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Sehend ins Unglück

„Herr Biedermann und die Brandstifter“ hat heute in Bautzen Premiere – in einer ungewöhnlichen Inszenierung.

Von Miriam Schönbach

Blaue Benzinfässer stehen auf der Bühne. Hastig deckt die Hausgehilfin Anna den Tisch. Gleich kommen die zwei Herren zum Abendessen, der eine grobschlächtig und derb, der andere in feinem Zwirn. Seit Tagen kampieren sie auf dem Dachboden. Erst wollten sie nur eine Nacht bleiben, inzwischen haben sich Schmitz und Eisenring eingerichtet. Währenddessen berichten Zeitungen von Bränden in der Stadt. Obdachlose sollen die Feuer in Häusern reicher Leute legen. Der Hausherr ahnt, dass es brenzlig werden kann.

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„Herr Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur. Das Bautzener Puppentheater bringt das Stück von Max Frisch heute Abend im Burgtheater auf die Bühne. Eine erste Skizze dieses Stoffs verfasste der Schweizer Autor 1948 in seinem Tagebuch und nahm damit Bezug auf die Ereignisse damals in der Tschechoslowakei. Beim sogenannten Februarumsturz ergriff damals die Kommunistische Partei gewaltsam die Macht. Fünf Jahre später arbeitete der Schriftsteller das Material zu einem Hörspiel für den Bayerischen Rundfunk um. Im Züricher Schauspielhaus hatte das Drama schließlich 1958 seine Uraufführung.

Menschen werden zu Mittätern

Max Frisch zeigt am Beispiel des Biedermanns, wie leicht jeder Mensch zu einem Mittäter werden kann. Dieser Stoff ist heute noch genauso aktuell wie vor knapp 60 Jahren. Auch aus diesem Grund entschied sich Therese Thomaschke für die Inszenierung dieses bühnenwirksamen, vieldeutigen Textes. „Die Geschichte handelt von einem Wohlstandsbürger, der sehend in sein Unglück rennt. Das kennen wir doch auch von uns. Wir wissen zum Beispiel, dass wir mit Energie anders umgehen müssten, um Atomkraftwerke abzuschalten oder Braunkohlebagger zu stoppen. Trotzdem ändern wir unseren Energieverbrauch nicht“, sagt die Regisseurin.

Auf der Bühne wird die Gefahr immer greifbarer, knistert wie das Feuer im Kamin. Herr Biedermann sieht seine Untermieter mit Benzinfässern und Zündschnüren hantieren. Trotzdem teilt er mit ihnen sogar die Gans beim Abendessen und überlässt ihnen Streichhölzer, um Vertrauen zu zeigen. Die zaghaften Einwände seiner Frau Babette weist er kopfschüttelnd zurück. Eigentlich ist er so doch auf der sicheren Seite, denn Freunde zünden einem doch nicht das Dach über dem Kopf an – oder? Die Bautzener Theatermacher erzählen das „Lehrstück ohne Lehre“ mit viel Witz und Ironie.

Die Puppenspieler tragen in der Produktion große geschnitzte Köpfe aus leichtem Styropor wie überdimensionale Kronen auf ihren Köpfen. Schwarzer Tüll verhüllt ihre Gesichter und lässt trotzdem den Blick frei. Mit Annekatrin Weber, Carmen Paulenz, Marie-Luise Müller, Andreas Larraß und Stephan Siegfried steht das gesamte Puppenensemble auf der Bühne. Bewusst entschied sich Regisseurin Therese Thomaschke für diese sogenannten Korunapuppen (Ausstattung: Udo Schneeweiß). „Sie sind in gewisser Weise künstliche Menschen und signalisieren dem Betrachter, dass es sich um ein Spiel handelt. Der Zuschauer soll nicht mitfühlen, sondern nachdenken, immer im Bewusstsein, dass es sich um Theater und nicht um die Wirklichkeit handelt“, sagt sie.

Diese Spielform ist ganz im Sinn von Max Frisch (1911-91). Diese Vorliebe der Verfremdung teilte der Schweizer mit seinem großen Vorbild Bertolt Brecht. Beide Autoren lernten sich 1947 in Zürich kennen und tauschten sich in folgenden Jahren regelmäßig über künstlerische Fragen aus. Wahrscheinlich war es auch Brecht, der Max Frisch ermunterte, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Bekannt wurde er unter anderem mit seinen Romanen „Stiller“ und „Homo faber“ sowie den Theaterstücken „Andorra“ und eben „Biedermann und die Brandstifter“.

Nervös tippelt Babette in ihrer Wohnstube hin und her. Gerade haben Schmitz und Eisenring das Haus verlassen. Auf einer Leinwand im Hintergrund beginnt das Feuer zu prasseln, immer mehr greifen die roten Flammen um sich, Glockengeläut und Feuerwehrsirenen begleitet die Feuerbrunst. Doch mit dem Inferno, dem Flächenbrand, endet das Stück im Bautzener Theater noch nicht. Max Frisch hat nämlich ein Nachspiel geschrieben, dass nur wenige Inszenierungen verarbeiten. Für Herrn Biedermann und seine Frau geht so die Katastrophe weiter. Im Himmel? In der Hölle? Auf jeden Fall weiter im Glauben, alles richtig gemacht zu haben.

„Herr Biedermann und die Brandstifter“ – Premiere heute und am Sonnabend, 19.30 Uhr, im Bautzener Burgtheater, weitere Vorstellungen am 17. und 26. April, jeweils 19.30 Uhr, sowie am 27. April, um 15 Uhr, mit kostenloser Kinderbetreuung. Karten unter 03591 584225 oder unter www.theater-bautzen.de