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Schwierige Heimkehr

Manche Flüchtlinge wollen, andere sollen freiwillig zurück. Das verlangt gute, vertrauensvolle Beratung. Doch damit fängt Sachsen gerade erst an. Das Beispiel Abdulkarim in Zwickau.

© Ronald Bonß

Von Olaf Kittel

Er wirkt bedrückt, auch wenn er freundlich zu lächeln versucht. Nihad Abdulkarim aus dem Irak kehrt nach Bagdad zu seiner Frau und den fünf Kindern zurück, weil sein Asylantrag in Deutschland abgelehnt wurde. Lange hatte er gehofft, seine Familie nachholen und hier ein neues Leben aufbauen zu können. 2015 war er geflohen, nachdem seine sunnitische Familie von aus dem Iran gesteuerten schiitischen Milizen aus dem Haus vertrieben wurde. Außerdem hatte er Angst um seine Kinder. Im Irak ist Kinder-Kidnapping zu einem einträglichen Geschäft geworden. Seine Fluchtgründe haben aber nicht ausgereicht für Asyl in Deutschland. Nun liegen zwei verlorene Jahre hinter ihm.

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Jetzt sitzt er in der Ausreise- und Rückkehrberatung der Stadtmission Zwickau, einer der wenigen unabhängigen Beratungsstellen in Sachsen. Seit Wochen wird der kräftige 45-Jährige hier auf seine Rückreise vorbereitet. Heute erfährt er, dass ein Flug für ihn im September gebucht ist. Es geht von Frankfurt über Amman nach Bagdad. Zum ersten Mal wird er fliegen. Nach Deutschland hatte er sich wie so viele über die Balkanroute gequält. Als er nun hört, dass die Rückkehr so nah ist, strahlt er plötzlich, legt die rechte Hand aufs Herz und verbeugt sich immer wieder. Jetzt überwiegt die Erleichterung, bald alles überstanden zu haben. Bedanken kann er sich nur über den Dolmetscher. Er spricht noch immer kein Wort Deutsch.

Wenn in Dresden ein Flüchtling zurückkehren will oder muss, hat er es nicht so leicht, gute Beratung zu finden. Er wird sich wahrscheinlich zunächst an jene wenden, die ihn bisher betreut haben. Zum Beispiel an Cabana, die Dresdner Flüchtlingsberatung des Ökumenischen Informationszentrums. Beraterin In Am Sayad Mahmood, gebürtige Irakerin, erlebt solche Fälle immer wieder. Flüchtlinge melden sich bei ihr, weil der Asylantrag abgelehnt wurde, weil sie daheim dringend gebraucht werden oder weil sie eingesehen haben, dass sie falsche Vorstellungen vom Leben in Deutschland hatten.

Gerade war eine ältere Frau da, die mit ihrem Enkel aus Syrien geflohen war, und hier bereits Asyl erhalten hatte. Damit hätte ihre Familie nachkommen können. Aber nun muss sie dringend zurück, weil der Vater des Kindes und Ernährer der Großfamilie zur Armee eingezogen wurde und ihr Mann im Krankenhaus liegt. Oma muss also daheim die Familie versorgen. Aber Frau Mahmood traut sich eine sachgerechte Beratung nicht zu. Weder kann sie beurteilen, wie die Lage im Heimatort der Flüchtlinge ist, noch kennt sie die Hilfsprogramme für Rückkehrwillige im Detail. Und dürfen Syrer überhaupt zurückkehren? Bisher war das regulär wegen des Krieges nicht möglich. Wer das unbedingt wollte, musste selbst sehen, wie er nach Hause kommt und zudem einen Pass bei der syrischen Botschaft bestellen. Kosten pro Person: 450 Euro. Ein nettes Nebengeschäft für Assad.

Frau Mahmood rät in solchen Fällen, eine unabhängige Beratungsstelle wie die in Zwickau zu nutzen, solche gibt es auch noch in Leipzig und Chemnitz vom DRK und der Caritas. Für Flüchtlinge ist die Entfernung aber schon eine Herausforderung. Alternativ können sie zum Dresdner Sozialamt gehen. Unabhängige Beratung ist das freilich nicht.

Die hält man dort auch für nicht entscheidend. Wichtig sei, so lässt die Stadtverwaltung mitteilen, dass die Beratung neutral erfolgt, und dies sei dort oberste Maxime. Allerdings räumt die Stadt ein, dass die freien Träger „einen anderen Zugang zu den Klienten“ haben. „Die Hemmschwelle“, so heißt es weiter, „die gegenüber Behörden mitunter besteht, entfällt. Das betrifft bspw. Personen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, Personen, die keine Sozialleistungen beziehen und Personen, die noch keine konkreten Rückkehrabsichten haben.“ Besser hätte das Frau Mahmood auch nicht ausdrücken können. Der Vorteil der Beratung durch das Sozialamt läge vor allem darin, dass sie bereits über viele relevante Informationen über die Rückkehrwilligen verfügen. Für Behörden ist das zweifellos ein Vorteil.

Gute, vertrauensvolle Beratung überall in Sachsen anzubieten, wird immer dringender. Von den knapp 90 000 Flüchtlingen, die seit 2015 nach Sachsen kamen, sind noch gut 43 000 im Freistaat. Etwa 2 000 sind allein 2016 freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Aber über 9 000 sind ausreisepflichtig, weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Tendenz leicht steigend. Auch, weil die Zahl der Abschiebungen wieder zurückgeht. Und für diese vielen Menschen ist eine Rückkehrberatung nicht vorgeschrieben. Bisher erhielten abgelehnte Asylbewerber nur eine schriftliche Begründung sowie ausführliche Hinweise für die Heimreise. Wenn sie nicht selbst Beratung suchen, blieben sie sich selbst überlassen. Nicht wenige tauchen lieber in Deutschland unter, als freiwillig auszureisen oder auf die Abschiebung zu warten. Die Folgen sind absehbar, wenn sie nicht schon sichtbar sind.

Zu denen, die freiwillig ausreisen sollen, kommen die – wie die Oma mit dem Enkel –, die es aus freien Stücken wollen. Insgesamt kommt da eine große Zahl schwieriger Beratungsfälle zusammen.

Das Problem hat die Politik unterdessen erkannt. Spät erkannt. Bei einem Treffen von Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer im Februar wurde festgelegt, dass ein dichtes Beratungsnetz für Rückkehrwillige in Deutschland aufgebaut wird. Aber das dauert. Im sächsischen Integrationsministerium ist man erst einmal froh, dass dafür im Haushalt für dieses Jahr 1,3 Millionen Euro eingeplant sind und damit mehr als doppelt so viel wie bisher. Damit soll in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt Rückkehrberatung aufgebaut werden. Der zuständige Referatsleiter Karl Bey hofft jetzt darauf, dass ab Herbst ein vom Bund eingesetzter „Scout“ dabei hilft, zunächst wenigstens einen Mitarbeiter pro Kreis für die anspruchsvollen Beratungen zu qualifizieren. Sie müssen immerhin in der Lage sein, auch auf fremdsprachigen Internetseiten zu recherchieren und dann zu entscheiden, ob der Flüchtling in seinem Heimatort sicher ist und Sachsen ihn guten Gewissens zurückschicken kann. Das erfordert Kompetenzen, die sonst nur bei den Asylentscheidern beim Bamf zu finden sind. Und es erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.

Diese Kompetenzen haben sich die Mitarbeiter der Rückkehrberatung in Zwickau in dem einen Jahr ihres Bestehens schon mal erarbeitet. Ihr guter Ruf reicht deshalb bis nach Dresden. Die beiden jungen Mitarbeiter, die durchschnittlich 15 bis 20 Flüchtlingen pro Monat bei der Rückreise helfen, haben heute Nihad Abdulkarim eingeladen. Nachdem nun der Flug steht, wird es ganz konkret. Einer der Mitarbeiter – ihre Namen sollen nicht gedruckt werden – hat bereits die Zugverbindungen von Zwickau nach Frankfurt herausgesucht und erklärt die nicht ganz einfache Reise mit Umstiegen sehr genau. 200 Euro erhält Herr Abdulkarim für die Reise, damit kann er unter anderem die Zugtickets bezahlen. 30 Kilogramm Gepäck darf er mitnehmen, detailliert werden die Regeln fürs Handgepäck erklärt.

Er wird, so erfährt er, noch in Zwickau eine „Grenzübertrittserklärung“ erhalten, die er auf dem Flughafen wieder abgeben muss. Am Gate wird ihn ein Mitarbeiter der internationalen Organisation für Migration IOM erwarten, der ihm dort – erst dort – eine Starthilfe in bar überreicht. Sie ist abhängig von den Lebenshaltungskosten in seinem Land. Nahid Abdulkarim wird 300 Euro erhalten, sechs Monate später in Bagdad noch einmal 400 Euro. Das Geld soll ihm und seiner Familie helfen, die Zeit bis zur Arbeitsaufnahme zu überstehen. Dies ist übrigens viel weniger, als die Schlepper, die sich gern „Travel Agent“ nennen, ihren Flüchtlingen für diesen Fall „versprochen“ haben. Die Flugtickets bucht und bezahlt auch IOM.

„Genau so etwas, Travel Agents, wollen wir hier ausdrücklich nicht sein. Wir verstehen uns vielmehr als ,Perspektivberater’“, sagt einer der Zwickauer Berater. Sie wollen den Flüchtlingen nicht nur eine sichere Reise ermöglichen, sondern ihnen auch helfen, einen Job zu finden oder eine Existenz aufzubauen. Dafür nutzen sie Hilfspogramme, die Organisationen wie IOM aufgelegt haben und deren Organisationsnetz mit Büros vor Ort. Dieses Netz wird immer dichter, je mehr Flüchtlinge zurückkehren. Und die Zusammenarbeit läuft recht gut. Probleme haben die Zwickauer vor allem noch auf dem Balkan und in Tunesien ausgemacht.

Herr Abdulkarim wird also gefragt, welchen Beruf er in Bagdad ausüben will und darauf hingewiesen, dass eine eventuelle Existenzgründung mit bis zu 1 500 Euro an Sachleistungen gefördert werden könne. Er reagiert zunächst irritiert und fragt nach einer Denkpause: Taxifahrer? Keine gute Idee, sagt der Berater, das wollen alle. Aber in seinen Unterlagen steht, dass er mal als Elektriker gearbeitet hat. Die werden in Bagdad gebraucht, erklärt der Berater. Herr Abdulkarim will darüber nachdenken. Ob es auch ein anderes Business sein könne, fragt er noch ganz ernsthaft. Eines, wo sein netter Berater als Kooperationspartner in Deutschland einsteigen könnte? Jetzt ist der Berater irritiert.

Schließlich wird er informiert, dass vorübergehend auch die Kosten für Medikamente für ihn oder seine Familie übernommen werden können. Oder für Rechtshilfe. Braucht Herr Abdulkarim aber alles nicht.

Die umfangreiche und sensible Beratung soll den Flüchtlingen die Rückkehr erleichtern. Oberstes Prinzip ist deshalb Vertraulichkeit. Ihre Klienten sollen sich absolut auf sie verlassen können. Herr Abdulkarim wird deshalb immer wieder gefragt, ob es für ihn wirklich in Ordnung ist, dass da ein Journalist beim Gespräch dabei ist und auch noch Fragen stellt.

Die Zwickauer Mitarbeiter der Stadtmission kommen den Rückkehrwilligen weit entgegen. Drei Tage in der Woche fahren sie in die Flüchtlingsunterkünfte des Landkreises und bieten ihre Beratungsleistungen vor Ort an, drängen sich aber keinem Flüchtling auf. Und sie verfolgen durchaus besorgt die Debatte, ob denn Rückkehrberatung künftig für alle abgelehnten Asylbewerber zur Pflicht werden könnte. Sie sehen die Gefahr, dass dann die eine oder andere Behörde auch Druckmittel einsetzt, um eine „freiwillige“ Rückkehr zu organisieren. Damit wäre die Vertrauensbasis gefährdet. Dies sieht übrigens auch das Dresdner Sozialamt so. Eine detaillierte individuelle Beratung sollte erst erfolgen, wenn eine konkrete Ausreisebereitschaft besteht.

Zum Abschluss des Gesprächs hat Herr Abdulkarim noch eine Frage. Die Anreise zum Flughafen nach Frankfurt scheint ihm schon recht kompliziert. Und er spreche doch kein Deutsch. Ob es denn möglich sei, dass der Dolmetscher ihn bis zum Flugzeug begleiten dürfe. Dies, so erklärt sein Berater, ist natürlich möglich. Allerdings müsste er das vom Reisegeld selbst bezahlen. Jetzt zögert Herr Abdulkarim und ist ein ganz klein bisschen enttäuscht von den sonst so großzügigen Deutschen.