täglichen Übungen gehört das Schweigen auch weiterhin. Nach der Vesper, dem letzten Gottesdienst am frühen Abend, wird generell nicht mehr gesprochen. Auch nicht beim gemeinsamen Abendbrot. Während des Essens liest eine der Schwestern einen Bibeltext vor. Es soll auch der Geist seine Nahrung bekommen.

Auch an allen Freitagen in der Fastenzeit herrscht Schweigen im Kloster. Ganz besonders noch einmal in der Karwoche, in der sich die Schwestern ihre Hinwendung zu Gott nochmals besonders stark bewusstmachen. Mittlerweile ist die Hälfte der Fastenzeit geschafft. Die Schwestern im Kloster haben „Mitte Faste“ wie ein kleines Bergfest gefeiert. Mittags bei Tisch konnten sie sprechen. Ab Gründonnerstag schweigen die Schwestern von Sankt Marienstern wieder. Bis zur sonntäglichen Feier der Osternacht. „Und dann“, freut sich Schwester Gabriela, und ihre Augen hinter der randlosen Brille strahlen, „dann werden wir alle zusammen das Hallelujah singen und fröhliche Ostern feiern.“

Schwester Gabriela hat es jetzt wieder eilig. Sie muss pünktlich sein um halb zwölf zum Mittagsgebet in der Klosterkirche. Der Altar der Kirche ist jetzt verhangen. Das Fastentuch mit Jesus am Kreuz ist weit über 100 Jahre alt. Die Schwestern knien davor nieder, ehe sie sich schweigend an ihren Platz im Choral begeben. Eine Gruppe Touristen hat sich eingefunden, um dem Gebet der Schwestern beizuwohnen. Von draußen dringt das Läuten der Glocken ins Kircheninnere. In diesem Moment fangen die Schwestern zu singen an. Ihre hohen, klaren Stimmen erfüllen den ganzen Raum. Es ist ein großer, feierlicher Moment. Die Touristen in der Kirche sind ergriffen – und schweigen.