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Sehr viele Zimmer zu vergeben

Seit 1992 steht der Görlitzer Hof in der Berliner Straße leer. Der jetzige Besitzer will das Gebäude verkaufen. 70er-Jahre-Charme ist inklusive.

© Nikolai Schmidt

Von Susanne Sodan

Görlitz. Die Holztür klemmt. Es ist auch schon eine Weile her, dass Stephan Zimmer sie aufgeschlossen hat, die Tür zur Berliner Straße 43. „Zum Tag des offenen Denkmals 2014 hatten wir das Haus geöffnet“, erzählt er. Da konnten die Görlitzer das letze Mal einen Blick reinwerfen in ihren Görlitzer Hof. Als Hotel wurde das Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, Hotel war es bis zuletzt, bis 1992. Seitdem steht es leer.

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Egal, welches Zimmer man im Görlitzer Hof einst gebaucht hatte, das Erwachen muss immer blumig gewesen sein. Jeder der Räume auf den vier Etagen hat noch seine Tapeten aus den 70er Jahren.
Egal, welches Zimmer man im Görlitzer Hof einst gebaucht hatte, das Erwachen muss immer blumig gewesen sein. Jeder der Räume auf den vier Etagen hat noch seine Tapeten aus den 70er Jahren. © Nikolai Schmidt

Hinter der Holztür treffen die Epochen aufeinander. Runde Stuck-Ornamente aus dem 19. Jahrhundert verzieren die Decke. Direkt hinter der Tür, auf einer gelben Tonne aus der Jetztzeit, steht ein Rahmen mit ein paar wenigen Bildern aus DDR-Zeiten. „Pioniere ehren ihre Arbeiterveteranen“ steht über den Fotos geschrieben. Was genau sie zeigen, ist aber kaum mehr erkennbar, zu verblichen. Das ganze Haus scheint zu verbleichen. Der Eingangsbereich des Görlitzer Hofs ist ockergelb gestrichen, aber die Farben blättern, als wären die Wände eine schuppige Haut. „Wir haben das Gebäude aber gesichert“, sagt Stephan Zimmer. „Wir können es uns ansehen.“

Stephan Zimmer ist Unternehmer aus Dresden. Er liebt Kirchenmusik, er ist der Präsident von Musica Sacra Saxoniae, eine Stiftung zur Förderung von Kirchenmusik in den Bistümern Dresden-Meißen und Görlitz. Seit über zehn Jahren ist er außerdem der Besitzer des Görlitzer Hofs. „Das Gebäude gehört mit zur Stiftung“, erklärt Zimmer. Direkt gekauft hat er es aber nie, auch die Stiftung nicht. „Das Gebäude war damals durch eine Nachlassregelung in die Stiftung übergegangen“, erzählt er. Ungefähr 2005 war das. Da stand das Haus zwar schon lange leer, in so mancher Nacht soll es damals trotzdem noch bewohnt gewesen sein, allerdings unerbeten. „Wir haben immer mal wieder Matratzenlager entdeckt“, erzählt Zimmer.

Er ließ das Gebäude sichern, das Dach reparieren. „Medien sind auch angeschlossen.“ Zimmer hätte außerdem gerne eine Solaranlage aufs Dach gesetzt, „auf die Südseite“. Der Denkmalschutz habe aber damals dagegen interveniert. „Die Solaranlage hätten höchstens ein Satellit und der liebe Gott gesehen“, sagt Stephan Zimmer bis heute. „Aber sie hätte geholfen, die Sanierung finanziell zu unterstützen“, argumentiert er. Eine erste Idee für eine Nutzung gab es. „Wir wollten damals Zimmer für Studenten einrichten.“ Mit dem Plan wandte er sich auch an das Studentenwerk. Aber dort habe man abgewinkt, kein Bedarf. Die Zeit verging. „Ich bin jetzt auch wieder bald 15 Jahre älter“, so Zimmer. Er sagt: Das Gebäude soll verkauft werden. Schon lange steht an der Front die Zu-verkaufen-Aufschrift. Sie ist weiter aktuell. „Es gibt einen Festpreis“, sagt Stephan Zimmer. Wie hoch er ist, will er nicht sagen, aber: „Ich möchte nicht Poker spielen.“

Dass der Görlitzer Hof seinen Wert hat, findet auch der Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalschutz hat die Geschichte des Gebäudes rausgesucht: Das Haus entstand 1879, wurde direkt als Hotel gebaut. Bauherr war Gottlieb Urban. „Anwesen wie die Berliner Straße 43 belegen exemplarisch die Stadtbaugeschichte von Görlitz im späteren 19. Jahrhundert“, erklärt Sabine Webersinke, Sprecherin beim Landesamt. Die Bahnstrecke war angeschlossen und Görlitz entwickelte sich „von einer eng begrenzten mittelalterlichen Stadt zu einer weit größeren modernen Stadt mit allen zugehörigen Attributen.“ Also auch Hotels für die Gäste. Die obere Berliner Straße, das ist bekannt, hatte bei dieser Entwicklung eine besondere Bedeutung. Gegenüber dem Bahnhof gelegen, bildete sie das „Etreen“ zur Stadt.

Damals modern, bis heute prachtvoll, so entstand der Hotelbau. Angelegt wurde er mit einem vierstöckigen Vorderhaus. In dessen Parterre waren laut Denkmalschutz die großen Gastzimmer, ein Speisesaal, Billard und Buffet untergebracht. In den vier Obergeschossen sind die weiteren zahlreichen Hotelzimmer. Unterm Dach waren einst zwei kleine Wohnungen eingerichtet, vermutlich für Hausmeister und Heizer. Außerdem gab es auf der Gebäuderückseite einen einstöckigen Anbau – ein zweiter großer Saal. Ebenfalls auf der Rückseite, bei der Salomonstraße 9, gab es eine Ausspannung gegeben. 1891 wurde Gustav Franke der neue Eigentümer. Er gab dem dem Hotel den Namen Kaiserhof. Besitzer und Pächter wechselten über die Zeit mehrfach. Die Geschichte des Hauses ist auch in der Veröffentlichung „Gaststätten um 1900“ beschrieben: Für die Jahrhundertwende beispielsweise werden Otto Rolle, Paul Mattausch und Rudolf Gärtner als Hotelleiter angegeben, die mit „großen französischen Betten“ für das Hotel geworben haben sollen. Ein Zimmer war damals pro Person für 1,50 Reichsmark zu bekommen. Besonders beliebt bei den Görlitzern aber sollen über die Jahrzehnte hinweg vor allem der Tanzsaal und die Gastronomie gewesen sein. Familien feierten hier, örtliche Vereine trafen sich, in den 20er und 30er Jahren gab es regelmäßig Eisbein und königliches Hofbräuhaus-Bier.

Nach 1945 bekam das Hotel mit seiner Gastronomie einen neuen Namen: Görlitzer Hof. Und es bekam wieder einen neuen Besitzer, die HO. Die letzte große Sanierung ist beim Denkmalschutz für 1971 vermerkt. Ob aus dieser Zeit die Tapeten in den Zimmern stammen, die heute noch an den Wänden hängen? Es könnte gut sein, die großflächigen floralen Muster lassen an die 70er denken. Die Maler müssen damals ganze Arbeit geleistet haben. In ein paar Räumen sind die gemusterten Tapeten zwar von den Wänden gefallen, in den meisten Zimmern halten sie aber noch – inklusive Goldborte.

Wie es in den 70ern war im Görlitzer Hof, weiß Heiner Lindau. Er hat 1977 bis 1979 seine Kochlehre im Görlitzer Hof absolviert. „Die Küche war im Keller“, erzählt er. Im Sommer war die Arbeit dort manchmal sehr hart, erinnert er sich. „Wenn Sie heute vor dem Hotel stehen, sehen Sie unten die Kellerfenster. Die waren die einzige Belüftung“, erzählt er. „Im Sommer standen wir manchmal in extremer Hitze am Herd.“ Übrigens ein mit Kohle beheizter Herd. Zu Silvester 78/79 hatte das einen Vorteil. „In der Silvesternacht gab es in der Stadt einen Stromausfall“, erinnert sich Heiner Lindau. Die Nachbarn vom Görlitzer Hof aber konnten sich wenigstens Tee und Kaffee machen. Das Wasser dafür hatten sie sich auf dem Kohleofen im Görlitzer Hof heiß gemacht, erzählt Lindau mit einem Schmunzeln. Nach seiner Lehre in Görlitz wollte er eigentlich als Schiffskoch arbeiten – und mehr von der Welt sehen. Durch das Bewerbungsverfahren bei der Marine sei er auch gut durchgekommen. Nur an einem Punkt scheiterte es. Lindau ist zwei Meter groß. Wegen der üblichen Kombüsen- und Kojengrößen wurden als Schiffsköche nur Leute bis Körpergröße 1,90 Meter genommen, erinnert er sich. Heiner Lindau blieb trotzdem Koch. Heute arbeitet er am BSZ „Christoph Lüders“ in Görlitz als Fachausbilder. Im Görlitzer Hof wäre derzeit ja auch niemand zu bekochen.

Vom ockergelben Eingangsbereich geht es links ein paar Stufen hinauf und nach rechts zur Rezeption: eine Garderobe in dunkelbraunem Holz, daneben eine Pförtnerloge. An die Rezeption schließt sich das einstige Hotelrestaurant an, mit dunklen Holzpaneelen an den Wänden, großen Bogenfenstern. die Gardinen hängen noch. Aber auch hier nagt Leerstand, die Farbe löst sich, vor allem von der Decke. Der Tanzsaal, der sich ans Restaurant anschloss, existiert nicht mehr, er wurde vor Jahren abgerissen. „Es hat hier auch Diebstahl gegeben“, sagt Stephan Zimmer. Garderobenhaken, alte Türgriffe, solche Dinge fehlen. Auf den vier Stockwerken im Hotelbereich stehen die alten Türen zu den Zimmer offen – und geben einen Stilbruch mit den schnörkellosen Deckenlampen mit Röhrenleuchten in den Gängen. Jedes Zimmer hatte einst ein Waschbecken, das zeigen die Anschlüsse. „Für jede Etage gab es ein Badezimmer“, erklärt Stephan Zimmer. Sehr klein, blau gekachelt. Mancher Duschschlauch hängt noch. Anderes scheint Verfall oder Zerstörungswut zum Opfer gefallen zu sein. In einem Zimmer liegt ein Haufen mit Scherben und Schutt, dazwischen ein alter Belegungsplan, eine Fanta-Büchse.

Andreas Wittig, auch Koch, kennt das Gebäude aus besseren Tagen. Er arbeitete mehrere Jahre im Görlitzer Hof. Und sein Vater war dessen letzter Hotelleiter in der DDR. „Mein Vater war also Angestellter bei der HO, meine Mutter arbeitete an der Bar“, erzählt Wittig. Besonders beliebt seien bis zuletzt die Tanzveranstaltungen gewesen, erinnert er sich. „Von Donnerstag bis Montag gab’s bei uns abends Tanz.“ Eddys Popquartett sei oft zu Gast gewesen. „Das war damals ein Name“, erzählt Andreas Wittig. Direkt nach der politischen Wende sei der Görlitzer Hof von der HO an die Dresdner Zweigstelle eines Münchner Unternehmens gegangen. Dass das Haus kurz danach schließen und Jahrzehnte nicht mehr öffnen würde, den Gedanken habe es gar nicht gegeben. „Es gab Pläne, es hätte ein schickes Ding werden können“, erinnert sich Wittig. Neben einer grundhaften Sanierung war wohl sogar eine Tiefgararge geplant. „Soweit ich es weiß, scheiterte das damals an der Grundbucheintragung“, erzählt Wittig. Ende August 1992 jedenfalls schloss der Görlitzer Hof.