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Schwester Agnes kehrt zurück

Gesundheit. Mit mobilen Gemeindeschwestern soll der Ärztemangel auf dem Lande bekämpft werden. Doch der Plan stößt nicht nur auf Zustimmung.

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Von Regine Schlesinger

Wenn Erika Schneider aus Hartmannsdorf-Reichenau zum Arzt will, muss sie ins Auto steigen. In ihrem Heimatort gibt es seit fast drei Jahren keinen Allgemeinmediziner mehr. Die nächsten Praxen liegen in Frauenstein, Pretzschendorf oder Hermsdorf/E. „Solange man mobil ist, geht es ja noch. Aber wer nicht mehr selber Auto fahren kann, hat es schwer“, sagt die Hartmannsdorferin. Eine Gemeindeschwester könnte da schon eine echte Hilfe sein und manchen Arztbesuch bzw. ärztlichen Hausbesuch ersetzen, glaubt Frau Schneider: „Vorausgesetzt, sie kann medizinisch wirklich mehr leisten als die Schwestern der Pflegedienste.“

Das soll der Fall sein in dem Modellprojekt, welches das Land Sachsen zum Jahresende starten will. Zweck ist, den Einsatz von Gemeindeschwestern zu testen. Sie sollen, so die Hoffnung, mithelfen, die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten zu sichern, in denen Ärztemangel herrscht. Anders als Schwester Agnes, die bekannte Serienfigur aus dem DDR-Fernsehen, werden deren Nachfolgerinnen aber nicht per Moped durch die Orte düsen, sondern mit moderner Technik und allerlei medizinischem Gerät ausgestattet, um durch ihren Einsatz Ärzte wirksam entlasten zu können. Die werden selbstverständlich bei Bedarf nach wie vor medizinisch eingreifen, können sich aber dank der modernen Schwester Agnes manchen langen Weg übers Land für den Hausbesuch sparen.

Noch zählt der Weißeritzkreis nicht zu den Regionen Sachsens, denen unmittelbar ein Mangel an Hausärzten droht, versichert das Gesundheitsamt. „Wir konnten in letzter Zeit für vier Allgemeinmediziner Kollegen finden, die deren Praxen übernommen haben. Nur für zwei fand sich bisher kein Ersatz“, sagt die stellvertretende Amtsärztin Ute Paul.

Doch das Bild könnte sich in einigen Jahren wandeln, da viele Ärzte die 50 schon deutlich überschritten haben. Der Allgemeinmediziner Christian Hesse aus dem erzgebirgischen Hermsdorf hat bereits seinen 62.Geburtstag gefeiert. Auch sein Kollege im benachbarten Frauenstein, zu dem Erika Schneider und viele andere Hartmannsdorfer und Reichenauer gehen, ist bereits Mitte 50. In zwei oder drei Jahren will Hesse in den Ruhestand treten. Sollte die elektronische Gesundheitskarte schon vorher eingeführt werden, schließt er seine Praxis noch eher. Denn sonst müsste er noch einmal Geld für neue Technik ausgeben. „Ich kann nicht 10 000 Euro investieren, ohne zu wissen, ob es einen Nachfolger für die Praxis gibt. Das wird keiner der älteren Kollegen machen“, vermutet er.

Den geplanten Einsatz von Gemeindeschwestern sieht der Hermsdorfer mit Skepsis. „Da wird es sicher gewisse Überschneidungen mit den Pflegediensten geben“, befürchtet er, „sinnvoller wäre, mehr Ärzte herzuholen.“

Doch das ist leichter gesagt als getan, weiß Reinhard Pitsch (parteilos), Bürgermeister von Hartmannsdorf-Reichenau. „Wir haben einiges versucht, um wieder einen Arzt in den Ort zu holen,“, versichert er. Mobile Gemeindeschwestern könnten für Orte wie den seinen eine Hilfe sein, glaubt Pitsch, fragt sich aber, wie deren Einsatz finanziert werden soll.

Das ist auch Monika Komar schleierhaft. Sie betreibt in Schmiedeberg seit Jahren einen Pflegedienst. Ihre Schwestern übernehmen nicht nur pflegerische Leistungen, sondern nach ärztlicher Anweisung auch medizinische. „Wir machen doch eigentlich bereits die Arbeit der früheren Gemeindeschwestern. Ich weiß nicht, warum man jetzt unbedingt noch etwas Neues erfinden will“, sagt sie.