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"Sex ja. Aber Alkohol und Drogen nicht."

Schauspieler Michael Gwisdek erzählt, wie er in der DDR von Hollywood träumte – und Rolf Hoppe als Bösewicht assistierte.

Schauspieler Michael Gwisdek  ist im Kino in „Traumfabrik“ zu sehen.
Schauspieler Michael Gwisdek ist im Kino in „Traumfabrik“ zu sehen. © Getty Images

Das Filmstudio Potsdam-Babelsberg ist das älteste seiner Art. Die Zeit war mehr als reif, diesen Ort in den Mittelpunkt eines eigenen Filmes zu stellen. Die Tragikomödie „Traumfabrik“, die seit Kurzem in den Kinos läuft, spielt in der Zeit um den Mauerbau im Jahr 1961. Statist Emil verliebt sich in die französische Tänzerin Milou. Als sie zurück in die Heimat fährt und die Grenze geschlossen wird, lässt sich Emil auf ein gefährliches Spiel ein: Er gibt sich als Produzent aus und initiiert ein Großprojekt, um Milou zurückzulocken. Der Schauspieler Michael Gwisdek spielt den alten Emil, der seinem Enkel diese Geschichte erzählt. 

Gwisdek, 77, aufgewachsen als Sohn eines Gastwirts in Ostberlin, hat an der Staatlichen Schauspielschule Berlin studiert. Nach einem Theaterengagement in Karl-Marx-Stadt ging er zurück nach Berlin, zum Deutschen Theater und zur Volksbühne. Daneben wirkte er immer wieder in Filmen mit und führte selber Regie wie 1988 beim „Treffen in Travers“. Die „Traumfabrik“ erinnert ihn in vielem an die eigene Biografie: Mitte der Sechziger-Jahre betrat er erstmals das Babelsberger Studio – für den Western „Spur des Falken“.

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Herr Gwisdek, erinnern Sie sich daran, wie Sie zum ersten Mal durch die Tore der „Traumfabrik“ Babelsberg geschritten sind?

Daran kann ich mich erinnern, ja. Ich hatte ein Telegramm bekommen, auf dem stand „Babelsberg“. Mit dem Bewusstsein, durch dieses Tor zu gehen, jetzt hier zu arbeiten, hat es sich für mich angefühlt, als wäre ich in Hollywood angekommen. Als Jugendlicher habe ich immer von Hollywood geträumt. Ich habe mich aber nicht getraut, mit irgendjemandem darüber zu reden. Man hätte mich für verrückt erklärt. Ich habe viel in der Produktion oder in der Kneipe meines Vaters gearbeitet. Aber ich hatte immer im Hinterkopf, eines Tages Filmschauspieler zu werden. Heute bläken es die Jugendlichen in Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ ja alle heraus: „Ich will Popstar werden!“. Ich habe auch so gedacht, aber ich habe es für mich behalten. Ich werde nie vergessen, wie ich damals über das Gelände gelaufen bin und den ersten Drehort gesehen habe.

Wie kam es zu diesem ersten Engagement?

Es war ein Casting für den Westernfilm „Spur des Falken“. Es wurde gemunkelt, dass es an der Berliner Schauspielschule so einen Verrückten gab, der nicht wusste, wer Brecht ist und überhaupt keine Ahnung hat. Aber er könnte ganz schnell den Colt ziehen. Der hat das zweieinhalb Jahre geübt, der hat sie nicht alle – dieser Typ war ich. Ich hatte mir das alles von Horst Buchholz abgeschaut. Er hat in einer Talkshow erzählt, wie er für „Die glorreichen Sieben“ gelernt hat, mit dem Colt umzugehen. Und ich dachte, genau das ist es, was ein Schauspieler können muss. Ich habe mir von einer Oma eine Knallplätzchen-Pistole aus dem Westen mitbringen lassen, die ich mit Zinn ausgegossen und an die ich einen Holzgriff drangemacht habe. Dazu habe ich mir ein Holster gebaut. Ich hatte das alles mit. Ich habe meine selbst genähten Klamotten angezogen und vorgesprochen. Dabei habe ich ständig mit dem Colt rumgefummelt. Das fanden die irre. Also bin ich mit in den Kaukasus gefahren, um die rechte Hand von Rolf Hoppe zu spielen, dem Bösewicht des Westerns.

Was wurde dann aus Hollywood?

Ich habe erst vor ein paar Tagen mein neuntes Hollywood-Angebot bekommen. Meine Agentin, was meine Frau ist, hat den ganzen Tag mit denen gemailt. Sie meinte, es hätte keinen Sinn, weil ich kein Wort Englisch spreche. Aber die wollten trotzdem ein Demovideo von meinen Arbeiten haben. So etwas habe ich gar nicht. Ich war seit damals nie wieder bei einem Casting. Meine Frau hat bei YouTube reingeguckt, und da war tatsächlich erst drei Tage vorher so ein Zusammenschnitt von der Produktionsfirma Tobis eingestellt worden: „Michael Gwisdek in 5 Minuten“. Da bin ich echt vornübergekippt, auch wenn mich soziale Medien sonst nicht interessieren.

Haben sich Ihre romantischen Vorstellungen vom Dasein eines Filmstars bewahrheitet?

Ja. Ich habe die Gabe, dass sich meine Träume immer im Bereich des Realen bewegen. Sie sind nie unerfüllbar. Dadurch sind in meinem Leben viele Träume wahr geworden. Ich habe die Latte nie zu hoch gelegt. Selbst meine sogenannten „Hollywoodträume“ haben sich irgendwie erfüllt. Mit den drei Filmen, die ich als Regisseur gemacht habe, wurde ich nach Cannes, auf die Berlinale, auf das Los Angeles Film Festival und von der „Directors Guild of America“ eingeladen. Hollywood hat also zumindest nachgefragt. Das fand ich für mich ganz gut.

Das klingt eher bodenständig, nicht nach Starallüren.

Ich hatte noch nie in meinem Leben auch nur eine Mark Schulden. Ich lebe über den Daumen gepeilt immer unter meinem Limit. Selbst in den Zeiten, in denen ich 300 Ostmark im Monat verdient habe, haben sich am Monatsende immer Kollegen noch einen Zehner geborgt. Ähnlich ist es auch bei meinen Rollen. Am Theater gab es immer diese „Supertruppe“, die nur Heiner Müller und Avantgarde akzeptierten und fanden, die anderen haben alle keine Ahnung. Für mich galt das nicht. Ich habe auch Boulevard gemacht und wurde dafür von einigen als Verräter bezeichnet. Auch wenn ich mal nach Amerika eingeladen war. Einmal waren wir drei, vier Mann. Wir hatten uns mit dem Regisseur Robert Altman verabredet und mit ihm gequatscht. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich leider gehen muss, weil ich einen Termin mit Arnold Schwarzenegger hätte. Da sind die irre geworden! Ob ich eine Macke habe? Ich fand Schwarzenegger interessant und wollte ihn mal kennenlernen. Ich durfte sogar als einziger in seinem Büro drehen. Die Aufnahmen wollten dann plötzlich alle sehen. Ich finde auch vieles gut, was andere als Kommerzkacke bezeichnen. „The Day After Tomorrow“ zum Beispiel und „Titanic“. Für mich ist „Traumfabrik“ der erste deutsche Film, der mit „Titanic“ auf Augenhöhe ist. Und ich bin froh, dass wir hierzulande eine Produktion gestemmt haben, die richtig großes Kino ist.

Haben Sie selbst erlebt, dass sich – so wie in „Traumfabrik“ – DDR-Funktionäre in Babelsberg profilieren wollten?

Eigentlich ist der Teil des Filmes, in dem der Regisseur, der eigentlich kein Regisseur ist, in Babelsberg einen Film drehen will und alle sagen, dass das eine Katastrophe wird, meine reale Geschichte mit „Treffen in Travers“. Nur dass ich nicht zur Zeit des Baus der Mauer inszenieren wollte, sondern kurz vor ihrem Fall. Ich habe auf derselben Bank gesessen, auf dem der junge Regisseur im Film sitzt, und darauf gewartet, dass die vom ZK da rauskommen und mich für das zusammenscheißen, was ich gedreht habe. Das Gegenteil ist passiert. Der Film sollte sofort nach Moskau zum Festival gehen. Ich habe vorgeschlagen, dass wir ihn auch nach Cannes schicken können. Das wollten sie nicht, weil sie sich schon oft in Cannes beworben und immer nur einen kaputten Pappkarton zurückbekommen hatten.

Der 1988 gedrehte Film handelt von dem in Paris lebenden Revolutionär Georg Forster, er spielt 1793. Warum wollten Sie damit nach Cannes?

Ich sah eine Chance, bei diesem Thema und dem 200. Jahrestag der Französischen Revolution. Also hat man den Film nach Cannes geschickt. Aber dort kam nur Schwarzfilm an. Der Defa-Außenhandel wollte verhindern, dass der Film gezeigt wird. Man hatte entdeckt, dass es sich um einen verdeckten Revoluzzer-Film handelt, der unheimlich viele Parallelen zur aktuellen politischen Situation hatte. Sie wussten aber nicht, dass ich mit Wolf Donner befreundet war, dem ehemaligen Festivalleiter der Berlinale. Er hat über seine Kanäle den Film über Paris nach Cannes gekriegt. Das gab einen riesigen Ärger. Aber als dann die DDR-Flagge in Cannes wehte, hieß es: Alles super!

Sie haben 1968 Ihre ersten Filme gemacht. Herrschte da auch in Babelsberg eine Stimmung von Sex & Drugs & Rock’n’Roll?

Wenn, dann ist es an mir vorbeigegangen. Ich bin bis heute nie in solchen Kreisen gelandet. Sex ja. Aber Alkohol und Drogen nicht. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich in der Kneipe aufgewachsen bin. Wir waren mal mit dem Theater in Amsterdam und haben abends mit holländischen Kollegen Billard gespielt. Da ging so eine Zigarette herum. Ich habe auch daran gezogen. Ich war gerade dabei, das Match zu gewinnen. Nach diesem einen Zug hatte ich überhaupt keine Lust mehr, zu gewinnen. Ich weiß gar nicht, was da drin war. Marihuana vielleicht. Das war meine einzige Begegnung mit Drogen.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, eine Autobiografie zu schreiben?

Nee, das würde nicht funktionieren. Darin müssten auch die Frauengeschichten zur Sprache kommen, und die leben ja alle noch. Außerdem habe ich immer versucht, so zu leben, dass ich mich selbst irgendwie gut finde. Für mich ist das Glas immer halb voll. Ich bin mal mit einer Fähre in Seenot geraten. Riesige Wellen, alles schrie, und die Teller fielen aus den Regalen. Ich bin an Deck gegangen, habe mich mit einem Feuerwehrschlauch an der Reling festgebunden und gegen die Wellen angeschrien. Diese Gischt, diese Wellen! Ich sitze doch nicht da drin und warte, dass wir untergehen. Wenn, dann bin ich die Gallionsfigur! Was andere furchtbar fanden, war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Wenn ich ein Buch schreibe, dann besteht die Gefahr, dass ich mich zu gut und zu heldenhaft beschreibe. Das fände ich nicht sympathisch.

Welche Erinnerungen haben Sie an Rolf Hoppe?

Ein absoluter Vollblutschauspieler. Einer der wenigen, bei denen man aufpassen musste, wenn man körperlich spielte. Blaue Flecke waren bei Rolf Hoppe garantiert. Er tat nicht so, er war wirklich. Er war mit Leib und Seele eine Maschine vor der Kamera. Man musste sich neben ihm behaupten, was ich gut finde. Von Rolf Hoppe habe ich gelernt, wie man immer ein bisschen mehr von der Kamera gesehen wird als vorgesehen. Wir waren Freunde, auch wenn wir uns nicht täglich sehen konnten, wegen Dresden und Berlin. Aber wenn wir uns getroffen haben … Rolf zählt zu den absoluten Lieblingspartnern, die ich hatte.

Das Interview führte André Wesche

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