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Sechs Stufen zu viel

Wollen Harthaer Eltern zur Post, muss der Kinderwagen draußen bleiben. Woanders gibt es Rampen.

Von Maria Lotze

Genau 50,7 Jahren – so alt waren die Harthaer im Durchschnitt Ende des Jahres 2012. Damit hat die Stadt, neben Rochlitz, den höchsten Altersdurchschnitt im Landkreis Mittelsachsen. Kein Wunder also, dass in Hartha der Anteil der Bürger unter drei Jahren nur bei 1,7 Prozent liegt. Junge Eltern müssen daher auf so manches Angebot verzichten.

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Arztbesuche sind für Harthaer Eltern immer mit einer Auto- oder Busfahrt verbunden, denn ein Kinder- und Jugendarzt fehlt in der Stadt. Die nächsten Praxen sind in Döbeln, Mittweida oder Colditz. Selbst die ansässigen Hausärzte sind keine Alternative, wie zum Beispiel Dr. Erzsebet Csilla Lovas an der Franz-Mehring-Straße. Bei Babys schaue sie sich lediglich eine Erkältung an, bei anderen Krankheiten oder den Kindervorsorgeuntersuchungen verweist sie an die Kinder- und Jugendärzte. Auf Babys eingestellt haben sich die beiden Apotheken der Stadt. Sie bieten Babywaagen und Milchpumpen zum Verleih an, verkaufen neben schulmedizinischen Medikamenten auch Homöopathie und haben ein kleines Babysortiment im Angebot. Barrierefrei zugänglich ist allerdings nur die Park-Apotheke an der Franz-Mehring-Straße.

Tina Holey aus Kieselbach spricht ein weiteres Problem an: „Es gibt so gut wie nichts an Babyartikeln hier.“ Bodys, Strampler, Mützen und andere Bekleidung bekommen die Eltern lediglich bei NKD an der Geschwister-Scholl-Straße sowie vereinzelt auch bei Tedi. Ein An- und Verkauf ist in der Stadt nicht zu finden. In den vorhandenen Geschäften halte sich die Auswahl in Grenzen, bemerkt Sandra Girbig aus Wallbach. Die beiden Mütter bestellen ebenso einen großen Teil der Sachen für ihre Kinder im Internet wie Jacqueline Flemming. Ein Geschäft für Spielwaren fehlt in der Stadt. Einzelne Kuscheltücher, Knisterbücher oder Rasseln sind in den Apotheken sowie bei Tedi erhältlich.

Ein geringes Sortiment an Babywaren haben die ansässigen Supermärkte Edeka, Penny und Netto im Angebot. Das Notwendigste sei vor Ort erhältlich, sagt Jacqueline Flemming. Aber den meisten Müttern reicht das nicht aus. Sie fahren nach Waldheim in die Filiale der Drogeriekette Rossmann oder ins dortige Kaufland. Im Supermarkt in Hartha gebe es zum Beispiel nur zwei Sorten Brei zur Auswahl, wie Sandra Girbig sagt. Öfters zum Einkaufen in der Stadt ist auch Tina Holey mit ihrem vier Monate alten Sohn Joe. Der sitzt noch in der Babyschale. Für die bietet lediglich der neue Edeka-Markt der Generationen einen Platz im Einkaufswagen an. Bei Rewe und Netto sind keine extra Wagen für die Babyschale zu finden. Familienparkplätze gibt es dagegen bei allen drei Märkten.

Nicht kalt bleiben muss in Hartha der Babybrei. An verschiedenen Stellen in der Stadt finden sich Bäckerei-Mitarbeiter, Imbissverkäufer oder Mitarbeiter in der Fleischerei, die den Brei oder auch das Fläschchen erwärmen. Erfolgversprechend ist die Nachfrage bei der Fleischerei Richter, dem Schlemmerstübchen sowie bei Mirjams Konditorei und Eiscafé. Überall dort sind auch Sitzplätze vorhanden. Zum Windeln brauchen die Eltern nicht unbedingt auf den Platz im Auto zurückgreifen. Zwar fehlt auf den öffentlichen Toiletten ein Wickeltisch, dafür ist auf der Toilette im Markt der Generationen an der Nordstraße ein klappbarer Wickeltisch angebracht worden. Davon wissen allerdings nur wenige Mütter. Ein Hinweis darauf gibt es nicht.

Relativ gut lässt sich der Kinderwagen durch die Stadt schieben. Die Gehwege sind breit genug, nur an einigen Stellen, wie an der Ecke Markt/Karl-Marx-Straße, wird es eng. Schwieriger wird es, in die Geschäfte zu gelangen, die im ganzen Ort verstreut sind. Vor allem der Zugang zur Poststelle am Markt bereitet Probleme. Bei sechs Stufen im Eingangsbereich muss der Kinderwagen auf jeden Fall draußen bleiben. Schon manches Mal hatte Sandra Girbig damit zu kämpfen. Auch einige andere Geschäfte der Stadt sind nur über Stufen zu erreichen. An den Filialen der Sparkasse sowie der VR-Bank sind Rampen angebracht. Ungehindert möglich ist der Zugang auch beim Rathaus. Auf der Rückseite des Gebäudes gibt es ebenfalls eine Rampe. Im Erdgeschoss befinden sich Bürgerbüro und Kasse. Die anderen Büros sind in den Obergeschossen. Ein Aufzug fehlt.

Babytaugliche Freizeitangebote vor Ort sind zurzeit rar. Gerade erst begonnen haben die Fitnesskurse von Sophie Thiel in der Trainingshalle der Dance Factory Hartha. Dabei schnallen sich die Mütter ihren Nachwuchs mit einem speziellen Gürtel um den Bauch und treiben Sport. Während die Mamas Bauch, Beine, Po in Form bringen, genießen die Babys die spielerischen Übungen. Die Teilnahme an dem Kurs kostet 89 Euro. Voraussichtlich erst ab September starten neue Babyschwimmkurse im Lehrschwimmbecken in der Pestalozzi-Grundschule, so Andrea Lorbeer vom Unikat Gesundheitsservice aus Leisnig. Pro Treffen kostet das Schwimmen, bei dem die Kinder sich ans Wasser gewöhnen sollen, acht bis zehn Euro. Sowohl für den Sport- als auch für den Schwimmkurs übernehmen die Krankenkassen einen Teil der Kosten. Im Rahmen der Eingewöhnung bieten zudem die Kindereinrichtungen Krabbelgruppen an.

Zu wenige Geschäfte, zu wenig Information, zu geringe Auswahl - wer in Hartha ein Baby zu versorgen hat, muss sich mit weniger zufrieden geben. „Babyfreundlich ist allerdings das Begrüßungsgeld, das die Stadt zahlt, sowie der jährliche Empfang für die Neugeborenen“, sagt Sandra Girbig.