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Sicht am Schacht

Ein Sandsteinring erinnert nun an einen historischen Brunnen in der Dohnaischen Straße in Pirna. Vielen reicht das nicht.

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© Norbert Millauer

Von Thomas Möckel

Pirna. Solange es dieses Zeichen gab, solange keimte noch Hoffnung. Bauarbeiter hatten vor dem Eingang des Ladens „Bijou Brigitte“ auf der Dohnaischen Straße extra einige der neuen Granitpflastersteine unverfugt gelassen. Die sollten, so der Plan, einfach zu entfernen sein, Pirna plante an dieser Stelle ein Stück Erinnerungskultur. Farbige Steine sollten einen Brunnen andeuten, der darunter in der Versenkung ruht. Doch ein reichliches Jahr tat sich vor allem eines: nichts. Bis jetzt.

Seit Donnerstag arbeiten die Handwerker nun am Mahnmal der untergegangenen historischen Wasserversorgung. Aus gelben Sandsteinen formen sie einen Ring, der in etwa der Größe des darunter ruhenden Pendants entspricht. Die Mitte fachen sie mit dunklen Granitsteinen aus, etwa zwei Tage werden sie dafür brauchen. Ergänzt wird der Zweifarb-Brunnenring noch durch eine Infotafel, die Fakten über den Brunnen preisgibt. Das Schild, so verlautbart aus dem Rathaus, werde gerade entworfen und solle zeitnah aufgestellt werden. So erinnert dann zumindest eine optische Einheit an das, was da im Verborgenen ruht.

Bauleute hatten im Sommer 2016 bei der Sanierung der Dohnaischen Straße einen historischen Brunnen freigelegt. Archäologie-Fachleute datierten seine Herkunft auf das 13. Jahrhundert. Äußerlich, so schien es, war der 700 Jahre alte Wasserspeicher noch intakt. Sechs Meter ging der Schacht in die Tiefe, am Boden stand das Wasser noch 1,20 Meter hoch. Archäologen fotografierten und dokumentierten den Fund, an der Fundstelle bildeten sich Zuschauertrauben, um einen Blick in Pirnas Vergangenheit zu erhaschen. Noch ahnte niemand, dass es der erste und einzige Blick auf dieses Kleinod sein würde.

Pirna selbst betitelte den Fund zunächst als einzigartig und sensationell, um anschließend die Entdeckung sensationell schnell wieder verschwinden zu lassen. Offenkundig hatten Rathaus-Mitarbeiter den Rat der Archäologen etwas zu ernst genommen. Die Altertumsforscher empfehlen, Bodendenkmale grundsätzlich im Boden zu lassen, weil sie dort am besten konserviert würden. Doch Pirna beließ den Fund nicht nur im Boden, die Stadt verkorkte den Brunnen gleich noch. Wenige Stunden nach dem Fund wurde der Brunnen mit einer zähen Pampe verfüllt, angeblich sei die Masse wieder rückstandslos entfernbar. Stein-Fachleute halten das aber für Quatsch. Selbst Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke, zum Zeitpunkt des Fundes nicht in Pirna, kalauerte später über seine Mitarbeiter: An diesem Beispiel, so der Rathauschef, könne man sehen, dass die Verwaltung manchmal schneller arbeite, als man denkt. Ein Großteil der Pirnaer fand die Geschichte aber gar nicht witzig.

Spott und Häme ergossen sich über die Stadt, weil sie so unachtsam mit dem historischen Erbe umgehe. Viele hätten sich mit dem Brunnen einen zusätzlichen Anziehungspunkt in der Altstadt gewünscht, innen beleuchtet, oder mit einer Glasplatte abgedeckt. Andere Städte, beispielsweise Reutlingen, haben das bereits vorgemacht. Pirna jedoch wiegelte all diese Ideen ab: Eine Glasplatte als Abdeckung – zu rutschig und gefährlich; Licht im Innern des Brunnens – zu kompliziert und zu aufwendig; einen Brunnenring nach oben aufsetzen und diesen dann mit einer Glasscheibe verschließen – zu teuer.

In der neuerlichen Diskussion sprechen viele der Stadt jegliches Interesse und jegliche Eigenregie an der Brunnengeschichte ab. Der farbige Sandsteinring komme jetzt doch nur, schreibt Franz Klammer im sozialen Netzwerk Facebook, weil sich genügend Bürger aufgeregt hätten.