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Schwerer Weg aus der Not

Die Stadt gibt 2,3 Millionen Euro für Obdachlose aus. Aber diese müssen die Hilfe auch annehmen.

© Norbert Neumann

Von Bettina Klemm

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Aus seiner Verzweiflung werden Trotz und Aggression. Seit zwei Jahren lebt Lars Schwarz (Name geändert) auf der Straße. „Für Asylbewerber werden in Dresden Hotels umgebaut, aber ich bekomme keine Wohnung“, sagt er. Lauthals schreit er seinen Frust heraus, schimpft auf Ausländer und Behörden: „Das ist menschenunwürdig, wie ich leben muss.“

Seine Habseligkeiten bewahrt er meist in großen blauen Ikeataschen auf – darin sind unter anderem eine grob gestrickte Mütze, Decken und eingesammelte Pfandflaschen und Dosen. Die Taschen sind schwer, denn sie enthalten auch Bücher und Zeitschriften wie den „Feinschmecker“. „Ich bin vielseitig interessiert“, so seine Erklärung. Gern würde er wieder für sich kochen, Forelle und Schnitzel seien seine Lieblingsspeisen. Kürzlich hat Lars Gedichte geschrieben, Liebesgedichte. Aber die seien abhandengekommen oder geklaut worden. Das bewegt ihn sehr. Sein Begleiter ist ein kleines weißes Radio. Es schnarrt etwas, aber hält Lars Schwarz auf dem Laufenden. Er ist gut informiert.

Über sein Leben, und wie es zur Obdachlosigkeit kam, möchte er nicht sprechen, das sei zu privat. Auch aus seinem Alter und Beruf macht der Mann mit dem jugendlich wirkenden Gesicht, aber auch schon ersten Silberfäden an den Schläfen, ein Geheimnis. Er lebt von Hartz IV, erhält monatlich 399 Euro auf sein Konto.

Er trinke keinen Alkohol, nehme keine Drogen und habe nur wenig Schulden, sagt er. Als Postadresse gibt er die der Treberhilfe an. Schwarz hofft auch auf eine Umschulung, um nicht mehr auf Hilfe vom Staat angewiesen zu sein.

In Dresden müsste niemand obdachlos sein, sagt Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) immer wieder. Die Stadt verfügt über acht Einrichtungen mit insgesamt 280 Plätzen, um wohnungslose Menschen unterzubringen. In einem Heim werden zusätzlich fünf Notbetten vorgehalten. Ende Dezember waren 258 wohnungslose Menschen in diesen Heimen beziehungsweise in sogenannten Gewährleistungswohnungen untergebracht. In ihnen können Obdachlose trainieren, wieder allein in normalen Wohnungen zu leben. Zudem hat die Stadt Belegungsrechte für Mietwohnungen. Sie gibt Geld für die Wohnungslosenberatung und für die sozialpädagogische Intervention sowie für Förderprojekte für Wohnungslose aus. 2,3 Millionen Euro kostet das jährlich, sagt Marco Fiedler. Der Referent des Sozialbürgermeisters verweist darauf, dass die Kosten für die Mitarbeiter im Sozialamt nicht eingerechnet sind.

Um im Winter Menschen, die dennoch draußen leben, zu helfen, haben Kirchgemeinden und die Heilsarmee seit November ihre Nachtcafés geöffnet. Pro Wochentag bietet jeweils eine andere Kirchgemeinde für Bedürftige warmes Essen und Frühstück, Möglichkeiten zum Duschen und teilweise zum Wäschewaschen sowie eine Ruhemöglichkeit in der Nacht. Die Obdachlosen bezahlen dafür einen Euro.

Gibt es da nicht auch Hilfe für Lars Schwarz? Er lässt sich überzeugen und kommt mit zum Sozialamt. Dort ist er bekannt, hat sich aber seit langer Zeit nicht gemeldet. Damit läuft auch kein Wohnungsantrag mehr.

„Wir können Ihnen sofort einen Platz in einem Übergangswohnheim sowie die Unterstützung durch einen Sozialarbeiter anbieten“, sagt Beraterin Tanja Weber im Amt. Parallel erfolge die Suche nach einer geeigneten Wohnung. Im vergangenen Jahr konnten 118 Personen nach dem Aufenthalt in diesen Übergangseinrichtungen eine eigene Wohnung beziehen. Das will Schwarz aber nicht hören. Er lehnt ein Heim kategorisch ab. Er habe eine „Menschen-Phobie“ und könne nicht mit anderen Bewohnern in einem Zimmer leben. Zudem werde er dort nur beklaut.

Er beschimpft die Beraterin, sie mache ihre Arbeit nicht. Die Stadt sei verpflichtet, ihm eine Wohnung zu geben. Er habe seinen Antrag längst abgegeben, doch nichts vom Amt gehört. Er kann die ihm gestreckte Hand einfach nicht greifen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er bereits auf zwei Angebote nicht reagiert habe. Schwarz lebte in einer Gagfah-Wohnung, die wegen Verwahrlosung zwangsgeräumt wurde. Nun lehnt er diesen Vermieter ab und greift die Berater im Sozialamt an. „Sie haben gar keine Wohnung für mich“, sagt er. Er schreit so laut, dass eine Mitarbeiterin aus dem Nachbarzimmer vorsichtig ins Zimmer sieht, ob ihrer Kollegin nichts passiert. Ruhig und sachlich reagiert Tanja Weber auf die Aggression.

Am Ende ist Schwarz wenigstens bereit, einen neuen Antrag auf eine Wohnung zu stellen. Seinen Dresden-Pass findet er nach langem Suchen in seinem gelben Stoffbeutel. Zum Schutz gegen die Nässe hat er darin Papiere und etwas Geld in Plastiktüten gesteckt. Dennoch zersetzt sich das Papier durch die Feuchtigkeit. Um den Antrag bearbeiten zu können, benötigen die Mitarbeiter im Sozialamt auch den Arbeitslosengeldbescheid. Lars Schwarz hat den inzwischen abgegeben, allerdings war er nicht bereit, auch zur Wohnungsfürsorge zu gehen. „Dort hätte er ausnahmsweise gleich ein Wohnungsangebot erhalten“, sagt ein Mitarbeiter. Er sucht nun den Kontakt mit ihm.

Vielleicht schafft es Lars Schwarz dann doch, die Hilfe anzunehmen und den Weg zurück in ein normales Leben zu finden.

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