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Senkung der Steuer treibt in den Wahnsinn

Der Aufwand ist groß, die Wirkung eher gering: Im Zabeltitzer Edeka werden seit Dienstag Tausende Produkte neu ausgezeichnet.

Kristin Anders arbeitet eigentlich in der Agrargenossenschaft Skäßchen eG. Doch seit Dienstag müht sie sich im Zabeltitzer Edeka und preist Tausende Produkte neu aus.
Kristin Anders arbeitet eigentlich in der Agrargenossenschaft Skäßchen eG. Doch seit Dienstag müht sie sich im Zabeltitzer Edeka und preist Tausende Produkte neu aus. ©  Anne Hübschmann

Großenhain. Manfred Engelmann ist stinksauer. Mit rotem Kopf steht der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Skäßchen im kleinen Edeka-Laden Zabeltitz. Ein Geschäft, das seit vielen Jahren in Regie des landwirtschaftlichen Betriebes geführt wird. Mit allen Höhen und Tiefen - und gerade an diesem Vormittag scheint die Stimmung auf dem Siedepunkt angekommen zu sein. „Das ist das Allerletzte, was sich diese Regierung hat einfallen lassen“, poltert Manfred Engelmann und schüttelt erbost den Kopf. 

Seit Dienstagvormittag würden die sechs Angestellten des Geschäfts und zwei Buchhalterinnen der Genossenschaft mit großem Aufwand tun, was die Landesväter bereits vor Wochen als großes Geschenk angepriesen haben: Die Herabsetzung der Mehrwertsteuer als wirtschaftlichen Beistand inmitten der Corona-Krise. Für Manfred Engelmann und sein Team ist es zur Stunde der „größte Schwachsinn, den es je gegeben hat“. Für lediglich ein halbes Jahr müsse ein immenser Aufwand zur Umetikettierung betrieben werden, der sich für die Kunden an der Kasse lediglich in Kleckerbeträgen bemerkbar machen würde.

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Praktisch bedeutet das: Jeder der gut 6.600 Artikel müsse angefasst und neu ausgepreist werden. Da es von Waschpulver, Schokolade, Milch und Co nicht nur jeweils ein Stück gebe, handele es sich insgesamt also um über 60.000 bis 80.000 Packungen, die neu ausgezeichnet werden. Eine Sisyphusarbeit, die kein Ende zu nehmen scheint. Denn abgesehen davon, dass Produkte zuhauf nicht nur in den Regalen liegen und sich zahlreiche noch im Lager stapeln, sind weitere Lieferungen gewissermaßen schon im Anmarsch. Auch sie warten auf den bewussten gelben Aufkleber, der anzeigt, wie viel Dieses oder Jenes von nun an kostet oder streng genommen bis zum Ende des Jahres.

Im Gegensatz zu großen Supermärkten, die über Scanner-Maschinen verfügen, läuft in kleineren Läden wie dem Zabeltitzer noch alles per Hand. Der Aufwand dabei ist groß.
Im Gegensatz zu großen Supermärkten, die über Scanner-Maschinen verfügen, läuft in kleineren Läden wie dem Zabeltitzer noch alles per Hand. Der Aufwand dabei ist groß. © Foto: Anne Hübschmann

Ein Zeitraum, der Manfred Engelmann die Zornesfalte ins Gesicht treibt. "Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was Bundestagsabgeordnete dazu treibt, für so einen Unsinn ihre Hand zu heben", wettert der auch sonst in der Sache sehr engagierte Landwirt. Eine Frage, die er CDU-Politiker Thomas de Maizière - zuständig für die Region zwischen Radebeul bis Thiendorf - im Übrigen auch gern persönlich stellen und ihm vor allem kräftig die Meinung sagen würde. Es könne einerseits schließlich nicht angehen, dass man den Wählern das Gefühl vermittle, sie würden mit Beträgen zwischen einem bis fünfzig Cent wirtschaftlich aus dem Schneider sein. Und andererseits ganze Hundertschaften damit beschäftigen, beispielsweise Mülltüten von 1,99 Euro auf 1,94 Euro kennzeichnen zu müssen. Vorübergehend wohlbemerkt.

Hundertschaften wie Kristin Anders. Die junge Frau, die sonst im Büro der Agrargenossenschaft ihr Tagwerk verrichtet, steht mit Taschenrechner und Klebepistole vor den Regalen. Zwölf Stunden lang hätten sie zu acht Dienstag und Mittwoch im Laden gestanden. Ein Ende sei dennoch nicht in Sicht. "Wenn ich die Frauen so sehe, tun sie mir total leid", bekennt eine 34-jährige Zabeltitzerin und greift sich an die Stirn. Seit vielen Jahren ginge sie hier nun schon einkaufen, aber so etwas habe sie noch nie erlebt. Weshalb auch? "Denn sind wir doch mal ehrlich! Es handelt sich letztlich nur um Kleckerbeträge! Der ganze Zirkus, der hier veranstaltet werden muss, ist das Ergebnis doch gar nicht wert", meint die junge Mama und greift nach dem Päckchen Kaffee. Eines,  welches jetzt immerhin neun Cent günstiger ist.

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