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Selinas inniger Wunsch an den Osterhasen

Das gab es noch nie im Waldaer Kinderheim: über die Feiertage sind alle da. Eine Großenhainerin hat sogar Geburtstag. Doch vieles fehlt.

Selina wird am Ostersonntag 12 Jahre alt. Feiern kann sie nicht in der Familie - sie muss im Heim bleiben. Ihre Eltern dürfen sie auch nicht besuchen.
Selina wird am Ostersonntag 12 Jahre alt. Feiern kann sie nicht in der Familie - sie muss im Heim bleiben. Ihre Eltern dürfen sie auch nicht besuchen. © Anne Hübschmann

Walda. Weder beim Tornado noch bei anderen außergewöhnlichen Ereignissen hat es das gegeben: An diesem Wochenende, an den Feiertagen, sind alle 15 Kinder im Waldaer Kinderheim. Sie dürfen aber weder Besuch von ihren Familien bekommen, noch sind Pakete oder Päckchen erlaubt - der Infektionsgefahr wegen. Nur Briefe sind möglich. Corona machte dem Familienfest in dieser besonderen Obhut für Minderjährige aus dem Landkreis einen Strich durch die Rechnung. Wie können den Heranwachsenden da unbeschwerte, fröhliche Feiertage ermöglicht werden? 

Das Team von Heimleiterin Petra Herrmann und Vereinsvorsitzende Andrea Schurig sind schon drei Wochen besonders herausgefordert. Seitdem gelten die Ausgangsbeschränkungen, seitdem sind die Kinder nicht mehr in der Schule, seitdem haben sie ihr Gelände nicht mehr verlassen. Und keinen Besuch empfangen - so hart sind die Vorschriften. Nur Anrufe und Nachrichten per Handy sind erlaubt. "Manche Kinder haben Kontakt zu ihren Eltern, andere weniger", sagt Petra Herrmann. Für einige Kinder ist es nicht das erste Ostern im Heim. "Die Längsten sind schon fünf Jahre hier, und mehrere werden wohl noch lange bleiben."

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Lucas (9), Ben (8) oder Jason (9) vermissen vor allem ihre Schulfreunde. "Deshalb ist es doof, dass wir nicht mehr in die Schule durften", sagen sie. Aber cool sei, nicht so zeitig aufstehen zu müssen. "Die Lehrer sind froh, dass sie uns mal eine Weile los sind", meint Marcus (10) selbstbewusst.  Lernen mussten die Jungen und Mädchen trotzdem im Heim. 

Diese laminierten Buchstaben an ihrem Zaun haben die Kinder selbst gemalt. Alle sollen sehen, dass das Zuhause-bleiben auch für sie gilt - hier.
Diese laminierten Buchstaben an ihrem Zaun haben die Kinder selbst gemalt. Alle sollen sehen, dass das Zuhause-bleiben auch für sie gilt - hier. © Anne Hübschmann

Nun steht also das Osterfest vor der Tür. Die Kinder haben Bäumchen in ihrem weitläufigen Gelände mit Ostereiern geschmückt. Sie tuscheln, wo man wohl am besten die Osternester verstecken könnte: unter den Autos! Oder an den Sträuchern, neben der Feuerstelle, hinterm Schuppen. Manche erzählen sich, wie sie früher in ihrer Familie Ostereier gesucht haben. "Diese besondere, isolierte Situation schweißt die Kinder auch zusammen", hat Andrea Schurig bemerkt. 

Die elfjährige Selina gibt zu, dass sie im Kindergarten immer die Letzte war, die ihr Nestchen gefunden hat. "Aber meine Oma kennt viele gute Verstecke", schwenkt sie auf positive Erinnerungen um. Seit einem halben Jahr ist die junge Großenhainerin nun hier im Heim. Das Jugendamt hat es so angeordnet. Und Selina hat am Ostersonntag sogar Geburtstag, ihren 12.! Ihn in Walda im Heim zu feiern, sei schon "ein bisschen schwierig", bringt sie hervor. Oft  wären Ostern und ihr Geburtstag schon auf einen Tag gefallen. Doch zum ersten Mal ist sie nicht in ihrem eigentlichen Zuhause. Diesmal werden nun am Sonntag alle Kinder vormittags ihre Geschenke suchen. Nachmittags gibt es die Geburtstagstafel. "Mehr wird nicht verraten", sagt Petra Herrmann vielversprechend in Richtung Selina. 

Andrea Schurig und Petra Herrmann bringen mit Marie (13) selbst gestaltete Osterbilder an. Auf dem Weg zum Park soll eine kleine Galerie den Kontakt zu Spaziergängern herstellen und sie erfreuen.
Andrea Schurig und Petra Herrmann bringen mit Marie (13) selbst gestaltete Osterbilder an. Auf dem Weg zum Park soll eine kleine Galerie den Kontakt zu Spaziergängern herstellen und sie erfreuen. © Anne Hübschmann

Die insgesamt acht Erzieher müssen viel kompensieren in diesen Tagen. Das hat nicht nur mit einer Urlaubssperre zu Ostern zu tun. Gefreut hatten sich alle auf eine Fahrt zum "König der Löwen" nach Hamburg. Die wurde mit Spendengeldern einer Großenhainer Facebook-Initiative finanziert. "Doch leider mussten wir es verschieben", erzählt Andrea Schurig. Ganz ausfallen musste das traditionelle Oster-Essen mit allen Kindern und Mitarbeitern im Gasthof Zschauitz. Auch das Ehemaligentreffen zu Pfingsten oder die Motorradausfahrt, auf die sich die Kinder immer so sehr freuen, wurden wegen Corona abgesagt.  

Das Wichtigste, dass den Schützlingen in dieser Lage hilft, ist ganz viel Zuneigung. Und Informationen, damit sie verstehen, was hier eigentlich passiert. "Wir  schauen  uns täglich mit den Kindern die Zeitung an", erklärt Andrea Schurig. Als es  noch ging, waren Kinder mit zum Einkaufen und sahen die teilweise leeren Regale. "Ich hatte Glück und konnte uns mit Desinfektionsmitteln  eindecken, bevor sich alle drauf stürzten",  so  Andrea Schurig. "Wir machen den Kindern immer wieder klar, dass wir sie vor Corona schützen wollen."

Die Isolation schlaucht dennoch. Natürlich vermissen die Kinder ihre Familien. Ein strukturierter Tagesablauf, Entspannung bei der Mittagsruhe und kreative Aktivitäten  sollen sie  von traurigen Gedanken abhalten. Die Kinder malten Osterbilder und laminierten sie ein. Sie sollen ebenfalls am Zaun entlang des Weges zum Park festgemacht werden. Als Freude für die Spaziergänger und als Kommunikation mit der Außenwelt.

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Deshalb hat  Selina gerade dieses Jahr zum Fest einen innigen Wunsch an den Osterhasen: Er möge die Tore des Heims bald weit öffnen. Damit Besucher wieder hinein und die Kinder wieder heraus dürfen. Damit Selina ihre Familie und ihre Freunde wiedersehen kann. Damit alles wieder wird, wie es sein sollte: Ganz normal. 

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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