merken
PLUS

Schweine, Vieh und Demokratie

Am Puppentheater Bautzen hinterfragt das Stück „Die Wahrheit über die Farm der Tiere“ unsere Politik und Verantwortung.

© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

Anzeige
Ihr Zuhause. Unser Thema!

Wir hören zu: bei Themen, die Ihnen wichtig sind. Wir berichten: über Geschichten, die Ihnen am Herzen liegen. Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

Bautzen. Die Schweine kommen. Am Puppentheater Bautzen gehört ihnen die Bühne des Burgtheaters. Zusammen mit einem Esel, einem Hund, Schafen, Hühnern. Und mit politischer Brisanz. Denn es sind nicht die Bremer Stadtmusikanten, die hier am 16. Februar Premiere haben. Der Erfurter Puppenspieler, Autor und Regisseur Ronald Mernitz hat sich George Orwells Roman „Die Farm der Tiere“ vorgenommen. Das ist jene Geschichte, in dem sich das ausgebeutete Vieh von seinem Herrn und Bauern befreit, selbst die Herrschaft auf dem Hof übernimmt und sich am Ende, irgendwie, den Schweinen unterwirft. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“, ist das, was als Botschaft von diesem tierischen Demokratieversuch übrig bleibt.

War aber alles ganz anders, behauptet jetzt „der Mann“, der in Ronald Mernitz’ Inszenierung „Die Wahrheit über die Farm der Tiere“ eine Schlüsselrolle spielt. Er lädt Journalisten ein zu einer Pressekonferenz. Lässt sich „Chef“ nennen, will vermitteln, dass es die Farm und den Vorfall tatsächlich gegeben hat. Und dass die Tiere letztlich an sich selbst gescheitert sind. Zwischen grün gestrichenen Obstkisten, einem roten Fahrrad und drei roten Sesseln – entworfen von Gastausstatter Christof von Büren – findet das Geschehen statt. Also jenes Pressegespräch, bei dem „der Mann“ viele Fragen gar nicht erst zulässt. Sechs Puppen- beziehungsweise Schauspieler wirken mit. Die tierischen Klappmaulpuppen in der bäuerlichen Kulisse wurden für die Inszenierung neu geschaffen. Für Ronald Mernitz ist es die zweite Arbeit in Bautzen, nach dem Marionettentheaterstück „Die purpurrote Blume“.

Scheitern an der Machtgier Einzelner

Der frühere Bohr- und Lagerarbeiter wollte den Stoff eigentlich schon nach der Wende für das Theater in Erfurt umsetzen. Damals aber lagen die Rechte dafür noch beim US-amerikanischen Filmkonzern Disney. Die Aufführung wäre viel zu teuer geworden, denn das Theater hätte Geld an Disney zahlen müssen. Also blieb die Geschichte unerzählt. Doch dann fragte das Theater Bautzen an und bat um die Farm-Inszenierung. Erst wollte der gebürtige Hallenser Mernitz absagen. Denn für ihn hatte der Romaninhalt viel mit dem Geschehen des Stalinismus zu tun – der Idee von der Gleichheit aller, die sich nicht umsetzen lässt, weil sie an der Machtgier einzelner scheitert. Das jedoch war für ihn mit Blick auf Deutschland nicht mehr aktuell. „Interessant war aber die Überlegung: Was ist, wenn die Tiere ihre Freiheit nicht durch einen neuen Diktator verloren haben, sondern schlicht am Demokratieversuch gescheitert sind?“, überlegte der Künstler.

Einführung vor der Aufführung

Und so inszeniert er nun, nennt sich einen Demokratieskeptiker. Und erklärt dies damit, dass in einer Demokratie alle erwachsenen Menschen eine gleichgewichtige Stimme haben. Doch nicht alle besitzen die gleiche Befähigung dafür. Und so wählen einige Protest. „Ohne sich bewusst zu machen, dass sie damit ihre und die Freiheit anderer riskieren“, so Ronald Mernitz.

Und doch hält er es mit Winston Churchill, dem einstigen Premierminister von Großbritannien. Der hatte gesagt: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Ronald Mernitz glaubt, nur Bildung und Interesse können die Demokratie retten. Darum ist das Puppenstück auch für Jugendliche gedacht. Nicht mit dem „moralischen Zeigefinger“, sondern mit Humor hoffe er, die jungen Leute zu gewinnen. Dabei werde das Stück bewusst nicht auf alle Fragen eine Antwort geben. Manches bleibe offen, eine Einladung zum Weiterdenken. Und trotzdem ist Mernitz, der an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Puppenspiel studiert hat, da auch ein Stück weit ernüchtert. Er sei in der DDR sozialisiert, nie in der Sozialistischen Einheitspartei (SED) gewesen. Aber er habe daran geglaubt, dass die Menschheit voranschreitet. Das tue er nun nicht mehr.

Um das Publikum ins Thema rund um Politik und Verantwortung hineinzunehmen, findet vor jeder Aufführung ein Gespräch statt. Diskussionen mit Schulklassen seien möglich, meint der technische Leiter des Burgtheaters, Martin Suschke. Das müsse dann individuell abgeklärt werden.

Das Stück „Die Wahrheit über die Farm der Tiere“ hat am 16. Februar um 19.30 Uhr Premiere im Burgtheater Bautzen.

www.theater-bautzen.de