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Sicherheitsdienste befürchten Auftragseinbruch

Der neue Tarifvertrag garantiert Mitarbeitern der Branche ab Januar mehr Geld. Firmen im Elbland sehen das als Gefahr.

© hübschmann

Von Ulrike Keller

Andreas Michalke gibt sich keine Mühe, seine Wut klein zu halten. Existenzbedrohend, prophezeit er, wird der frisch beschlossene Tarifvertrag für sein Bewachungsunternehmen in Coswig. „Den seit anderthalb Jahren kontinuierlich steigenden Lohn für ein und dieselbe Dienstleistung kann ich dem Kunden nicht vermitteln.“ Gerade hat er ein Schreiben an seine Auftraggeber fertiggemacht. Doch die Reaktion kann er sich ausmalen: „Aus drei Revierkontrollen wird eine. Oder sie stellen für das Geld selbst jemanden ein.“

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Die Michalke Sicherheits- und Service GmbH ist eine von aktuell 65 beim Landratsamt angemeldeten Bewachungsfirmen im Kreis Meißen. Zu den größeren zählt der Niederauer Standort des Sicherheitsunternehmens Elbe. Auch Zweigstellenleiter Thomas Lippmann sieht die Tarifsteigerung mit gemischten Gefühlen. „Wir kommen nicht drum herum, sie auf den Auftraggeber umzulegen“, meint er. „Wir werden definitiv den einen oder anderen Kunden verlieren. Und das heißt automatisch den einen oder anderen Mitarbeiter.“ Dabei sei es nicht so, dass er es den Angestellten nicht gönne, betont er. Doch solche Sprünge im Verdienst seien in der Wirtschaft nicht einzuholen. Hinzu kommt: Viele Kleinunternehmer in der Region umgehen schon jetzt Tarifzahlung. „Der Preiskampf ist sehr hoch“, sagt Lippmann.

Aktuell verdient ein Wachmann 7,50 Euro die Stunde. Das ist der Mindestlohn, der seit Januar in Sachsen gilt. Ab kommendem Jahr wird dieser Betrag im Freistaat stufenweise erhöht. Für den Wachmann zunächst auf 8,17 Euro und bis 2016 dann auf neun Euro Grundstundenlohn. Der Nachtzuschlag von fünf Prozent bleibt erhalten. Zunächst reduziert und schließlich gestrichen werden aber die deutlich höheren Wochenend- und Feiertagszuschläge. Besonders das kritisiert Michalke in Coswig. Richtig und wichtig findet diese Regelung hingegen Ingo Hartmann, Chef des Dresdner Wach- und Sicherungs-Instituts DWSI. Im Landkreis ist das Unternehmen mit der Riesa-Großenhain-Niederlassung in Großenhain vertreten. Hartmann war Mitglied der Tarifkommission. „Der Nachtzuschlag ist Bestandteil des Arbeitszeitgesetzes. Damit wird er vom Zoll kontrolliert“, erklärt er. Lediglich tariflich, nicht aber gesetzlich fixiert seien der Wochenend- und Feiertagszuschlag. Weshalb auch der Zoll darauf nicht achte. Diese Gesetzeslücke nutzten laut Hartmann viele Firmen, um bei Ausschreibungen kostengünstiger kalkulieren zu können. Sie rechneten die Zuschläge, deren Zahlung ohnehin nicht überprüft wird, von vornherein heraus.

Größte Errungenschaft des Tarifvertrages ist aus seiner Sicht, dass es sich um die erste Lohnsteigerung handelt, die sich auf die Rentenhöhe der Angestellten auswirkt. In der Hoffnung, dass die Kunden es mittragen, geht er von einer Aufwertung der Branche aus: „Ich rechne damit, dass es leichter wird, Leute zu finden.“

Denn vor allem die Bezahlung sorgt seit etwa zwei Jahren für Personal- und Nachwuchsmangel im Sicherheitsgewerbe. „Es fehlt an Interessenten, die den geforderten Nachweis der IHK für die Bewachungstätigkeit besitzen“, sagt Andreas Michalke, auch zertifizierter Ausbilder und IHK-Dozent. Seines Wissens brechen 40 Prozent der Auszubildenden die Lehre ab. „Sie denken, der Job ist breiter gefächert. Aber wir gehen arbeiten, wenn die anderen Feten feiern.“ Thomas Lippmann in Niederau ergänzt: „Hauptbestandteil der Ausbildung sind Paragrafen: Was ist Notwehr, was nicht, und so weiter?“ Dass sich verstärkt ein rechtsorientierter Personenkreis in dieser Branche bewirbt, bestätigt keines der drei Unternehmen im Landkreis Meißen.

Sie alle zählen überwiegend Firmen zu ihren Kunden. Sämtliche Wirtschaftsbereiche seien vertreten. Einheitlich wird auch berichtet, dass etwa die Hälfte den Auftrag erst erteilt, nachdem einmal etwas passiert ist. Ein ähnlich großer Anteil entscheide sich vorbeugend dafür. Die meisten Kunden, heißt es übereinstimmend, kombinieren Alarmtechnik und Wachpersonal.

Mit der Auftragslage zeigen sich die befragten Sicherheitsdienste zufrieden. Das DWSI nennt die Situation „stabil“. Elbe Sicherheit und Michalke verbuchen seit mehreren Jahren leichten Zuwachs. Einige Mitarbeiter, erzählt Andreas Michalke, hätten gesagt: Für einen sicheren Job würden sie lieber auf die Tariferhöhung verzichten.