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Schwimmen an der Auffahrt zur Carolabrücke

Das Güntzbad war Dresdens erstes großes Hallenbad. Vor 110 Jahren wurde es eröffnet – als Bau der Superlative.

Von Lars Kühl

Was für eine Fassade. Ornamente dominieren und verleihen der Sandsteinhaut ein schmuckes Aussehen mit vielen Figuren, zahlreichen Detaildarstellungen und hübschen Balkonen. Das fünfgeschossige Gebäude mit seiner beeindruckenden Schauseite gilt als bedeutendster Jugendstilbau, der jemals im Auftrag der Stadt Dresden errichtet wurde. Bei aller Begeisterung gibt es nur ein Problem: Das Haus steht nicht mehr, stattdessen verläuft heute an seiner Stelle die breite Spur der St. Petersburger Straße, die kurz darauf über die Carolbrücke Richtung Neustadt führt.

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Die getrennten Becken, hier das für Herren, hatten je einen Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich. Das Wasser wurde ständig umgewälzt, gefiltert, desinfiziert und auf 22Grad Celsius erwärmt. Dies war nur möglich durch die Stiftung von Justus Friedrich Günt
Die getrennten Becken, hier das für Herren, hatten je einen Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich. Das Wasser wurde ständig umgewälzt, gefiltert, desinfiziert und auf 22Grad Celsius erwärmt. Dies war nur möglich durch die Stiftung von Justus Friedrich Günt
Die Jugendstil-Elemente an der Schauseiten-Fassade des Güntzbades, wie auf dieser Postkarte um 1910, beeindruckten. Bilder: Sammlung Holger Naumann (2), privat
Die Jugendstil-Elemente an der Schauseiten-Fassade des Güntzbades, wie auf dieser Postkarte um 1910, beeindruckten. Bilder: Sammlung Holger Naumann (2), privat

Nicht nur wegen seiner auffälligen Verzierungen war der Bau an der Straße Elbberg etwas Besonderes. Gleichzeitig beheimatete er Dresdens erstes großes Hallenbad. Am 2. Januar 1906 wurde es eröffnet. Wer sich heute an den Rathenauplatz stellt, durch die Reiterfiguren in Richtung Elbe schaut, sieht auf der rechten Seite im Hintergrund nur einen DDR-Plattenbauriegel. Kaum vorstellbar, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hier die Droschken entlang der bebauten Auffahrt zur alten Caro-labrücke fuhren. Und doch war es so.

Seit zwei Wochen können die Besucher im neuen Bühlauer Hallenbad schwimmen. Dresden hat nun mit der Freiberger Straße, dem Georg-Arnhold-Bad, Prohlis, dem Nordbad in der Neustadt, der Halle in Klotzsche sowie dem Elbamare in Gorbitz sieben überdachte Bäder – immer noch zu wenig für den weitaus höheren Bedarf.

Vor 110 Jahren war die Situation eine andere. Über die Stadt verteilt gab es einige sogenannte Volksbäder, wie beispielsweise in Löbtau, der Seevorstadt und der Friedrichstadt. Sie waren vor allem für die Bewohner Anlaufstellen, die keine Wannen in ihren Wohnungen hatten. Und das waren nicht wenige. Die älteste Schwimmhalle der Stadt ist das Nordbad in einem Hinterhof auf der Louisenstraße. 1895 war es als Germania-Bad übergeben worden. Mit seinem acht mal 16 Meter großen Becken, das sich die Frauen und Männer im Wechsel teilen mussten, reichte es kaum zum Bahnen-Ziehen. Die Dresdner wünschten sich um die Wende zum 20. Jahrhundert endlich eine zeitgemäße Halle.

Architekt Edmund Bräter entwarf die Pläne dafür. Er hatte sich einen Namen mit der Friedrichstädter und der Neustädter Markthalle sowie dem Krankenhaus Johannstadt, das heute zur Universitätsklinik gehört, gemacht. Stadtbaurat Hans Erlwein ließ das Bad dann zwischen 1903 und 1905 hochziehen. Möglich war dies alles nur, weil es einen edlen Gönner gab, der die Kosten von 1,65 Millionen Euro übernahm und im Gegenzug Namenspate wurde. Der Rechtsanwalt Justus Friedrich Güntz war zwar bereits 1875 in Dresden gestorben, doch 19 Jahre vor seinem Tod hatte er eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen.

Die zu finanzieren war möglich, weil Güntz seit 1839 Herausgeber des Dresdner Anzeigers war. Zwei Jahre zuvor hatte er die Zeitung, die er später zum Amtsblatt machte, gekauft. Ab 1856 flossen die Erlöse des Anzeigenblattes in die Stiftung. Der amtierende Oberbürgermeister verwaltete diese und bestimmte so mit, wie die Mittel für Wohltätigkeitszwecke und zur Verschönerung Dresdens eingesetzt wurden. Ein (Geld-)Segen für das neue Güntzbad.

Das war nach Maßstäben der damaligen Zeit ein moderner Bau der Superlative. „Ausgestattet war es mit einer Fußbodenheizung und Wasserzerstäubern für die Luftreinigung“, schreibt Harald Taupitz in seinem Buch „Alt-Dresden, ein Märchen in Bildern“. Die Schwimmhallen für Damen und Herren waren getrennt, wobei das Becken für die Männer mit seinen Maßen von elf mal 25 Metern deutlich größer war. Für Frauen stand eines mit neun mal 18 Metern zur Verfügung. Insgesamt gab es 150 Umkleiden. Wie in den Volksbädern wurden noch 50 Wannen für die Bevölkerung aus der Nachbarschaft aufgestellt. Damit nicht genug, gab es ein irisch-römisch-russisches Schwitzbad, einen Erfrischungsraum und sogar ein Bad für Hunde im Keller sowie eine Wäscherei. Die Dresdner rannten ihrem Güntzbad von Anfang an die Türen ein. 1906 kamen fast 200 000, zwanzig Jahre später waren es über 750 000 Besucher in der Saison.

Zwischen 1925 und 1927 war das Bad unter der Leitung von Stadtbaurat Paul Wolf modernisiert und erweitert worden. Jugendstil-Elemente wurden entfernt und durch Teile der Neuen Sachlichkeit ersetzt. Es entstanden Wannen- und Schwitzbäder, Massage-, Kur- sowie Heilräume. Das Dach bekam eine Sonnenterrasse. Es gab sogar eine Rundfunkanlage. Die Besucher erhielten Kopfhörer und konnten so in den Ruheräumen das Radioprogramm verfolgen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg endeten die entspannten Stunden im Güntzbad. Es war stark beschädigt worden, der einstige Prunkbau eine Ruine. Die Dresdner wollten den Wiederaufbau, einige Jahre existierten auch Pläne dazu. 1961 wurde das Geld dafür gestrichen, drei Jahre später wurde das Güntzbad abgerissen. 1969 öffnete ganz in der Nähe die Schwimmhalle an der Steinstraße – quasi als Ersatz. Der optisch wenig ansprechende Bau musste 2001 schließen, weil er baufällig war.