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Seelenruhe auf der Bundesstraße

Während die Skassaer ab nachts um zwei nicht mehr schlafen können, ist in Wildenhain Ruhe eingezogen – kurzzeitig.

Momentan herrscht Stille im Großenhainer Ortsteil Wildenhain. Die Hauptstraße, welche als Bundesstraße 98 durch das Dorf führt, kann aufgrund des momentanen Breitbandausbaus nicht befahren werden.
Momentan herrscht Stille im Großenhainer Ortsteil Wildenhain. Die Hauptstraße, welche als Bundesstraße 98 durch das Dorf führt, kann aufgrund des momentanen Breitbandausbaus nicht befahren werden. ©  Anne Hübschmann

Wildenhain/Skassa. Momentan hat Christine Eulitz Urlaub. So richtig und rundum. Seit dem Breitbandausbau auf der Neuen Hauptstraße in Wildenhain ist ihre dörfliche Welt in Ordnung. Die Zufahren sind gesperrt, der Verkehr wird über Skassa umgeleitet. Was des einen Leid, ist die unüberhörbare Freude des anderen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn die 66-Jährige möchte, kann sie nun nachts die Fenster öffnen. 

Sogar all jene, die zur Straße gewandt sind. Der Platz im Garten macht einem erholsamen Rückzugsort alle Ehre, und es ist endlich einmal möglich, die lauschigen Sommerabende draußen zu verbringen. Kein Rattern, Poltern, Scheppern oder Aufheulen. Einfach nur so viel Ruhe, wie Christine Eulitz in einem ländlichen Wohnort wie Wildenhain eigentlich ohnehin erwarten dürfte.

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Allerdings: All jene, die wie sie im Großenhainer Ortsteil wohnen, wissen es längst besser. Vorbei sind die Zeiten, in denen Fußgänger unbesorgt die Hauptstraße überqueren können. „Ich wohne seit 47 Jahren in Wildenhain. Damals war es noch schön hier, aber mit der Wende wurde es immer lauter“, erinnert sich die gebürtige Koselitzerin. 

Vor allem die Lkw bretterten über die Bundesstraße und würden ihrem Namen „Brummi“ lautstark gerecht. Besonders unerträglich sei es an den Wochenenden und erst recht gefährlich, wenn Ortsunkundige – ohne Beachtung der angrenzenden Grundstückseinfahrten, aus denen logischerweise hin und wieder Autos herausfahren – mit 70 Kilometer pro Stunde überholten. „Das da noch nichts passiert ist, grenzt geradezu an ein Wunder“, befindet Christine Eulitz.

Wie die Wildenhainerin betont, könne sie gut nachvollziehen, was die Skassaer momentan ertragen müssten. Die Anwohner der Riesaer Landstraße hatten sich jetzt in der Sächsischen Zeitung zu Wort gemeldet, weil für sie der Umleitungsverkehr seit den Bauarbeiten in Wildenhain unerträglich wäre. 

All das, was die geografischen Nachbarn seit Jahr und Tag ertragen müssen, rollt bei ihnen seit dem 23. Juli laut und rücksichtslos an den Häusern vorbei. Hunderte Fahrzeuge, Tag und Nacht, die aus der sonst recht überschaubaren Straße eine Blechlawine machen. Wir halten es wirklich nicht mehr aus und sind mit unseren Nerven völlig am Ende“, bekannte Doreen Hofmann. 

Die 44-Jährige wüsste nach eigenem Bekunden seit Monaten nicht mehr, wie es sich anfühlt, mal richtig durchzuschlafen. Denn hatte der Verkehr bereits seit dem Kauf des Grundstücks 2004 immer mehr zugenommen, sei es mit der Sperrung der B 98 erst recht schlimm geworden. 178 Fahrzeuge in 20 Minuten hat Doreen Hofmann gezählt.

Zu viele, um gefahrlos die Straßenseite zu wechseln oder mit dem eigenen Auto aus der Einfahrt zu kommen. Nur durch geradezu waghalsiges Manövrieren lasse sich der fahrbare Untersatz in den Verkehrsdschungel befördern. „Eine Katastrophe“, befinden die Betroffenen.

Eine Situation, die in Wildenhain seit Jahren für Verdruss sorgt. „Ich kann das total verstehen! Gerade jetzt im Sommer, wo man sonst nie mal lüften kann“, verrät eine Wildenhainerin. Nicht begreifen könne sie indes, dass – wohlbemerkt – in beiden Orten nicht langfristig nach verkehrsberuhigenden Maßnahmen gesucht werde. 

Abgesehen von Geschwindigkeitsbegrenzungen und -messungen könne man doch auch Bodenwellen in die Straße einlassen. „In vielen westdeutschen Dörfern sind solche Geschwindigkeitsdämpfer zu sehen. Wieso ist das denn nicht bei uns möglich“, schimpft die junge Mutter.

Während die Wildenhainer erst mal noch bis etwa 20. September durchatmen können, rüsten sich ihre Leidgefährten in Skassa derweil zum Kampf. Da es sich eben nicht nur um ein zwischenzeitliches Problem handle, wollen sie sich mit einer Petition an den sächsischen Landtag wenden. Denn gleich nun, ob Umleitungsverkehr oder nicht. Nicht zumutbar seien die vielen Fahrzeuge, ihre Geräuschkulisse und die damit verbundenen Gefahren. So oder so.

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