SZ +
Merken

Seit mehr als 30Jahren Osterreiter

Die Woche vor Ostern ist für Dachdeckermeister Sebastian Scholze sehr anstrengend. Das liegt jedoch nicht daran, dass plötzlich alle Leute die Leistungen seiner Firma in Radibor in Anspruch nehmen wollen.

Teilen
Folgen

Von Kerstin Fiedler

Die Woche vor Ostern ist für Dachdeckermeister Sebastian Scholze sehr anstrengend. Das liegt jedoch nicht daran, dass plötzlich alle Leute die Leistungen seiner Firma in Radibor in Anspruch nehmen wollen. Nein, die Woche vor Ostern klinkt sich der Chef über neun Mitarbeiter aus. Er muss sich aufs Osterreiten vorbereiten.

Eingeschworene Gemeinschaft

„Am Montagabend geht es bei uns los. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft von Reitern, die sich in Camina trifft“, sagt Sebastian Scholze. Dort stellt Thomas Retschke einen Stall zur Verfügung, der ausgeräumt und für die Pferde vorbereitet wird. Schließlich haben die wenigsten Osterreiter eigene Pferde. „Wir haben schon einige Jahre Kontakt zu einem Pferdebesitzer in Bärwalde nahe Moritzburg. Durch Zufall lernten wir Axel Gürntke kennen, der uns nun Pferde leiht“, erzählt Sebastian Scholze.

Das ideale Pferd für die Osterreiterprozession ist ein Pferd, das ruhig ist, sich nicht erschreckt und keine Angst vor vielen Leuten hat. So beschreibt Scholze das Idealtier. Aber bei den Pferden aus Bärwalde haben die Reiter bisher immer Glück. „Ich habe mein Pferd schon mehrere Jahre, da kennen wir uns schon“, sagt Sebastian Scholze.

Frank Lehder lacht. Der Caminaer, der auch Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Holschdubrau ist, kennt dieses Pferd. „Peter passt gut zu Sebastian Scholze. Beide sind gemütlich“, sagt Lehder. Er hilft den Osterreitern in der Vorbereitung. „Ich schaue nach, welcher Sattel zu welchem Pferd passt, welches Geschirr zu wem gehört. Schließlich muss alles sitzen – zur Sicherheit aller“, erklärt Frank Lehder.

Zu Hause in Radibor sucht Sebastian Scholze nach den dazugehörigen Utensilien. Die Stiefel und die Reithosen werden wohl noch im Keller sein. Da will er seine Frau fragen. Nur den Gehrock und den Zylinder – die beiden Sachen findet er gleich. Erst seit drei Jahren hat er den Zylinder. „War nicht ganz billig“, sagt er. Und der Gehrock? Der ist auf Zuwachs genäht, meint er mit Blick auf sich. „Schließlich muss an kalten Ostersonntagen auch mal ein dicker Pullover drunter passen. So wie im vorigen Jahr. „Das war heftig frisch, da hat es sogar geschneit“, erinnert er sich. Ähnlich schlimm war es zu seinen Anfangszeiten 1976/1977. Als 17-Jähriger lernte Scholze 1975 das Reiten, begann gleich mit dem Osterreiten. Damit trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Damals ritt er noch in Crostwitz, denn er stammt aus Horka. Erst nach der Heirat mit seiner Frau Monika kam er nach Radibor, ist seitdem hier dabei, um von Radibor nach Storcha und wieder zurück zu reiten.

Dass Scholze nur einmal im Jahr aufs Pferd steigt, ist für ihn nichts Ungewöhnliches. „Hier geht es ja weniger ums Reiten als um den Glauben. Wir verkünden die frohe Botschaft der Auferstehung Jesu“, sagt Sebastian Scholze. Es macht ihn stolz, dabei zu sein.

Pferde werden geputzt

In den Stall in Camina kommt Gründonnerstag Bewegung. Da bringt Axel Gürntke die Pferde. Nun heißt es putzen. „Die Pferde sind ja in Bärwalde als Arbeitstiere im Einsatz, werden vor Kutschen gespannt oder sind zum Beispiel im Wald zum Holzrücken. Da glänzen sie ja nicht gerade“, weiß Sebastian Scholze. Also werden sie für den großen Tag gewaschen, gestriegelt, geputzt und am Sonntagmorgen geschmückt. „Die mit den kurzen Mähnen hier bekommen natürlich nichts rein. Aber die mit der längeren Mähne machen schon Arbeit“, sagt der 51-Jährige. In den Schweif kommt die Schleife.

Nun müssen sich auch die Reiter in Schale schmeißen. Weißes Hemd unter dem Gehrock; die verheirateten Männer tragen Krawatte, die Ledigen Fliege. Wer neu ist, bekommt ein grünes Kränzchen ans Revers gesteckt. Nach 25Jahren wird dies silbern, nach 50Jahren goldfarben. Ein Alterslimit gibt es bei den Osterreitern nur nach unten. 14Jahre ist Voraussetzung für die Teilnahme. Nach oben gibt es keine Grenze. „Wir haben Teilnehmer, die reiten schon seit über 60Jahren“, sagt Sebastian Scholze.