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Das war Dresdens allererste Pizzeria

Noch vor der Wende brachten Bernd und Jutta Zichner die italienische Küche in den Osten. Und kreierten "Köstlichkeiten" wie Pizza Würzfleisch.

Jutta und Bernd Zichner kennen viele Dresdner von ihrem Restaurant "Anno Domini", das sie 1994 in Klotzsche eröffneten. Vorher gab es auf dem Hof allerdings schon eine Pizzeria.
Jutta und Bernd Zichner kennen viele Dresdner von ihrem Restaurant "Anno Domini", das sie 1994 in Klotzsche eröffneten. Vorher gab es auf dem Hof allerdings schon eine Pizzeria. © Marion Doering

Dresden. Sie sind keine Unbekannten hier. Mit ihrem Restaurant "Anno Domini" gehören Jutta und Bernd Zichner zu den Dresdner Gastronomen, die kurz nach Wende ihr eigenes Geschäft aufmachten. Seit 2015 kümmert sich ihr Sohn Mario um die Gastronomie, nun kämpft auch er mit den Folgen der Corona-Krise und musste sein Restaurant vorübergehend schließen. Eine solch große Herausforderung hatten seine Eltern Jutta und Bernd Zichner zwar nicht zu meistern - einfach war es trotzdem nicht. Vor allem zu DDR-Zeiten.

Denn das Mittelalter-Restaurant "Anno Domini", das auf ein besonderes Erlebnis-Konzept setzt, ist gar nicht ihr erster großer Wurf gewesen. Schon fünf Jahre vorher, 1989, eröffneten sie in Klotzsche, weitab von Innenstadt und Laufkundschaft, eine Pizzeria - die wirklich erste in Dresden.  

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Für die Pizzeria wurde der alte Kuhstall des Hofes an der Klotzscher Hauptstraße umgebaut. Heute wohnen Jutta und Bernd in diesem Teil des Hauses. Das "Anno Domini" befindet sich in einem anderen Gebäudeteil.
Für die Pizzeria wurde der alte Kuhstall des Hofes an der Klotzscher Hauptstraße umgebaut. Heute wohnen Jutta und Bernd in diesem Teil des Hauses. Das "Anno Domini" befindet sich in einem anderen Gebäudeteil. © privat
Am Anfang war Bernd Zichner noch selbst der Chef am Pizza-Ofen, doch das wurde ihm bald zuviel. Ein gelernter Bäcker wurde eingestellt.
Am Anfang war Bernd Zichner noch selbst der Chef am Pizza-Ofen, doch das wurde ihm bald zuviel. Ein gelernter Bäcker wurde eingestellt. © privat
Gebaut nach originalen Plänen aus Italien - der Pizza-Ofen war das Herzstück der Kneipe. Hier wurden über Buchenholzscheiten bei 200 Grad auch Pizzen gebacken, die mit Spaghetti belegt waren.
Gebaut nach originalen Plänen aus Italien - der Pizza-Ofen war das Herzstück der Kneipe. Hier wurden über Buchenholzscheiten bei 200 Grad auch Pizzen gebacken, die mit Spaghetti belegt waren. © privat
Ohne Tischreservierung war in Zichis Pizzeria nichts zu machen. Der Ansturm war riesig.
Ohne Tischreservierung war in Zichis Pizzeria nichts zu machen. Der Ansturm war riesig. © privat
Russischer Sekt, Rotwein aus Italien, Weißwein aus Ungarn - die Möglichkeit, im Delikat einzukaufen, nutzen Zichners für eine umfangreiche Speisekarte. 
Russischer Sekt, Rotwein aus Italien, Weißwein aus Ungarn - die Möglichkeit, im Delikat einzukaufen, nutzen Zichners für eine umfangreiche Speisekarte.  © privat

Das war am 6. Oktober, einen Monat vor der politischen Wende. Zwar kamen schon wenige Wochen später die echten Italiener in die Stadt, darunter auch der bekannte Gastronom Guiseppe Gagliardi, der sein erstes Restaurant 1990 an der Zwinglistraße eröffnete - aber die ersten richtigen Pizzen aßen die Dresdner in "Zichis Pizzeria".

"Am ersten Tag stand eine riesige Menschenschlange die Straße hinunter", erinnert sich Bernd Zichner, heute 71 Jahre alt. Damals, als junger Mann, stand Zichner zunächst selbst vor dem Pizza-Ofen, der nach originalen Plänen aus Italien gebaut war. Der Dresdner hatte Verwandschaft dort. Weil seine Mutter in Westdeutschland lebte und er auch einen Westpass hatte, konnte Bernd Zichner von dort aus regelmäßig seine Cousine in einem Städtchen bei Mailand besuchen. "Wir waren in einer kleinen Pizzeria und ich war total begeistert von der italienischen Küche." Die Idee für eine Pizzeria in Dresden kam ihm allerdings erst später. 

1988, als Erich Honecker die Bestimmungen für private Betriebe lockerte, hatten Jutta und Bernd ihre Chance gewittert. Die Voraussetzungen waren gut: Auf dem Hof von Zichners Familie war viel Platz und der Traum von der eigenen Gaststätte ohnehin schon lange in ihren Köpfen. Und Jutta Zichner hatte als langjährige gastronomische Direktorin der Mitropa auf dem Flughafen genug Erfahrung. Also gab ihr Mann seinen Job in einem Farben- und Tapetenladen auf und wurde Pizzabäcker. 

Oringinale Pizza-Rezepte aus Italien

"Die Leute haben uns überrannt", sagt Jutta Zichner. 60 Pizzen am Tag waren Standard, manchmal wurden es mehr - ein wahrer Kraftakt für die beiden. Obwohl kaum ein DDR-Bürger damals gewusst habe, was eine Pizza eigentlich ist, sagt die 67-Jährige. Auch nicht jener, der in der Behörde den Gewerbeschein für Bernd Zichner ausstellte. "Der Mann dort fragte mich: Was wollen Sie, Schnitten schmieren?" Das Ehepaar lacht. Auch bei der Erinnerung daran, wie aufregend die Vorbereitungen für die Eröffnung waren. Der ehemalige Kuhstall auf dem Gehöft wurde umgebaut, über Beziehungen kamen Stühle aus einem HO-Depot. Es waren Stühle, die bis in die 1950er-Jahre im Blauen Salon des Secundo Genitur auf der Brühlschen Terrasse im Einsatz waren.

Dass es ein echter Steinofen wurde, war indes weniger dem gewünschten Geschmack geschuldet, sondern vielmehr dem Umstand, dass es hin und wieder Probleme mit dem Strom gab. Also besorgte sich Bernd Zichner  von seiner Cousine die Baupläne für einen Ofen - und die Rezepte für die Pizzen. Dann war Geschick gefragt, nicht nur beim Ofenbau - auch bei der Beschaffung von Zutaten. 

Organisieren, was es eigentlich nicht gab

"Wir haben schon im Vorjahr angefangen, alles zu horten, was wir brauchen könnten." Drei Kühltruhen wurden beschafft, dann kiloweise reife Tomaten eingefroren. Mehl und die anderen Zutaten für den Teig waren kein Problem - wohl aber der Belag. "Es gab ja weder Oliven noch Olivenöl, keine Champignons, keine Ananas." Zu organisieren, was es eigentlich nicht gab - auch das ist dem Ehepaar wie vielen anderen DDR-Bürgern damals irgendwie gelungen. In diesem Fall sogar mit ungewohnter Hilfe vom Staat. Denn der 40. Jahrestag der DDR stand an. "Die wollten mit uns, mit der neuen Pizzeria, Reklame für sich machen machen. Das haben wir ausgenutzt", erzählt Jutta Zichner. 

Sie ging zum Rat der Stadt und beantragte jene Preisstufe, die es ihnen erlaubte, im Delikat einzukaufen. Und bekam sie prompt. Weng später stapelten sich Dosen mit Champis, Ananas und Mandarinen in der Vorratskammer, dazu gesellten sich feinste Spirituosen. Bernd Zichner erinnert sich noch genau an den Preis des griechischen Weinbrandes: "3,04 Mark ohne  Schachtel, mit Verpackung 3,08 Mark." Ausgeschenkt wurde Radeberger Bier, es gab italienischen Rotwein - was fehlte: Olivenöl. "Das war auch nicht über die Bezirksreserve zu beschaffen." Als gelernte DDR-Bürger wollten sie improvisieren, erzählt Jutta Zichner. Das endete allerdings in einem desaströsen Probe-Essen.

"Das Probe-Essen endete im Desaster"

Die Eröffnung war für den 6. Oktober 1989 geplant. "Wir haben extra nicht den 7. Oktober genommen", sagt Jutta Zichner und spielt auf den 40. DDR-Jahrestag an. Doch bevor die Dresdner in den Genuss von Pizza und Pasta kommen sollten, musste die Verwandschaft ran, allesamt aus dem Westen. Die Cousine kam aus Italien, der Rest aus Heidenheim - mit Oliven, bedruckten Papierservietten und Thunfisch im Gepäck. Nur eben kein Olivenöl. Also griff die Cousine bei ihrer original italienischen Spaghetti-Variante großzügig auf einheimisches DDR-Öl zurück. "Zum Braten, Backen, Bohnern" - wie man damals scherzhaft sagte. "Der Abend war wunderbar, wir gingen alle 21.30 Uhr ins Bett, um uns 22 Uhr wieder zu treffen. Und zwar auf der Toilette." Allen war übel und sie mussten sich übergeben. Der Griff zum Bratöl für die Spaghetti war wohl doch etwas zu großzügig gewesen. 

Dem Erfolg ihrer Pizzeria tat das aber keinen Abbruch - ganz im Gegenteil, das Restaurant war immer drei Monate im Voraus ausgebucht. "Am Quartalsanfang habe ich mich auf einen Stuhl vor die Eingangstür gesetzt, nach wenigen Stunden waren alle Termine vergeben", sagt Bernd Zichner. Wen zeitiges Essen nicht störte, der hatte täglich zwischen 17 und 18 Uhr die Chance auf einen freien Tisch, auch ohne Reservierung. 

Und wer noch mehr Glück hatte, kam in den Genuss von Pizza Würzfleisch oder Pizza Spaghetti. "Alles Eigenkreationen." Die beim heimatverbundenen Dresdner ankamen. Die 60 Pizzen täglich wurden Bernd Zichner schnell zu viel, schon im November stellte er einen gelernten Bäcker ein. Die Geschäfte liefen gut, bis die Konkurrenz in der Innenstadt für den abgelegenen Standort in Klotzsche zu groß wurde. 1997 war Schluss mit Pizza - aber da brummte das "Anno Domini" schon lange. 

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