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"Das Seniorenheim war eine Katastrophe"

Eben noch genossen sie ihr gemeinsames Eheglück. Nun ist Milena Knolls Mann Detlef plötzlich ein Pflegefall - und das Leben der Dresdner steht Kopf.

Nach Monaten können Milena Knoll und ihr Mann Detlef endlich wieder einmal lachen.
Nach Monaten können Milena Knoll und ihr Mann Detlef endlich wieder einmal lachen. © Christian Juppe

Dresden. Der Anruf traf sie wie ein Blitz. Ihr Mann sei hier in Pantoffeln und ohne Fahrschein an der Endhaltestelle der Linie 11 in Zschertnitz und sei offensichtlich verwirrt. Sofort machte sich Milena Knoll auf den Weg zu ihrem Detlef. 

Wie sich herausstellte, hatten zwei Kontrolleurinnen seinen Fahrschein sehen wollen - den er nicht hatte. Über die Polizei bekamen sie dann Milenas Nummer. Als sie an der Haltestelle eintraf, drückte sie ihren völlig erschöpften Detlef ganz fest und hatte so viele Fragen. Wollte er zu ihr? Offensichtlich hatte er bei seinem Ausflug in die Stadt sein Gebiss verloren. Aber warum der 78-Jährige diesmal ausgerissen war, konnte er ihr nicht sagen. "Er muss ja auch umgestiegen sein", sagt Milena Knoll. Letztlich aber war ihr nur wichtig, dass er wieder heil in seinem Seniorenheim in Friedrichstadt ankommt.

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Das Pflegeheim aber teilte ihr am Telefon nur mit, dass Milena Knoll sich selbst darum kümmern müsse, ihren Mann zurückzubringen. "Ich war fassungslos", erinnert sich die 79-Jährige, die selbst nur sehr schlecht sehen kann und allein schon deswegen nicht Auto fährt.

In ihrer Not konnte sich die gebürtige Tschechin, die seit 1974 in Dresden lebt, auf die Hilfe der beiden Kontrolleurinnen verlassen. Sie begleiteten das Paar in der Straßenbahn bis nach Friedrichstadt. "Dafür war und bin ich ihnen sehr dankbar", sagt Milena Knoll.

Das Heim jedoch bekam bei ihrer Rückkehr ihren ganzen Zorn zu spüren. "Ich habe so gebrüllt, dass das Gebäude gewackelt hat." Bereits seit Monaten kämpfte sie darum, ihren Mann in ein anderes Pflegeheim bringen zu können, fand jedoch lange keinen Platz. Nach dem Vorfall mit der Straßenbahn und der Odyssee nach Hause zählte sie bereits die Tage, wann sie Detlef endlich befreien könnte. "Das Heim war einfach eine Katastrophe."

30 Jahre lang war er Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie in Freital gewesen. "Er war so ein intelligenter Mensch", sagt Milena Koll, die selbst an der TU und der Volkshochschule Sprachen unterrichtete.

Anfang der 70er-Jahre lernten sie sich in Prag kennen und heirateten auf der Prager Burg. Später zogen sie gemeinsam nach Dresden. "Ach, wir hatten herrliche Jahre", sagt sie. Gemeinsam bereisten sie die ganze Welt. "Und wir hatten auch noch so viel vor, wenngleich mein Mann bereits an Parkinson litt." 

Dann aber kam der Herbst 2019. Drei Hirninfarkte innerhalb weniger Tage zerstörten wichtige Teile von Detlef Knolls Gehirn. Von einem Moment auf den anderen konnte er nicht mehr sprechen und nicht mehr laufen. "Es war schrecklich", sagt seine Frau. "Ich habe so viel geweint."

Da sie ihn zu Hause nicht allein pflegen konnte und sie keine Kinder haben, brauchte sie dringend einen Pflegeplatz für ihren Mann. Sie fand ihn zunächst in Friedrichstadt - doch das Glück sollte sich für sie bald in einen neuen Alptraum verwandeln.

1973 heirateten Milena und Detlef Knoll auf der Prager Burg.
1973 heirateten Milena und Detlef Knoll auf der Prager Burg. © Christian Juppe

"Das 16 Quadratmeter große Zimmer war spartanisch eingerichtet", sagt sie, "und er teilte es sich mit einem schwer dementen Mann, der ständig brüllte: 'Ich will sterben!'." Gesprochen habe ansonsten kaum jemand mit ihrem Mann, dabei wären gerade die ersten Monate so wichtig gewesen, um die Worte wieder zu finden. Heute versteht Detlef Knoll alles, kann aber fast nur mit "Ja" und "Nein" antworten. Immerhin lernte er nach und nach wieder das Laufen.

Milena Knoll spürte dennoch, wie ihr Mann an diesem Ort litt. Schon vor der Geschichte mit der Straßenbahn war er einmal in Schlappen ausgerissen. "Sieben Monate habe ich wie eine tschechische Löwin gekämpft, ihn da rauszuholen", sagt sie. Nun endlich, seit wenigen Tagen, könne sie zum ersten Mal durchatmen. Detlef lebt nun im Pflegeheim "Domizil am Zoo". "Eine wunderbare Einrichtung, wir sind sehr glücklich", sagt seine Frau. 

Gemeinsam sitzen sie auf der Hollywoodschaukel im Garten. Sie summt ihm die Biene-Maja-Melodie ins Ohr und sie müssen beide lachen. Es ist das erste Lachen seit Monaten. 

Ihren Beschwerdebrief an den Kommunalen Sozialverband hat sie geschrieben und adressiert, aber nie abgeschickt. Was sollte das auch bringen, fragt sie sich. "Wir haben das Leben zusammen genossen", sagt sie. Nun sei ihr vor allem wichtig gewesen, dass er noch einmal glücklich sei, bevor es vielleicht irgendwann vorbei ist.

Auch wenn die Besuchszeiten im Heim wegen der Corona-Krise noch immer eingeschränkt sind, verbringt Milena so viel Zeit wie möglich mit ihrem Mann. Zusammen waren sie schon im Großen Garten spazieren. Vielleicht gehen sie bald auch in den Zoo. 

"Du bist der Beste", sagt sie legt ihren Arm um ihn. "Also nach mir." Detlef lächelt. Ein kleines Glück ist ihnen geblieben.

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