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Wie sicher ist die Fluorchemie?

Der Dohnaer Betrieb ist einer der beiden gefährlichsten im Landkreis. Die Katastrophenschutzübung fällt dieses Jahr aus. Ist damit die Sicherheit gefährdet?

Bisher war es immer nur eine Übung, wenn auf dem Gelände der Fluorchemie Dohna dieses Schild aufgestellt und Helfer in diesen Schutzanzügen steckten.
Bisher war es immer nur eine Übung, wenn auf dem Gelände der Fluorchemie Dohna dieses Schild aufgestellt und Helfer in diesen Schutzanzügen steckten. © Marko Förster

Zwei Betriebe im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gehören zur höchsten Störfallklasse. Es sind die Fluorchemie in Dohna und die Firma Beiselen in Wilsdruff. Mit dem Gefahrstofflager der Firma Wackler entsteht in Wilsdruff derzeit ein dritter solcher Betrieb. Für die Firmen gelten deshalb besondere Sicherheitsvorkehrungen. Dazu gehören regelmäßige Übungen. In diesem Jahr hätte an der Fluorchemie wieder der Katastrophenfall geprobt werden müssen. Doch diese Übung ist aufgrund der Corona-Kontaktbeschränkungen auf nächstes Jahr verschoben. Wie sicher ist die Fluorchemie? 

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Warum ist der Dohnaer Chemiebetrieb so gefährlich?

Weil hier Flusssäure hergestellt wird. Flusssäure, auch Fluorwasserstoffsäure genannt, ist eine farblose, stechend riechende und hochgiftige Flüssigkeit. Sie greift selbst Glas stark an und ist stark ätzend. Was für die Behandlung von Edelstahl, Fußboden-Estriche und Kunststoffe verwendet wird, kann schon in geringen Mengen Haut, Schleimhäute und Bindehaut der Augen massiv schädigen und rasch zum Tod führen. In Dohna wird seit 1903 Flusssäure produziert, der Standort gehört zu den ältesten in Europa. In Deutschland ist Dohna einer von vier Produzenten und in Ostdeutschland der einzige.

Wie arbeiten die 80 Leute unter diesen Bedingungen?

Für jeden Handgriff und Vorgang gibt es Vorschriften und Bewertungen, wie gefährlich der Handgriff oder Vorgang ist, wie das Risiko minimiert wird und was im Notfall zu tun ist. Vorrang haben technische Maßnahmen, danach folgen organisatorische und schließlich persönliche. Am Ende ist alles vorgeschrieben und darf keine Pumpe ohne Zustimmung der Landesdirektion gegen eine nicht baugleiche ausgetauscht werden. 

Was bedeutet das konkret zum Beispiel beim Abfüllen der gefährlichen Flusssäure?

Dafür müssen die Mitarbeiter Schutzanzüge tragen. Der Bereich, in dem die Flusssäure abgefüllt wird, ist hermetisch abgeriegelt. Der Startknopf zum Abfüllen kann nur von außen und wenn die Tür von außen geschlossen wurde, gedrückt werden. Ein anderes Beispiel: Wenn eine Anlage nicht so läuft wie sie soll und der Mensch nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit eingreift, schaltet sie sich selbst automatisch ab.

Damit ist technisch eigentlich alles gemacht, doch der Faktor Mensch kann dort wo Menschen arbeiten trotzdem nicht ausgeschlossen werden...

Das nicht, sagt Werkleiter Harald Werner. "Aber wir tun alles, um diesen Faktor weitgehend auszuschließen." Mit Weiterbildungen, dem Nutzen von Erfahrungen anderer Betriebe und einer Ampel. Für die wird jede mögliche Situation nach Risiko, Konsequenz und Wahrscheinlichkeit bewertet. Wenn Grün rauskommt, ist alles in Ordnung. Wenn gelb oder sogar Rot, müssen die drei Faktoren so verändert werden, dass die Ampel wieder Grün zeigt. Zur personellen Sicherheit gehören auch pro Schicht zwei Mitarbeiter, die im Ernstfall die ersten Maßnahmen bis zum Eintreffen der Feuerwehr ergreifen. 

Wann gab es den letzten Zwischenfall?

In den vergangenen fünf Jahren gab es in der Fluorchemie 50 Unfälle. Von den elf meldepflichtigen waren zwei Verätzungen. Bei allen anderen handelte es sich bis auf einen um Stolperunfälle. Also Unfälle, wie sie in jedem anderen Betrieb passieren. Eine Ausnahme bildete der Brand im Mai. Aber auch der hatte mit der eigentlichen Produktion nichts zu tun. Die Überspannung im Stromnetz war so stark, dass es innerhalb der Trafostation zu einer Lichtbogenbildung kam, die sich mit lautem Knall und Rauchentwicklung bemerkbar machte. Die Produktion wurde auf Notstrom umgestellt, sicher herunter- und schon nach kurzer Zeit wieder hochgefahren. Kein Vorkommnis der letzten Jahr musste dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie gemeldet werden. Das war das letzte Mal beim Hochwasser 2013 der Fall. In den Hochwasserschutz und weitere Maßnahmen zum Umweltschutz hat die Fluorchemie seit 2015 rund zwei Millionen Euro investiert. Nächstes Jahr sollen die Flucht- und Rettungswege saniert werden, 2022 soll die neue Mittelspannungsanlage fertig werden.

Was sieht der Plan des Kreises für die Fluorchemie im Notfall vor?

Für die Fluorchemie existiert ein neben den internen Notfallplänen auch ein externer. In dem sind vier Melde-Alarmstufen definiert, die entsprechende Maßnahmen und Zuständigkeiten beinhalten. Bei den Stufen 1 und 2 handelt es sich um innerbetriebliche Störungen, die keine Auswirkungen auf außerhalb haben. Die Stufe 3 geht vom Austritt geringer Mengen eines gefährlichen Stoffes bzw. einem Brand in der Produktion oder dem Lager aus. Bei Stufe 4 sind es große Mengen oder ein Großbrand. Das bedeutet dann Katastrophenvoralarm.

Wie oft werden diese Pläne aktualisiert?

Laut Gesetz muss der Notfallplan des Landkreises innerhalb von drei Jahren mit dem Betreiber überprüft und geprobt werden. Deshalb auch die regelmäßigen Übungen. Die internen Plänen werden ständig aktualisiert.

Was wäre für die Fluorchemie das Schlimmste, was passieren könnte?

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