SZ +
Merken

„Sicherheit geht vor Rendite“

Michael Westkamp, Vorstandschef der Aachen Münchener, spricht über die Pflicht der Lebensversicherer, rote Zonen und Londoner Trockner.

Teilen
Folgen
© Robert Michael

Er würde jungen Leuten jederzeit den Abschluss einer Lebensversicherung empfehlen. Nicht nur, weil Michael Westkamp Vorstandschef des Versicherers Aachen Münchener ist, nach der Allianz die Nummer zwei in Deutschland. Der 63-Jährige ist vom Produkt überzeugt – als ein Bestandteil der Absicherung im Alter. Die derzeitigen Veränderungen auf dem Markt betrachtet er skeptisch. Für den gebürtigen Rheinländer darf es bei diesem Thema gerne wieder so sein wie früher: Langweilig, aber auf jeden Fall solide.

Herr Westkamp, der Marktführer Allianz und einige andere Versicherungen haben kürzlich ihre lebenslangen Zinsgarantien kassiert. Auch die Überschussbeteiligungen gehen stetig zurück. Lohnt sich die Lebensversicherung überhaupt noch?

Gegenfrage: Was kann man sonst machen für die Altersvorsorge? Etwa Tagesgeld? Im Schnitt geben die Lebensversicherer immer noch eine Überschussbeteiligung zwischen 3,6 und 4,1 Prozent. Das ist immer noch eine Rendite, die man im Moment bei keinem anderen Produkt bekommt. Es sei denn, Sie gehen in Risikopapiere.

Sie propagieren das Modell „Sicherheit vor Rendite“. Ist das nicht das Eingeständnis, dass die Lebensversicherung nicht mehr lukrativ ist?

Man darf die Lebensversicherung nicht allein unter dem Gesichtspunkt Rendite sehen. Natürlich spielt das eine Rolle, keine Frage. Aber die hat darüber hinaus ja noch andere Funktionen: Etwa einen Todesfallschutz oder eine Absicherung bei Berufsunfähigkeit, die mit eingeschlossen werden kann. Bei der Rentenversicherung ist es eine lebenslange Rente, die garantiert ist. Insofern ist die Diskussion, die immer nur um die Rendite geht, verkürzt.

Aber daran sind doch die Versicherer selbst schuld – die Rendite war viele Jahre das Haupt-Verkaufsargument.

Das stimmt wohl. Aber im Moment findet in der Branche eine Rückbesinnung statt – auf die Frage, was eigentlich die Funktion der Lebensversicherung ist. Und da sind wir beim Thema Garantien. Ich bin persönlich der Meinung, dass man die lebenslangen Zinsgarantien nicht aufgeben darf. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherer.

Sie haben gewarnt, die Branche betreibe mit der Abschaffung „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“.

Es geht um Vertrauen. Wir laufen Gefahr, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Bei uns gibt es deshalb zurzeit auch keine Pläne, von den Garantien abzurücken. Im Übrigen hat auch die Allianz die Garantie nicht ganz abgeschafft, sondern nur aufgespalten. Der Markt muss zeigen, ob das angenommen wird. Ich bin da allerdings skeptisch.

Aber auch die Aachen Münchener hat zum Jahresende 2012 ihre Überschussbeteiligung gesenkt.

Wenn man sich das Kapitalmarktumfeld ansieht, bekommen Sie heute für eine zehnjährige Bundesanleihe 1,4 Prozent. Wie wollen Sie damit Überschüsse von drei, vier, viereinhalb Prozent darstellen? Da sind wir wieder beim Thema Chance und Risiko. Für 90 Prozent der Bevölkerung bedeutet private Altersvorsorge Konsumverzicht. Das Geld dafür ist nicht übrig, das muss woanders eingespart werden. Wenn also jemand 30 Jahre und mehr Verzicht übt, um für sein Alter vorzusorgen, haben wir als Versicherer die verdammte Pflicht, das Geld auch sicher anzulegen. Wir können nicht am Schluss sagen: Du hast Pech gehabt, wir haben spekuliert und sind auf die Nase gefallen. Jetzt ist nichts mehr übrig, Deine Altersvorsorge ist weg. Deshalb sind wir sehr konservativ unterwegs.

Wie investieren Sie denn, um mit dem schwierigen Kapitalmarktumfeld zurechtzukommen und dieser Verantwortung gerecht zu werden?

Wir kaufen heute auch keine Bundesanleihen mehr. Wir gehen verstärkt in Unternehmensanleihen. Etwa von der französischen Bahn oder Dax-Unternehmen. Und wir legen unser Geld im Schnitt immer noch zwischen dreieinhalb und viereinhalb Prozent an, auch über 20 Jahre. Auf der Aktivseite agieren wir immer so, dass die Passivseite, also die Verpflichtungen aus den Verträgen, stets abgedeckt sind. Wir haben heute immer noch einen durchschnittlichen Garantiezins von 3,3 Prozent. Da sind viele Altverträge drin, die eine Vier vor dem Komma haben. Die bekommen auch weiter ihre vier Prozent.

Ihre Mutter, der italienische Generali-Konzern, ist ja durchaus in Krisenländern wie Griechenland, Spanien und Portugal engagiert. Was bedeutet das für Ihr Geschäft, Ihre Stabilität?

Unmittelbar überhaupt nichts. Unsere Kapitalanlagen werden für jedes Versicherungsunternehmen separat angelegt. In ihren Anlageentscheidungen ist die Aachen Münchener damit autonom. Zurzeit haben wir eher einen Anlagenotstand: Es ist ja nicht so, als würden höherverzinsliche Papiere in rauen Mengen angeboten. Wenn Sie unsere Kapitalanlagen ansehen, haben wir ein Volumen von rund 32 Milliarden Euro. Da müssen wir im Jahr drei, vier, fünf Milliarden Euro neu anlegen – weil Papiere ablaufen, andere dazukommen. Das müssen Sie streuen. Aus den genannten Ländern halten wir aktuell noch ein Volumen von rund 700 Millionen Euro. Das klingt viel, es sind aber gerade mal zwei Prozent der gesamten Anlagesumme.

Eine sehr reale Krise war in Sachsen die Flut im Juni. Um wie viel Geld geht es dort?

Die Branche geht davon aus, dass dieses Hochwasser – in Ostdeutschland und Bayern – rund zwei Milliarden Euro kosten wird – bei insgesamt 180.000 Schäden. 2002 brachte das Hochwasser 150.000 Schäden mit 1,8 Milliarden Schadenssumme. Es gibt dabei eine interessante Entwicklung: 2002 hatten 42 Prozent der Bürger mit ihrer Hausrat- auch eine Elementarschadensversicherung eingeschlossen. Aktuell sind es 53 Prozent. Bei den Wohngebäuden ist es ganz eklatant: Da hatten 2002 sechs Prozent der Eigentümer eine Elementarschadensversicherung, heute sind es rund 33 Prozent.

Das nützt wenig, wenn ich in der roten Zone lebe und keine Versicherung mehr bekomme oder sie extrem teuer bezahlen muss …

Zugegeben: Es gibt Bereiche, die sind nicht mehr versicherbar. Wenn Sie direkt am Ufer der Elbe wohnen, wird es schwierig. Eine Versicherung ist ja als Absicherung gegen unvorhersehbare Ereignisse gedacht. Direkt am Fluss zählt Hochwasser, zählt eine Flut nicht dazu. Aber zwischen 95 und 99 Prozent aller Gebäude können Versicherungsschutz bekommen.

Was haben Sie denn als Aachen Münchener zahlen müssen?

Uns wurden bis jetzt rund 5.700 Schadensfälle durch das Hochwasser gemeldet. Bislang liegen die Schäden bei rund 45 Millionen Euro. Davon kommt gut die Hälfte aus Sachsen. Wir rechnen damit, dass es bis zu 50 Millionen Euro werden.

Wie lief die Regulierung?

Wir haben zunächst eine Soforthilfe von 1.000 Euro für jeden betroffenen Kunden zur Verfügung gestellt. Da reichte erst einmal ein Handyfoto. Ansonsten waren 18 Schadenregulierer der Generali quasi ab Mitte Juni auch für uns im Dauereinsatz. Ein großer Teil der Schadensmeldungen ist schon reguliert. Für uns ist der schnell regulierte Schaden der günstigste Schaden. Wir benötigen nicht mehr so viel Zeit – wir haben ja auch ganz andere Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren. So haben wir ab Mitte Juni mit einer Firma zusammengearbeitet, die aus London Hunderte Trockengeräte hergeschafft hat. Die waren in den betroffenen Regionen echte Mangelware – und haben geholfen, schwerere Schäden zu vermeiden. Wenn man damit die Schadenhöhe senken und Kosten sparen kann, profitieren beide Seiten.

Das Gespräch führte Lars Radau