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Sensationelle Funde - und ein Problem

Baggerarbeiten für eine Ferngasleitung brachten Scherben vom Zeithainer Lustlager ans Licht. An einer wichtigen Stelle geht es allerdings nicht weiter.

Sieht aus wie eine Straßenbaustelle, ist aber keine: Bei Zeithain wird gerade eine neue Ferngasleitung in der Erde versenkt. Sie löst eine Trasse von 1955 ab.
Sieht aus wie eine Straßenbaustelle, ist aber keine: Bei Zeithain wird gerade eine neue Ferngasleitung in der Erde versenkt. Sie löst eine Trasse von 1955 ab. © Foto: Lutz Weidler

Zeithain. Sie dürfte eine der längsten Baustellen des ganzen Landkreises sein. Über 16 Kilometer zieht sich allein der aktuelle Bauabschnitt quer über Felder, quert Straßen, Bäche, Bahnlinien. Der Netzbetreiber Ontras lässt seit Februar zwischen Strehla und Nünchritz eine Ferngasleitung aus DDR-Zeiten erneuern.

Die Arbeiten lässt sich das Leipziger Unternehmen etwa eine Million Euro pro Kilometer kosten. Dadurch soll die Gasversorgung sicherer werden: Untersuchungen hatten gezeigt, dass Teile der Jahrzehnte alten Leitung zu flach im Boden liegen, bei anderen war der Rostschutz verbesserungswürdig.

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Der eine oder andere Autofahrer dürfte sich wundern: Dort, wo jetzt die Bagger rollen und eine straßenbreite Schneise schaffen, war doch erst 2018 gebaggert worden? Damals war die Trasse beräumt und vermessen worden. Zwei Jahre, bevor nun planmäßig tatsächlich die Leitungsverlegung anfing, waren damals auch die Archäologen dran.

Zwar wurden bis heute noch nicht alle Funde ausgewertet. Aber schon jetzt ist klar, es hat sich gelohnt. "Bei Glaubitz und Radewitz wurden auf einer Fläche von circa 6.100 Quadratmetern nicht weit voneinander entfernt Urnengräber aus der jüngeren Bronzezeit - etwa 3.000 Jahre alt - freigelegt", sagt Ontras-Sprecher Ralf Borschinsky.

Außerdem waren damals Spuren des berühmten Zeithainer Lustlagers von August dem Starken freigelegt worden, das 1730 stattgefunden hatte. "Die frühesten Fundstücke sind Pfeilspitzen und Urnengräber aus der Bronzezeit, leider aufgrund des Jahrhunderte währenden intensiven Ackerbaus größenteils beschädigt und die Scherben weiträumig verteilt", sagt Borschinsky.

Archäologen untersuchen Glasscherben, die offenkundig vom Zeithainer Lustlager Augusts des Starken stammen.
Archäologen untersuchen Glasscherben, die offenkundig vom Zeithainer Lustlager Augusts des Starken stammen. © Ontras

Die einzelne Bruchteile wieder zu einem großen Ganzen zusammenfügen, sei ein Fall für ganz Geduldige. Und dann fanden sich im unteren Teil der Grabungsstätte noch Glas- und Tonscherben eines Gelages. Was die Ausgräber zunächst für unschönen Vandalismus der Neuzeit hielten, entpuppte sich zu einer Sensation. Die Scherben stammten von mundgeblasenen, unterschiedlich geformten Weinflaschen.

Und die Fayencen, eine spezielle Form kunsthandwerklicher Keramik, waren nicht etwa Industrieware, sondern eindeutig älteren Datums. "Damit hatten die Archäologen erstmalig Beweise für das legendäre Zeithainer Lustlager Augusts des Starken gefunden", sagt Ralf Borschinsky. 

Das Feldlager hatte vor knapp 300 Jahren für Aufregung in halb Europa gesorgt, entsprechende schriftliche Quellen hinterlassen, war bis dahin aber nicht durch archäologische Funde belegt. Zwar war das Gebiet bereits 1955 für den Bau der Gastrasse durchschnitten worden. Damals waren aber offenbar keine Archäologen dabei. Dieses Mal hatte das Landesamt für Archäologie mit mehreren Mitarbeitern die Trasse bis in einen Meter Tiefe untersucht.

Hier werden gerade an der früheren Kiesgrube bei Bobersen die neuen Leitungen verlegt.
Hier werden gerade an der früheren Kiesgrube bei Bobersen die neuen Leitungen verlegt. © Christoph Scharf
Ein Blick in die Röhre: Je nach Abschnitt hat sie in der Region 40 oder 50 Zentimeter Durchmesser. Damit ist sie künftig mit einem sogenannten "Molch" befahr- und untersuchbar.
Ein Blick in die Röhre: Je nach Abschnitt hat sie in der Region 40 oder 50 Zentimeter Durchmesser. Damit ist sie künftig mit einem sogenannten "Molch" befahr- und untersuchbar. © Christoph Scharf
Unübersehbar zieht sich die Trasse quer durch die Landschaft, hier von Zeithain Richtung Bobersen.
Unübersehbar zieht sich die Trasse quer durch die Landschaft, hier von Zeithain Richtung Bobersen. © Foto: Lutz Weidler

Was sie ans Licht brachten, wird teils bis heute ausgewertet. Ontras will die Ergebnisse bei einer Veranstaltung vorstellen - sobald es die Corona-Situation wieder zulässt, frühestens im Spätsommer.

Geduld ist auch bei einem besonders sensibeln Abschnitt vonnöten: Derzeit wird die Leitung bei Bobersen verlegt. Und in der Nähe quert sie auch die Elbe, um weiter nach Strehla zu verlaufen. Die Elb-Querung macht allerdings Schwierigkeiten, weshalb der Abschnitt in Abstimmung mit der Behörde aus dem vorliegenden Planfeststellungsbeschluss herausgelöst wurde. 

"Hier machte eine behördliche Stellungnahme eine Nachbearbeitung der Unterlagen und eine erneute öffentliche Auslage erforderlich", sagt der Ontras-Sprecher. Das ist in Zeiten von Corona allerdings nicht so einfach. Der ursprünglich dafür vorgesehene Terminablauf ist durch die Pandemie ausgesetzt, da die öffentliche Auslage derzeit nicht durchführbar ist.

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Die aktuell bei Zeithain laufenden Arbeiten gehören zum Abschnitt Lauchhammer-Strehla. Der liegt ziemlich zentral im südlichen Teil des insgesamt 7.500 Kilometer Leitung umfassenden Ontras-Gasnetzes, das das Gebiet der früheren DDR überspannt  und an vier Übergabepunkten mit Polen und Tschechien verknüpft ist.

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