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Schwimmende Betten

Vor 70 Jahren wurde Wehlens ungewöhnlichstes Gästequartier zerstört. Vorher kam es sogar bei Olympia zu Ehren.

Von Heike Wendt

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Ansichtskartensammler kennen das Motiv genau: ein langgestrecktes Schiff am Wehlener Elbufer, das in Dornröschenschlaf gefallen zu sein scheint. Mindestens 6,50 Euro ist die Karte wert, einige Anbieter wollen noch mehr Geld für eine Postkarte mit dem Schiffsmotiv. In der Tat blieb das Schiff monatelang an ein und derselben Stelle liegen. „Es war nicht für die Schifffahrt gebaut, hatte nicht einmal einen Motor. Es war eine schwimmende Jugendherberge“, sagt Ortschronist Wolfgang Thomas aus Stadt Wehlen. Es lag 13 Jahre am Elbufer in Pötzscha vor Anker.

Von 1932 bis 1945 hatte die Jugendherberge ihren Liegeplatz unterhalb des kleinen Ortes. Wer hier Quartier bezogen hatte, konnte sich an Land zudem sportlich betätigen. Unmittelbar in der Nähe des kleinen Bahnwärterhäuschens und am Ufer, direkt vor der Herberge, befand sich ein Kleinfeldsportplatz.

Bevor der Bettenkahn nach Pötzscha kam, diente er dem gleichen Zweck in Königstein-Halbestadt. Der Grundkörper des schwimmenden Quartiers war ein antriebsloser Schiffsrumpf, innen gab es zwei Schlafräume und zwei Waschräume (für Jungen und Mädchen getrennt) sowie einen gemütlich eingerichteten Aufenthalts- und Speiseraum. Auf dem Oberdeck befand sich das Sonnendeck.

Die schwimmende Jugendherberge war nur in den Sommermonaten in Betrieb und lag am angestammten Liegeplatz. Im Winterhalbjahr wurde sie zum Schutz vor Treibeis entweder im Hafen Pirna-Copitz oder in Königstein festgemacht.

Zu überregionalem Ruhm kam die schwimmende Jugendherberge im Jahr 1936. Nachdem der Kahn gründlich überholt war, legte er mit vielen Besuchern an Bord zur Olympiade nach Berlin ab, die vom 1. bis 16. August 1936 stattfand. Da es keinen Motor gab, ließ man den Kahn von Stadt Wehlen bis zur Havelmündung treiben. Von dort bis nach Berlin musste er geschleppt werden. Hier verließen alle Gäste die Herberge und machten anderen Besuchern Platz. Zurückgekehrt von Berlin, diente das Schiff wieder wie gewohnt als Jugendherberge in Pötzscha. Nach 1936 übernahm der Herbergsvater Willi Schlenkrich aus Stadt Wehlen den Kahn und damit die Leitung der Herberge. Zuvor war es ein Herr Jähnicke aus Pötzscha.

Während des Zweiten Weltkrieges diente die schwimmende Jugendherberge als Kleiderkammer und Depot für andere militärische Kleinteile. Anfang Mai 1945 wurde sie zum besseren Schutz vor Fliegerangriffen unterhalb der Ganssteinbrüche – das ist das Waldstück unterhalb der Bahnlinie zwischen Wehlen und Rathen – verankert. Es half nichts. Denn hier wurde sie zwar nicht von Fliegerbomben vernichtet, aber von sogenannten Werwölfen in Brand gesteckt – damit die Herberge nicht russischen Soldaten in die Hände fällt.

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