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Schwibbogen erinnert an schwere Nachkriegsjahre

Mit solchen selbst gefertigten Stücken brachte der Vater von Irmgard Hempel die Familie durch. Die Kinder halfen dabei.

Von Annett Heyse

Unscheinbar sieht er aus und nicht sehr groß. Auch sein dunkles Holz ist untypisch. „Wir haben es damals gewachst“, erklärt Irmgard Hempel fast entschuldigend und nimmt das Holzstück vorsichtig in beide Hände. Damals, das war vor über 60 Jahren. Und trotz das es heute schönere und größere Lichterbögen gibt, schmückt lediglich dieser eine immer noch das Wohnzimmer der Hempels in Freital-Zauckerode.

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Denn dies ist mehr als ein Schwibbogen. Für Irmgard Hempel ist es eine Erinnerung an den Vater, die schweren Nachkriegsjahre, an Hunger und Sorgen, aber dennoch an eine schöne Kindheit im Dresdner Norden.

1946 war es, der Krieg vorüber, der Vater kam zerrüttet aus dem Krieg zurück. Irmgard Hempel war gerade zehn Jahre alt, die zweitälteste von vier Kindern. „Wir hatten nichts. Kaum zu essen, kaum zu trinken, nur alte Schuhe, wenige Anziehsachen“, erinnert sich Irmgard Hempel. Sogar gestohlen haben sie und ihre Geschwister, das gibt sie offen zu. „Wir hatten ständig Hunger.“ Einfach zu wenig verdiente der Vater. Lehrer war er vor dem Krieg gewesen, danach von der neuen Macht als zu systemnah eingestuft. Er musste zunächst Hilfsarbeiten verrichten, der karge Lohn reichte hinten und vorne nicht.

Da kam der Vater, ein kreativer Mann, auf die Idee mit dem Weihnachtsschmuck. Er besorgte Sperrholzplatten und machte erste Entwürfe für Schwibbögen. Das traditionelle Motiv mit den Bergmännern, der Klöpplerin und dem Schnitzer wollte er aber nicht herstellen. Er entschied sich für eine Waldlandschaft mit Futterhäuschen, Rehen, Vögeln, Hasen und Bäumen.

Eine Laubsäge fand sich im Keller und los ging es. „Die Küche, wo sich ohnehin alles abspielte, weil das der einzige beheizbare Raum war, wurde zur Werkstatt“, erinnert sich Irmgard Hempel. Die ersten Schwibbögen wurden angefertigt, dazu auch Weihnachtslaternen und Leuchtbilder – alles in mühsamer Handarbeit. Bei einem Drechsler organisierte die Familie die Kerzenhalter, die Kinder wachsten die fertigen Schwibbögen. Um mehr zum Verkauf zu haben, legte der Vater zwei Sperrholzplatten übereinander, fixierte sie mit Schraubzwingen und schaffte so die doppelte Menge.

Einmal durfte Irmgard Hempel den Vater begleiten, als er einen Schwibbogen verkaufte. „Zwanzig Mark gab es dafür. Als Vergleich: die Miete lag bei 65,50 Mark“, erinnert sich die heute 76-Jährige.

Weil ihr die Holzkunst so gut gefiel, überredete sie den Vater, sich selbst einen Schwibbogen zu bauen. Elf Jahre war sie da alt und hatte schon immer ein Händchen für Basteleien und kniffelige Handarbeiten. So sägte sich Irmgard Hempel das Exemplar, welches heute noch im Wohnzimmer steht. Unscheinbar, alt, aber voller Familiengeschichte und Erinnerungen.