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Seien wir ehrlich beim Thema Rassismus

Seit den US-Unruhen debattiert auch Deutschland wieder über Rassismus. Dabei verharmlosen viele das Thema. Das ist erklärbar, nur hilft es nichts. Ein Leitartikel.

Oliver Reinhard ist stellvertretender Leiter im Ressort Feuilleton der Sächsischen Zeitung.
Oliver Reinhard ist stellvertretender Leiter im Ressort Feuilleton der Sächsischen Zeitung. © Julio Cortez/AP/dpa/SZ

Jedes Jahr kam sie aus Berlin nach Dresden. Sie besuchte das internationale Kurzfilmfestival. Und jedes Mal erzählte sie mir irgendwann, „es“ sei schon wieder passiert, mitten in Dresden: Jemand habe ihr einen rassistischen Spruch verpasst. Sie ist Deutsche, ihre Eltern sind Nigerianer, ihre Hautfarbe ist schwarz. Anfangs reagierte ich ungläubig und fragte: War die Situation schon vorher angespannt? Hast du vielleicht jemanden provoziert? Und ich dachte: Naja, sie ist da bestimmt auch sehr empfindlich ...

Dann aber sagte ein Kind zu ihr im Vorbeigehen: „Du siehst aber komisch aus.“ Sie fragte: „Wieso komisch, was meinst du damit?“ Der Vater sprang seiner Tochter bei: „Na sie hat doch recht!“ Es war ihr letzter Besuch in Dresden.

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Ich notierte die Geschichte für die SZ. Viele Leser schrieben uns dazu. Mehrere meinten: Bestimmt war die Situation schon vorher angespannt. Vielleicht hat sie ja auch jemanden provoziert. Und bestimmt ist sie da sehr empfindlich ...

Gibt es Rassismus gegen Weiße?

Immer wieder muss ich daran denken, seit im Zuge der neuen Unruhen um Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA auch die Debatte über Rassismus in Deutschland wieder aufgeflammt ist. Ich wusste schon damals: Es gibt auch in meiner Heimat Rassismus, es gab ihn immer. Dieses Phänomen und dessen jüngste Zunahme wird auch immer eindeutiger belegt. Durch kontinuierliche Umfragen, durch die Polizeipraxis der massenhaften „anlasslosen Personenkontrolle“ von Nichtweißen, durch Live-Versuche, die beweisen: Deutsche wie ich kriegen eher Job und Wohnung als Deutsche mit „fremd“ klingenden Namen und nichtweißer Haut. Und wir werden so gut wie nie auf unsere Hautfarbe angesprochen, schon gar nicht wegen ihr beleidigt.

Deshalb lautet für mich die zentrale Frage nicht, ob wir in Deutschland ein Rassismusproblem haben. Sondern warum so viele Menschen ein Problem damit haben, das auch einzugestehen. Woher kommt das Bedürfnis, den real existierenden Rassismus zu leugnen oder kleinzureden – so wie ich damals? Warum wird so gerne relativierend darauf verwiesen, dass es angeblich ebenso Rassismus gegen Weiße gibt?

Nur: Selbst wenn es irgendwo einen auch in den Institutionen verbreiteten Rassismus gegen Weiße gäbe, der sie bei Job- und Arbeitssuche und Kontrollen benachteiligen würde – es würde etwas Schlechtes nicht besser oder den Rassismus innerhalb der weißen Mehrheitsgesellschaft weniger problematisch machen.

Es gibt auch linken und mittigen Rassismus

Rassismus gibt es weltweit. Er entspringt der Neigung vieler Menschen, sich selbst, sein Land, sein Volk für höherwertiger zu halten als andere, als „Fremde“. Auch die meisten Deutschen sind wie ich mit rassistischen Vorstellungen aufgewachsen – ohne sich dessen bewusst zu sein. Das N-Wort war jahrhundertelang allgemein akzeptiert, bis in unsere Tage. Wir sahen Filme, hörten Lieder, lasen Kinderbücher, in denen vor allem Schwarze und Asiaten schlecht wegkamen, als „komisch“ aussehend, primitiv, gefährlich. Oder „nur“ als lustig und etwas dumm. Nein, niemand ist ein Rassist, nur weil er so geprägt wurde. Aber man kann einer werden, sobald man erfährt und weiß, dass diese Klischees rassistisch sind – und trotzdem weiter an ihnen festhält oder sie verharmlost.

Zwar gab es immer wieder Debatten darüber. Doch die von Rassismus Betroffenen selbst hatten in ihr kaum eine Stimme. Ihre Perspektive fehlte, obwohl sie die wichtigste ist. Zudem führten viele Nichtbetroffene diese Debatte so, dass sie richtungspolitisch wurde. Es stimmt ja: Rassistische Vorstellungen sind unter sehr Konservativen oder Rechtsextremen stärker verbreitet. Aber es gibt auch linken und mittigen Rassismus. Er ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Jetzt endlich melden sich vermehrt Betroffene selbst zu Wort, erhalten ihre Aussagen verstärkt Gewicht. Das ist gut so, denn die aufgeklärte Größe auch unserer Gesellschaft richtet sich nicht danach, wie wir mit der privilegierten Mehrheit umgehen. Sondern wie fair wir uns auch gegenüber Minderheiten verhalten, ob wir sie gleichbehandeln.

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Und wenn wir doch jetzt endlich zum Beispiel ganz genau wissen, dass das N-Wort auch für Hunderttausende nichtweiße Deutsche verletzend und beleidigend ist; was soll so schwer daran sein, darauf Rücksicht zu nehmen, stattdessen etwa „Schwarze“ zu sagen – falls das überhaupt nötig ist? Anders und grundsätzlich gefragt: Was haben wir zu verlieren, wenn wir endlich zumindest anerkennen, dass Rassismus auch in Deutschland ein Problem ist? Nichts. Wir können dadurch nur gewinnen. 

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