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Sechs Monate Warten auf die erste Fahrstunde

Immer mehr Fahrschulen geraten in Nöte, weil ausgebildetes Personal fehlt. Das ist nicht so einfach zu bekommen.

Die Bautzenerin Katharina Wasilewski kann zu einer Fahrstunde starten – sie hat einen Termin bei Fahrlehrer Dieter Kroll bekommen.
Die Bautzenerin Katharina Wasilewski kann zu einer Fahrstunde starten – sie hat einen Termin bei Fahrlehrer Dieter Kroll bekommen. © Steffen Unger

Bautzen. Als die erste Tochter von Sylvia Littke-Hennersdorf 2010 ihre Fahrschule absolvierte, war sie nach fünf Wochen fertig. Die zweite Tochter schaffte es 2012 sogar in nur vier Wochen. Jetzt möchte der Sohn die „Fleppen“ machen. Nach drei Wochen steht die Theorieprüfung an. Der Termin für die erste Praxis-Stunde steht noch nicht fest. Mit mindestens acht Wochen Wartezeit müsse er rechnen, wurde ihm gesagt.

Wovon die dreifache Mutter berichtet, ist kein Einzelfall, sondern mittlerweile die Regel. Und mit acht Wochen Warten ist der junge Mann noch gut bedient. Der Grund: Vielen Fahrschulen fehlt Personal. Der Verein International Road Safety Association, eine Interessenvereinigung von Firmen im Bereich der Fahrerlaubnisausbildung, hat die Situation in ganz Deutschland mit einer Umfrage erforscht. Der Branchenreport mit der Befragung von 400 Fahrschulen ergab, dass fast jede zweite Fahrschule in Sachsen mindestens einen Ausbilder sucht.

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Klaus-Peter Gössel kann das bestätigen. Er betreibt eine Fahrschule in Bischofswerda und weiß, dass „Nachwuchs in diesem Bereich fehlt. Auch wir sind seit mehr als fünf Jahren auf der Suche nach Unterstützung. Wir planen unsere Kurse mittlerweile sehr weit im Voraus, um allen gerecht zu werden.“ Altersbedingt würden auch Fahrschulen schließen, sagt Klaus-Peter Gössel.

Zahl der Fahrschulen sinkt

Pressesprecherin Isabel Pfeiffer vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) untersetzt das mit Zahlen: Zurzeit gibt es im Landkreis Bautzen 58 Fahrschulen. Vor fünf Jahren waren es noch 66.

„In nächster Zeit werden für Bautzen und Umgebung mehrere Fahrschulen aus Altersgründen wegfallen“, befürchtet Dieter Kroll, Inhaber einer Fahrschule in Bautzen-Gesundbrunnen. Auch er erkundigt sich schon, wer einmal seine Firma weiterführen könnte – „bisher leider ohne Erfolg“. Immer weniger Fahrschulen führen aber zu immer längeren Wartezeiten für Fahrschüler. Das wirkt sich bei Dieter Kroll so aus, „dass es keinen fortlaufenden Theorieunterricht mehr gibt. Das bedeutet, bis vor Kurzem konnten Fahrschüler jederzeit mit der Ausbildung beginnen, dadurch gab es keine Wartezeit und wenn jemand verhindert war, dann konnte er die versäumten Themen rasch nachholen.“ Doch das funktioniert so nicht mehr. „Deshalb gibt es in unserer Fahrschule nur noch festgelegte Kurse mit einer bestimmten Anzahl Fahrschüler. Bereits jetzt laufen die Anmeldungen für 2020.“

Situation wird sich weiter verschlechtern

Ähnliches berichtet Ausbildungsleiter Erik Ludick von der Fahrschule Freudenberg in Bischofswerda. Hier ist es so, „dass wir mittlerweile Anmeldungen mit dem Hinweis entgegennehmen, dass die praktische Ausbildung erst in sechs Monaten begonnen werden kann, da alle Fahrlehrer mehr als ausgelastet sind. Diese Situation wird sich noch wesentlich verschlechtern.“

Ältere gehen in den Ruhestand, Jüngere rücken nicht ausreichend nach – vor diesem Problem stehen nicht nur die Fahrschulen. Aber in dieser Branche kommen zwei weitere Sorgen hinzu. Die erste beschreibt ein Fahrlehrer so: „Wir arbeiten oft dann, wenn die anderen Leute Freizeit haben. Das schreckt viele erst einmal ab.“ Und zweitens: Fahrlehrer ist kein Ausbildungsberuf. Die nötige Qualifikation lässt sich nur durch Umschulung aus einem anderen Beruf heraus erwerben. Meist müssen die angehenden Fahrlehrer den Großteil der Kosten selbst tragen. „Leider gibt es auch nur sehr wenig Fördermöglichkeiten zur Ausbildung eines Fahrlehrers“, bedauert der Bischofswerdaer Klaus-Peter Gössel.

Führerscheinausbildung gut planen

Andreas Grünewald, der Vorsitzende des Landesverbandes Sächsischer Fahrlehrer, spricht von einem Bedarf an Fahrlehrern. „Von einem Mangel möchte ich im Vergleich zur damit verbundenen Wartezeit auf eine Führerscheinausbildung zu DDR Zeiten nicht sprechen.“ Der aktuelle Bedarf an Fahrlehrern liege an der gestiegenen Zahl von Anmeldungen. Gleichzeitig befänden sich seit Anfang dieses Jahres 130 neue Fahrlehrer in der Ausbildung, sagt Grünewald. „Deshalb werden wir mittelfristig wohl diesen Bedarf decken können.“

Sachsens oberster Fahrlehrer appelliert an Interessenten, ihre Führerscheinausbildung gut zu planen. „Wir möchten uns gern an unsere Kunden oder deren Eltern mit der wichtigen Botschaft wenden: Sie erwerben Ihren Führerschein einmal im Leben – bitte nehmen Sie sich dafür auch genügend Zeit und gehen Sie nicht davon aus, dass die Führerscheinausbildung so nebenbei absolviert werden kann.“

Seit 1982 lehrt Volker Höhn Fahrschüler – zunächst in Cottbus, heute in Elstra: „Damals war eine Wartezeit von der Anmeldung in der Fahrschule bis zum Beginn von 36 Monaten üblich. Ganz so ist es heutzutage trotz fehlenden Personals nicht.“

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