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Sicherheit ist Millimetersache

In Dresden ist ein Kind fast in die Elbe gefallen. Wie steht es um Brückengeländer in der Sächsischen Schweiz?

Von Ines Mallek-Klein

Die Pirna stampft der Elbströmung entgegen. An der Reling des Raddampfers stehen Touristen mit Fotoapparaten. Wortfetzen schallen herüber. Anna ist neugierig. Sie will mehr sehen. Die Zweijährige liebt Schiffe. Ihre Hände haben die grauen Stäbe des Geländers an der Pirnaer Altstadtbrücke fest umklammert. Mutter Karin steht ruhig daneben. Hier kann nichts passieren. So sehr sich ihre kleine Anna auch bemüht, der kleine Kopf passt nicht durch die Streben, die exakt elf Zentimeter voneinander entfernt sind.

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Auf der Dresdner Carolabrücke ist das anders. Dort war vor einigen Tagen auch eine Mutter mit ihrer Tochter Amy unterwegs, als das Mädchen plötzlich den Kopf durch das Gitter steckte und beinahe in die Elbe gefallen wäre (SZ berichtete). Verhindert hat das nur das beherzte Zugreifen der Mutter. Sie nahm den Vorfall zum Anlass, um das Geländer prüfen zu lassen. Und tatsächlich, die Streben waren 14,5 Zentimeter auseinander. Der Gesetzgeber verlangt aber einen Abstand der Streben an Geländern und an Treppen von maximal zwölf Zentimetern. Grund zu Nachbesserungen gibt es auf der Carolabrücke dennoch nicht. Als die Brücke vor 43 Jahren gebaut wurde, galten andere Normen. Heute hat das Bauwerk Bestandsschutz.

Auf der Pirnaer Altstadtbrücke dagegen werden sogar heute geltende Normen übererfüllt. Die Streben sind enger als gefordert, und die gemauerte Brüstungshöhe liegt mit 1,30 Meter weit über dem einen Meter, den der Gesetzgeber vorschreibt. Die grauen Metallgeländer sind 1,15 Meter hoch. Würden sie heute erneuert, müssten zumindest auf der östlichen Brückenseite noch einmal fünf Zentimeter daraufgesetzt werden. Hier teilen sich Radfahrer und Fußgänger den Weg, und der verläuft unmittelbar hinter dem Geländer. Auch für solch einen Fall hat der Gesetzgeber vorgesorgt und verlangt heute eine Brüstungshöhe von 120 Zentimetern. Die Brücke ist, inklusive Fahrbahn, in den 90er-Jahren saniert worden. Man hat sich an das damals geltende Recht gehalten, und so gilt für die um wenige Millimeter zu niedrigen Geländer auch heute noch Bestandsschutz, sagt der Pirnaer Stadtsprecher Thomas Gockel.

Auch die Sachsenbrücke, die selten von Fußgängern genutzt wird, ist sicher. Die Abstände zwischen den Geländerstreben betragen exakt zwölf Zentimeter. Das leuchtend rote Geländer ist sogar 1,20 Meter hoch. Optisches Manko des 15 Jahre alten Bauwerks sind allenfalls die 16 gläsernen Lärmschutzwände, die von Randalierern mutwillig zerstört wurden. Zuständig für die Sachsenbrücke ist das Landesamt für Straßenbau und Verkehr, genauso wie für die Brücke der Bundesstraße 172 über die Müglitz in Heidenau. Grau, mit grünen Ornamenten, säumt deren Geländer den Rand der Straße. Der Abstand der Streben überschreitet an keiner Stelle das Maß von zwölf Zentimetern. Doch hoch ist es gerade mal einen Meter. Zwanzig Zentimeter mehr fordert der Gesetzgeber, wenn hier auch Radfahrer unterwegs sind. Doch die sollen den ausgewiesenen Radweg nutzen. Der liegt zwischen Bundesstraße und Gehweg, begründet eine Sprecherin aus dem Straßenbauamt die Höhe des Geländers. Das sei völlig in Ordnung und ist übrigens auch noch gar nicht so alt. Die Brücke wurde 1992 saniert. Und in diesem Zuge erhielt sie auch ein neues Geländer. Das wird übrigens, wie jedes Ingenieurbauwerk im öffentlichen Raum, regelmäßig kontrolliert. Alle drei Jahre muss ein Experte prüfen. Alle sechs Jahre gibt es eine Hauptprüfung. Ereignen sich zwischendurch besondere Vorfälle wie Unfälle oder Hochwasser, sind zusätzliche Untersuchungen auf Mängel notwendig. Die Brücke an Heidenaus Hauptstraße wurde 2013 untersucht.

Wenige Meter flussaufwärts, mitten in Dohna, führt eine weitere Brücke über die Müglitz. Sie steht in der Obhut der Stadt. Das grasgrüne Bauwerk hat Streben, die exakt zwölf Zentimeter voneinander entfernt sind, und ist 1,10 Meter hoch. Hoch genug für die Fußgänger, heißt es aus dem Rathaus. Die Radfahrer, die mit einem noch höheren Geländer vor allem vor Seitenwind geschützt werden sollen, nutzen die Fahrbahn und sind damit nicht in unmittelbarer Geländernähe unterwegs.

Fazit: Die Brücken in Pirna und Heidenau sind sicher. Anders sieht das auf der Kleinen Bastei aus. Rathens Bürgermeister Thomas Richter kennt das Problem. Das Geländer an dem beliebten Ausflugsziel wurde zu DDR-Zeiten angebracht. Die Streben sind hier, wie auf der Dresdner Carolabrücke, zu weit auseinander. Erneuern will es Thomas Richter trotzdem nicht. Es entspricht den damals geltenden Normen. Die Gemeine Kurort Rathen ist auf der sicheren Seite. Bürgermeister Richter vertraut stattdessen auf die Vernunft der Besucher und hofft darauf, dass Eltern ihre Kinder im Auge behalten. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht, egal wie das Geländer aussieht – schon gar nicht in den Felsenformationen der Sächsischen Schweiz.