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Schwitzen wie zu Augusts Zeiten

Der Verein "Barock in Dresden" fand sich in Seußlitz zu einem seiner derzeit wenigen Treffen zusammen. Wie halten die Freizeit-Adeligen die Hitze in ihren Kostümen aus?

Rudolf von Bünau aus Dessau und seine Lebensgefährtin Elke Köcher flanieren in historischen Gewändern durch den Seußlitzer Schlosspark.
Rudolf von Bünau aus Dessau und seine Lebensgefährtin Elke Köcher flanieren in historischen Gewändern durch den Seußlitzer Schlosspark. © Jörg Richter

Diesbar-Seußlitz. "Darf ich ein Foto von Ihnen machen?" Diese Frage hören die Mitglieder des Vereins "Barock in Dresden " am Sonntag ziemlich oft. Denn sie sind in den Schlosspark nach Seußlitz gekommen, um hier in ihren historischen Kostümen zu flanieren. Mancher Passant, der die auffällige Gruppe in ihren historischen Kostümen sieht, ist begeistert und zückt das Handy, um ein unerwartetes Bild zu schießen.

Für die kleine barocke Gesellschaft ist es vor allem eine Gelegenheit, sich wieder mal zu sehen und ihre Liebe zum augustinischen Zeitalter zu frönen. "Während der Corona-Beschränkungen gab es so gut wie kein Vereinsleben mehr", sagt Rudolf von Bünau. Der Dessauer ist als sein Urahn Heinrich Graf von Bünau (1665-1745) verkleidet und quasi der "Gastgeber". Sein berühmter Vorfahre war Kanzler am Hofe von August dem Starken und hatte 1722 das Seußlitzer Rittergut gekauft und zu einem Barockschloss umbauen lassen. So wie es heute noch zu bewundern ist.

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Der Ausflug in den hiesigen Schlosspark soll erst das zweite Treffen des Vereins in diesem Jahr sein. Sonst sind die Mitglieder fast jede Woche unterwegs. Sie treffen sich privat wie in Diesbar-Seußlitz oder treten bei Veranstaltungen im barocken Ambiente auf. Doch Corona hat alle in diesem Jahr ausfallen lassen.

Als die Mitglieder des Vereins "Barock in Dresden" durch den Seußlitzer Schlosspark spazieren, werden viele Sonnenschirme aufgespannt.
Als die Mitglieder des Vereins "Barock in Dresden" durch den Seußlitzer Schlosspark spazieren, werden viele Sonnenschirme aufgespannt. © Jörg Richter

Das letzte große Ereignis liegt schon eine Weile zurück. Es war der Festumzug zum 26. Stollenfest in Dresden im Dezember. Da war es angenehm kalt.  Ganz im Gegenteil zu diesem Sonntag, als die Sonne scheint und die kleine Abordnung des sächsischen Hofstaats bei 36 Grad Celsius zum Schwitzen bringt. 

Die gnädigen Damen und Herren suchen Schutz im Schatten der Bäume und stoßen zusammen mit Bacchus und den beiden ehemaligen Seußlitzer Weinköniginnen Katharina Lai und Hanka Simon vom gastgebenden Tourismusverein mit einem Gläschen hiesigen Weines an. Mit Sonnenschirm und Fächer nehmen die meisten die Hitze gelassen. "Der Adel schwitzt nicht. Der Adel transpiriert", sagte Renate Schmiedel, die als Baronin von Heinicke verkleidet ist, äußerst vornehm. 

Sie und einige andere Damen in der illustren Runde kennen sich nicht nur mit barocken Tänzen und guten Manieren aus, sondern auch mit Nadel und Faden. Fast alles, was die Herrschaften angezogen haben, ist selbst geschneidert. Bei diesen tropischen Temperaturen spüren sie jede einzelne Lage Stoff, die unter den schönen Kleidern versteckt ist. 

Ein schattiges Plätzschen ist bei diesen heißen Temperaturen Gold wert.
Ein schattiges Plätzschen ist bei diesen heißen Temperaturen Gold wert. © Jörg Richter

Vor allem die Hofdamen der damaligen Zeit waren nicht zu beneiden. Und die Damen vom Verein "Barock in Dresden", die heute ihnen nacheifern, erst recht nicht. Auf das Unterhemd kommen die Schnürbrust, der Unterrock, die Jupe und das Manteau. "Man braucht eine ganze Stunde zum Anziehen. Und das ohne Zofe", sagt Elke Köcher. Sie ist die Lebensgefährtin von Rudolf von Bünau. Die gelernte Farb- und Stilberaterin besitzt in Olbersdorf das Atelier "Tiziana" und hat sich auf das Scheidern historischer Gewänder und Faschingskostümen spezialisiert.

Auf die Frage, wie August und sein Gefolge bei so einer Hitze geschwitzt haben, antwortet sie: "Eher wenig." Die Adeligen hätten bei solchen Temperaturen ihre Schlösser kaum verlassen. Und die waren im Inneren kühl. "Außerdem konnten sich die Damen in ihren Ballkleidern kaum bewegen, weil sie eng geschnürt waren", verrät sie. Deshalb hätten die Hofdamen jede unnötige Anstrengung vermieden. 

"Sie trugen auch keine Perücken. Das ist ein großer Irrtum", sagt Elke Köcher. Lediglich zusätzliche Haarteile waren erlaubt. Das Tragen von Perücken war den Männern vorbehalten. "Aber August der Starke brauchte keine Perücke", wenden gleich mehrere Damen des Dresdner Vereins voller Bewunderung ein. "Er hatte schönes, volles Haar."  

Etwa die Häfte des 26 Mitglieder großen Vereins sind nach Diesbar-Seußlitz gekommen. Bacchus (hinten links) und die beiden ehemaligen Ortsweinköniginnen Katharina Lai (4.v.r.) und Hanka Simon (5.v.r.) begrüßten die illustre Gesellschaft mit einem Picknick
Etwa die Häfte des 26 Mitglieder großen Vereins sind nach Diesbar-Seußlitz gekommen. Bacchus (hinten links) und die beiden ehemaligen Ortsweinköniginnen Katharina Lai (4.v.r.) und Hanka Simon (5.v.r.) begrüßten die illustre Gesellschaft mit einem Picknick © Jörg Richter

Und es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zu den Kleidern von damals, weiß Hannelore Köhler, die mit ihrem Mann Reiner den königlich-polnischen und kurfürstlich-sächsischer Kammer- und Bergrat Hans Carl von Carlowitz und seine Gemahlin Ursula Margaretha mimt.

 "Die Kleider waren damals alle aus Seide und damit leichter", sagt die Chemnitzerin. Das machte sich beim Tanzen bemerkbar. Weil Seide damals wie heute teuer war bzw. ist, würden die Kostüme aus preiswerten Taft oder Dekorstoff genäht. Die Mitglieder des Vereins "Barock in Dresden" schwitzen also viel mehr als die Damen und Herren, die sie verkörpern.

Wie Rudolf von Bünau verrät, soll es "in naher Zukunft" ein weiteres Treffen des sachsenweiten Vereins im Schlosspark Seußlitz geben. Einige Mitglieder sprachen sich dafür aus, sich bereits am kommenden Donnerstag in Dresden wiederzusehen. Dann soll der 320. Geburtstag von Augusts Premierminister Heinrich Graf von Brühl gefeiert werden.  

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