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Seltene Zeugen

Seit August graben Archäologen am Liebenauschen Vorwerk. Jetzt wandeln sie auf den Spuren des späten Mittelalters.

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© Norbert Millauer

Von Maria Trixa

Löcher klaffen in der aufgewühlten Erde im Hof des Liebenauschen Vorwerks. Was von außerhalb des Bauzauns aussieht, wie willkürlich aufgerissenes Erdwerk, folgte jedoch einem akribisch durchdachten Schema. Dies begann mit der Freilegung der uralten Gebäudestrukturen. Die Archäologen überlassen bei der Grabung nach Spuren längst vergangenen menschlichen Lebens nichts dem Zufall. „In alten besiedelten Gebieten finden sich immer Spuren“, sagt Christoph Heiermann vom Landesamt für Archäologie. „Das Überraschungsmoment kommt, wenn wir herausfinden, welcher Art diese Spuren sind.“

Die Grabungen am Liebenauschen Vorwerk brachten jetzt solche Überraschungsmomente hervor. Noch liegen Teile davon halb unter der Erde: Einen bis vor Kurzem unbekannten und vollständig erhaltenen Keller datieren die Archäologen auf das späte Mittelalter. Zahlreiche Keramikfragmente und meterdicke, aufplanierte Schichten von Baumaterial in den Erdschichten unterhalb des Vorwerkes belegen dies ebenfalls. Schon lange vor dem Bau des Vorwerks im 17. Jahrhundert müssen Menschen auf dem Areal ihrem landwirtschaftlich geprägten Lebensalltag nachgegangen sein. Einzelne Fundstücke werden dem elften Jahrhundert zugeordnet, als die Slawen das Gebiet besiedelten.

Im August 2013 begannen die Archäologen ihre Entdeckungsreise in die Baugeschichte des Areals am Kreuzungsbereich Schandauer Straße/Clara-Zetkin-Straße. Merklich gelichtet hat sich das Areal durch den Abbruch der beiden Seitenflügel des Waisenhauses. Jetzt führen die Funde ihre Entdecker auf unbekanntes Terrain. Die Keramikscherben sind seltene Zeugen einer Zeit, aus der kaum oder gar keine schriftlichen Überlieferungen existieren. Die Archäologen begeistern sich ohne Weiteres selbst für die winzigsten Fragmente. Sie lesen aus der Herstellungsart und eventuell vorhandenen Verzierungen mehr als nur ihr Alter heraus. Dafür wandern die historischen Zeugnisse in das Archiv des Landesamtes für Archäologie. In Klotzsche beginnt dann der zweite Teil der Arbeit. Die Fragmente werden registriert, gewaschen und beschriftet. „Wenn möglich restaurieren wir die Funde“, sagt Christoph Heiermann. Denn ist das Fundstück für historisch weniger Bewanderte aussagekräftig, wird es schon mal ausgestellt.

Anders gehen die Bewahrer der Geschichte mit dem Keller und dem barocken Kopfsteinpflaster vor. Von Befunden spricht der Fachmann hier. Das sind von Menschenhand geschaffene Veränderungen im Boden, die nicht ins Archiv geschafft werden können. Diese werden detailliert dokumentiert. Sie werden vermessen, fotografiert und ausführlich beschrieben. „Darauf greifen spätere Generationen zurück“, sagt Heiermann.

Die Grabungen sollen noch bis März andauern. Momentan konzentrieren sie sich auf den Kreuzungsbereich Schandauer Straße/Clara-Zetkin-Straße, der sich ebenfalls gewandelt hat. Das lässt sich aus den Ruinen eines 1846 abgebrannten Hauses und dem schräg zur Straße angebauten Giebel des Hauptgebäudes ablesen.

Als unzerstörbar erwies sich der Keller. Er überstand nicht nur Bau und Umbauten des Vorwerks, sondern auch die Zerstörung der Gebäude im Dreißigjährigen Krieg sowie den Einbau zweier Kraftstofftanks für eine Tankstelle in den 1930er-Jahren. Ob der Keller auch den Neubau des Finanzamtes überleben wird, steht noch nicht fest. Auf die Neuentdeckung des Alten muss sich der Bauherr, der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), erst einstellen. Bis zum Spatenstich Anfang April bleibt aber noch etwas Zeit.