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Tonnenweise Sauberkeit

In der Nieskyer Wäscherei sorgen schmutzige Klamotten für Spaß. SZ-Redakteur Frank-Uwe Michel hatte teil daran.

Von Frank-Uwe Michel
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Aushilfskraft für ein paar Stunden: SZ-Redakteur Frank-Uwe Michel schnuppert in die Arbeit der Nieskyer Wäscherei hinein. Hier werden jeden Tag zwei Tonnen Arbeits-, Funktions- und Oberbekleidung gewaschen.
Aushilfskraft für ein paar Stunden: SZ-Redakteur Frank-Uwe Michel schnuppert in die Arbeit der Nieskyer Wäscherei hinein. Hier werden jeden Tag zwei Tonnen Arbeits-, Funktions- und Oberbekleidung gewaschen. © André Schulze

Mal ein paar Stunden in der Wäscherei arbeiten kann nicht so schwer sein, denke ich mir. Doch ehe ich an diesem Morgen den zur Diakonie St. Martin gehörenden Betrieb im Nieskyer Süden überhaupt betreten darf, steht eine Desinfektion an. Zumindest über die Hände sollen keine Keime von außen nach drinnen gelangen können.

Deshalb zweimal auf den Spender gedrückt, die Flüssigkeit gut verrieben - und schon steht meinem Arbeitseinsatz nichts mehr im Wege. Fast nichts, denn einfach so in Straßenklamotten saubere Wäsche legen, in den Trockner schicken oder von einer Abteilung in die andere schieben geht natürlich nicht. Marlen Kasper, eine der beiden Chefinnen im Haus, drückt mir deshalb ein weißes Arbeitsoberteil in die Hand. Meine normalen Treter muss ich gegen ein paar Turnschuhe tauschen. Eine Uhr oder Schmuck, den ich ablegen müsste, habe ich nicht. Und gegen den Ehering hat offenbar niemand etwas einzuwenden.

Mit einem Lächeln durch die Wäscherei

Jetzt also. "Einer muss es ja machen" lautet das Motto der SZ-Serie. Doch so gequält wie der Satz klingen mag, scheint es hier nicht zuzugehen. Beim Blick in die große Halle, in der riesige Trockner und Mangeln ununterbrochen arbeiten und Wärme erzeugen, wird mir schnell klar, dass hier niemand muss. Im Gegenteil: Die Beschäftigten - so heißen die Leute mit gesundheitlichem oder geistigem Handicap - sind mit viel Spaß bei der Sache. Und auch die Mitarbeiter - also deren Betreuer - gehen mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Wäscherei.

Erst am 11. November 2019 hat sie ihren Betrieb aufgenommen, war vorher in die Behindertenwerkstatt an der Bahnhofstraße in Niesky integriert. Doch da man dort Platz für die übrigen Fertigungslinien brauchte und sich der Wechsel in die auch früher schon als Wäscherei genutzte Immobilie im Gewerbegebiet günstig ergab, wird jetzt hier die schmutzige Wäsche von öffentlichen Auftraggebern gewaschen.

Keine Spur von eintönig

Mit der habe ich an diesem Tag nichts zu tun. Marlen Kasper stellt mich an einen Finisher. Als Ersatzmann für eine Kollegin in einem Fünferteam. An dem Gerät soll ich schon gewaschene, noch nasse Berufsbekleidung auf die Reise schicken in einen rund 30 Minuten dauernden Trocknungsprozess. Carola Neumann, die Teamleiterin, zeigt mir, wie das am besten gelingt: Den heranschwebenden Bügel aufklappen, das Oberteil einfädeln, dann noch in der Mitte arretieren. Anschließend mit der Hand über eine Lichtschranke wischen - und schon geht es ab in Richtung Wärme. Auch Hosen, Hemden, Schürzen, Blusen liegen auf dem Stapel, der - wenn ich schnell bin - ein bisschen abnimmt, dann aber wieder aufgefüllt wird.

Eintönig, findet Carola Neumann, ist das trotz der immer wieder gleichen Abläufe nicht. "Wir haben ja die unterschiedlichsten Kleidungsstücke hier. Und wir wechseln natürlich auch innerhalb des Teams, sodass jeder einmal drankommt mit Aufhängen und Zusammenlegen." Das findet auch Marika Donath. Sie ist fast sowas wie ein Urgestein, arbeitet schon 15 Jahre in der Wäscherei. Am neuen Standort hat sie ihren Platz am Finisher oder in der Karussellpresse. Dort wird das Wasser nicht herausgeschleudert, sondern aus dem nassen Stoff gepresst. "Das macht voll Spaß", sprudelt es aus ihr heraus.

In 15 Sekunden auf den Trockenbügel

Obwohl ich beim Wäschewaschen sonst eher blutiger Laie bin - eine Anlaufzeit an der Spezialtrockenmaschine der Großwäscherei brauche ich eher nicht. Nach ein paar Minuten habe ich raus, wie es am besten funktioniert. Und ich schaue auf die Uhr: Etwa 15 Sekunden dauert's, ehe ein Krankenhausoberteil auf dem Trocknungsbügel hängt. Bei Hosen sind's ein paar Sekunden mehr.

Als am zeitintensivsten entpuppen sich die Hemden. Denn die müssen erst zugeknöpft werden, damit sie nicht mitten in der schaukelnden Fahrt via Trockner zu Boden gehen. Rund 300 Teile, hat mir Marlen Kasper am Anfang mit auf den Weg gegeben, verträgt ein Finisher in der Stunde. Pro Tag werden auf diese Weise aktuell aber nur 1.000 Kleidungsstücke getrocknet. "Ausbaufähig", meint deshalb die Chefin. Doch im Winter, ergänzt Michaela Malletscheck, ihre Kollegin in der Wäschereileitung, sei das Auftragsvolumen sowieso geringer als im Sommer.

Im Sommer kommen noch mehr Aufträge

Aus den verschiedenen Pflegeeinrichtungen der Diakonie werden recht kontinuierlich Kittel und Hosen des Personals sowie Oberbekleidung der Bewohner nach Niesky gekarrt. Auch vom Emmaus und dem Orthopädiezentrum Martin-Ulbrich-Haus kommen Aufträge in Größenordnungen. Pro Tag sind das etwa zwei Tonnen Schmutzwäsche. Allerdings haben Marlen Kasper und Michaela Malletscheck die Erfahrung gemacht, dass dies derzeit etwas verhaltener geschieht.

Der Grund: "Geplante Operationen gibt es in der kalten Jahreszeit einfach weniger." Im Baumhaushotel der geheimen Welt von Turisede, der Kulturinsel Einsiedel, wird zwischen November und April ebenso nur sehr sparsam übernachtet. Anders, wenn die Temperaturen wieder im Steigen begriffen sind: Im Sommer kommen von dort zuweilen zehn Container mit Schmutzwäsche am Tag.

Keime haben hier keine Chance

In der Wäscherei sind Schmutz und Sauberkeit streng getrennt. Nur per Schleuse geht es von einer auf die andere Seite. So bleibt mir die Anlieferung an meinem Praxistag erspart. Marlen Kasper erklärt mir, dass alles Ankommende in Kochwäsche und Oberbekleidung sortiert und dann auf verschiedenen Wegen durch die Wäscherei geschickt wird. Die sogenannte Flachwäsche, also Bettwäsche, Bettlaken und Handtücher, wird bei 70 Grad durch die Takt-Wasch-Anlage gejagt. "Bei knapp unter 60 Grad fühlen sich die Keime am wohlsten.

Und gerade die sind es ja, die wir im Waschvorgang bekämpfen wollen", erklärt Michaela Malletscheck. Oberbekleidung, aber auch Kittel und Wischbezüge werden in eine der vier Durchlademaschinen gesteckt. Anschließend zeigt sich je nach Art des Wäschestücks, ob es im normalen Trockner, in der Mangel oder im Finisher seine Restfeuchte verliert. Eine Schwierigkeit dabei: Trotz Kennzeichnung muss das Vermischen verschiedener Kundenaufträge vermieden werden. Denn kommt es tatsächlich dazu, ist das Chaos - wie kurz vor Weihnachten geschehen - perfekt. Dann hilft nur noch Sortieren in mühevoller Handarbeit.

Vor dem Arbeiten ist Desinfektion angesagt. Zumindest per Hand sollen keine Keime von draußen nach drinnen gelangen.
Vor dem Arbeiten ist Desinfektion angesagt. Zumindest per Hand sollen keine Keime von draußen nach drinnen gelangen. © André Schulze
Wäsche, Wäsche, Wäsche. Leiterin Marlen Kasper erklärt den Weg, den die Wäsche von der An- bis zur Auslieferung durch den Betrieb nimmt.
Wäsche, Wäsche, Wäsche. Leiterin Marlen Kasper erklärt den Weg, den die Wäsche von der An- bis zur Auslieferung durch den Betrieb nimmt. © André Schulze
Einweisung in den Aushilfsjob: Teamleiterin Carola Neumann erklärt, wie die Bekleidung auf den Bügel gehangen wird.
Einweisung in den Aushilfsjob: Teamleiterin Carola Neumann erklärt, wie die Bekleidung auf den Bügel gehangen wird. © André Schulze

Sechs Stunden von der Schmutz- zur sauberen Wäsche

Im Behälter vor mir tauchen immer wieder Bekleidungsteile aus dem Rothenburger Martin-Ulbrich-Haus auf. Wäsche aus dem Orthopädiezentrum ist Spitzenreiter, wenn es um zügige Auftragserledigung geht. "Morgens rein, nachmittags raus - das ist das Schnellste, was wir bieten können", berichten die beiden Chefinnen. Wobei: "Sechs Stunden muss man der Wäscherei schon geben."

Allerdings ist das ein Kraftakt und nur im Falle des MUH erwünscht und möglich. Normal dauert der Durchlauf zwei bis drei Tage. Für mich ist nach rund zwei Stunden am Finisher wieder Schluss. Mit der Erkenntnis, dass auch gleichförmige Arbeitsabläufe nicht langweilig sein müssen, sondern durchaus Spaß machen können, trete ich den Weg zurück zum vertrauten Computer an.

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