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Schweren Blutzoll gezahlt

Chrósæicy. Der frühere Pfarrer aus Crostwitz erinnert sich für SZ an die letzten schrecklichen Kriegstage in der Region.

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Von Prälat Martin Salowski

Viele Untersuchungen und Berichte zum jetzigen 60. Jahrestag der Befreiung haben schreckliche Ereignisse zutage gefördert, die sich in den letzten Kriegstagen ereignet haben. Das Ergebnis dieser Darstellungen war, dass Menschen aller Nationen zu Schrecklichem fähig sind, wenn man sie aufhetzt, ideologisch verblendet und ihren Emotionen freien Lauf lässt. Sinnlos wurden nicht nur in den letzten Wochen des Krieges Millionen an den Fronten im Kampf geopfert, sondern auch Tausende Zivilisten starben, die heute noch leben hätten können. Wie viel Leid haben Menschen auf dem Gewissen, die einen solch blutigen Krieg aus Machtgelüsten und ideologischer Verblendung angezettelt haben! Volkssturmleute und Kindersoldaten, Wehrwolf und SS-Leute waren das letzte Aufgebot der Hitler-Clique, bis sie sich selbst umbrachte.

Mahnmal in Crostwitz

Die Front verlief Ende April/Anfang Mai auch mitten durch unseren Kreis Kamenz. Prof. Wolfgang Marcus, als 17½ Jähriger kurz vor Kriegsende noch eingezogen und heute noch lebender Zeitzeuge, berichtet über seine damaligen Erlebnisse: „Als der kriegsentscheidende Stoß der Russen auf Berlin losbrach, drückte nördlich unserer Stellungen ein südlicher Angriffskeil der Sowjetarmee durch und vereinigte sich bei Torgau mit den Amerikanern. Immer am Südrand dieses Keils zogen wir nach Westen und errangen letzte örtliche Pyrrhussiege, eroberten Bautzen und etliche sorbische Dörfer noch einmal zurück. Wir hatten es in den Kämpfen immer mit polnischen Gruppenteilen zu tun, die – schlecht ausgerüstet – in der 1. ukrainischen Front unter General Rokosowski eingebunden waren.Im Raum Niesky traten wir an und hörten einen Tagesbefehl unseres Generalfeldmarschalls Schörner, der uns untersagte, Gefangene zu machen.Bei der Wiedereinnahme von Bautzen fielen meiner Kompanie beim Durchkämmen von Häusern zwei polnische Soldaten in die Hände, die den Anschluss an ihre abziehende Einheit verloren hatten. Mein Kompaniechef stellte sofort ein Exekutionskommando zusammen und ließ sie erschießen.

Bei den Kämpfen um Lehndorf-Siebitz fiel uns eine ganze polnische Sanitätseinheit mit Verwundeten und Sanitätern in die Hand, die offensichtlich bei dem Versuch, sich abzusetzen, völlig die Orientierung verloren hatten. Als ich nach dem Kampf die ganze Einheit entwaffnet lagern sah, reichte meine Fantasie trotz Schörners Tagesbefehl nicht aus, mir das vorzustellen, was dann, ohne unser Wissen und Mitwirken, mit diesen Menschen geschehen ist, was ich dann erst nach 1989/90 erfuhr: Die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft operierende Waffen-SS-Division „Das Reich“ verbrachte die gesamte Sanitätseinheit in den Steinbruch von Horka und massakrierte sie dort. Im Verlaufe weiterer Kampfhandlungen ,eroberten‘ wir auch den Wallfahrtsort Rosenthal zurück. Unsere Infanterie wurde von Sturmgeschützen unterstützt. Unsere Waffenüberlegenheit war erdrückend. Die polnischen Soldaten konnten sich in ihren leichten Erdbefestigungen nicht halten und mussten versuchen, über ein offenes Feld (bei Crostwitz) in ihrem Rücken entkommen.

Regelrechtes Jagdfieber

Meiner ,Kameraden‘ bemächtigte sich ein regelrechtes Jagdfieber. Wie auf Hasen schossen sie auf die Zickzacklauf-Fliehenden. Als diese ihre geringe Chance bemerkten, ließen sie sich auf den Bauch fallen und stellten sich tot. Unsere Schützenlinie erreichte den zunächst Liegenden. Um sicher zu gehen, dass der nicht mehr lebte, erhielt er einen Genickschuss. Mir wurde bewusst, dass dies ein Signal zu einem generellen Abschussverhalten sein sollte. Ich bemühte mich deshalb, bei möglichst vielen der Daliegenden zuerst zu sein, stellte mich so, dass ich seinem Nacken Sichtschutz vor meinen ,Kameraden‘ gab und schoss daneben. Dieses Manöver gelang mir dreimal. Jedes Mal sah ich, dass die Liegenden noch atmeten. Ich konnte hoffen, dass sie sich – es wurde dämmrig – nach Durchzug unserer Todesschlange noch aufrappeln und bei völlig offener Frontsituation zu den Ihren durchschlagen konnten.“

Der Schutzmantel Mariens

Im Sorbenland war damals die Gewissheit verbreitet, dass um die Wallfahrtskirche von Rosenthal herum unter dem Schutzmantel Mariens der Krieg kein Unheil würde anrichten können. Im Gespräch mit sorbischen Freunden und Bekannten hatte ich immer schon diese Zuversicht mit Fragezeichen versehen. Es bereitete mir alles andere als Genugtuung, dass ich selber leibhaft dabei sein musste, als die Wallfahrtskirche von Rosenthal, in deren Turm wohl ein Artilleriebeobachter Posten bezogen hatte, in Brand geschossen wurde.Gerade am 1. Mai 1945, dem Beginn des Marienmonats, waren wir Zeugen, wie die ganze Kirche lichterloh brannte. Das Gnadenbild hat der damalige Administrator, P. Konrad Mauder noch aus der brennenden Kirche retten können. Nach dem Krieg war diese Kirche als erste der zerstörten im Bistum wieder aufgebaut. Im Oktober 1946 konnte bereits Rüstfest gefeiert werden und am 23. November 1947 hat sie Bischof Legge wieder eingeweiht. Der Kirchturm war 1949 wiederhergestellt, ein neues Geläut grüßt seit 1954 die Gläubigen.

Besonders verheerend wütete der Krieg noch im sorbischen Niederland. Die Dörfer der Pfarrei Ralbitz waren besonders betroffen. Deutsche Truppen lagen in Ralbitz, die Rote Armee in Cunnewitz-Schönau. In der Nacht vom 26. zum 27. April begann der Endkampf. Granattreffer beschädigten die Ralbitzer Kirche. Am 1. Mai brannte auch sie völlig aus. Der betagte Pfarrer Jakob Sauer, am 1.7.45 wieder als sorbischer Pfarrer eingesetzt, hat mit vorbildlichem Einsatz und vielen Helfern den Wiederaufbau vorangetrieben, so dass auch dieses Gotteshaus am 26. September 1948 wiedereingeweiht werden konnte. Über 75 000 Maurerziegel putzte und transportierte die Gemeinde aus der gesprengten Königswarthaer Munitionsfabrik. Mit Hilfe des Kamenzer Kreisvorsitzenden der CDU wurden im November 1947 die restlichen 11 000 Dachziegel besorgt. Eine besondere Aktion der sorbischen Jugend setzte sich für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Ortschaft Caßlau ein.

Karol Wojtyla betete 1975

In Crostwitz auf der Fulkschen Anhöhe erinnert ein eigenes polnisches Ehrenmal an die Ermordeten und Gefallenen dieser letzten Kriegstage. Kein Geringerer als der unlängst verstorbene Papst Johannes Paul II. betete als damaliger Bischof von Krakau an dieser Gedenkstätte am 20. September 1975. Er machte Halt auf der Fahrt zur Thüringenwallfahrt nach Erfurt. Keiner konnte damals ahnen, dass dieser Kardinal drei Jahre später zum Papst gewählt würde.Ähnlich sollten wir besonders dankbar sein, nun in unserem Lande bereits wieder sechzig Jahre lang in Frieden leben zu dürfen.