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Sie ist die Knotenkönigin

Königsbrück. Karin Kühne liebt Handarbeiten jedweder Art genauso wie ihren großen Garten.

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Von Manuela Reuß

Schwere Teppiche in prächtig leuchtenden Farben liegen bei Familie Kühne überall in der Wohnung. Achteckig, rund, quadratisch, rechteckig. Mit und ohne Fransen. Durchaus nichts Ungewöhnliches. Bei den Königsbrückern schon. Denn bis auf einen hat Karin Kühne alle eigenhändig geknüpft. Etwa drei Meter Durchmesser hat das runde Exemplar, welches im Zimmer vorm Wintergarten liegt. Große gelbe und rosa Rosen zieren ihn. 540 000 Knoten musste die Königsbrückerin knüpfen bis er endlich in voller Pracht und Schönheit bewundert werden konnte. „Zwei Jahre hab ich dafür gebraucht.“

Ausdauer muss man haben

Für die 61-Jährige ist das nichts Besonderes. „Im Grunde genommen ist es gar nicht schwer. Man muss nur Ausdauer haben“, erklärt sie. Das Material bestellt sie per Katalog. Dazu gibt’s ein Zählmuster. Handarbeiten machte sie schon als Kind. Egal ob stricken, häkeln, Teppich knüpfen oder Gobelin-Stickereien: Karin Kühne kann einfach alles. In ihrer Wohnung finden sich jede Menge Beweisstücke dafür. Angefangen von Tischdecken-, -deckchen und -läufern über bestickte Stuhlpolster, Sofakissen, Weihnachts- und Osterschmuck, gerahmte Stickereibilder, besagte Teppiche bis hin zu handtellergroßen gehäkelten Schmetterlingen, die sich in der übermannshohen Monstera im Wintergarten niedergelassen haben. Beigebracht, so erzählt die geschickte Seniorin, habe sie sich die Handarbeiten selbst. Ihre Mutter hatte damit nämlich gar nix am Hut. Früher arbeitete die im Büro einer Hosenschneiderei. Als Kind begleitete sie die Mutter oft zur Arbeit. „Dort hab ich in der Schneiderei ganz genau zugeschaut und mir manches abgeguckt“, verrät Karin Kühne. Dann probierte sie so lange, bis es klappte. Ihre Puppen waren erste Versuchsobjekte, die sie einkleidete.

Später, als sie die Oberschule in Kamenz besuchte und die Zeit der Nylonstrumpfhosen begann, verdiente sich Karin Kühne mit Maschen aufnehmen etwas dazu. Schließlich hatte ihre Mutter als Alleinerziehende wenig Geld. „Das war manchmal ganz schön hart“, erinnert sich die Königsbrückerin.

Auch das Teppichknüpfen brachte sie sich selber bei. Als sie Ende der 80er Jahre zu Besuch im pfälzischen Frankenthal war, besuchte sie ein Geschäft. „Das war Woll-Rödel. Keine Ahnung, ob es die heute noch gibt.“ Dort lagen jede Menge Handarbeitskataloge herum, darunter auch welche fürs Teppichknüpfen. Da konnte Karin Kühne natürlich nicht widerstehen. Also ging so ein Exemplar mit auf die Reise gen Osten. Es dauerte gar nicht lange, das schaffte sie sich das große Gestell an, in welches das gitterartige derbe Gewebe eingespannt wird, welches zigtausend Knoten später ein Teppich ist.

An diesem Gestell sitzt die Königsbrückerin am 1. September vorm Landeserntedankfest im Kirchgelände. Dort zeigt sie neugierigen Besuchern, wie man die Wollfäden durchs Gewebe ziehen muss, damit der gewünschte Knoten entsteht. Der Heimatverein habe gefragt, ob sie dafür einen Nachmittag opfern würde. Die 61-Jährige sagte zu. Damit die Gäste noch etwas mehr zu sehen bekommen, hat sie schon verschiedene Handarbeiten rausgesucht, die sie auch mit dorthin nehmen will.

Früher, als die Königsbrückerin noch dem täglichen Arbeitsstress ausgesetzt war, waren die Handarbeiten ihre Methode, um runterzufahren und den Tag zu verarbeiten. „Ich hab mich an meine Stickerei oder mein Knüpf-Gestell gesetzt und wurde zusehends ruhiger.“ Drei, vier Arbeiten hatte sie immer da liegen, damit sie nicht bei einer bleiben musste und Abwechslung hatte. Das ist heute noch so. Allerdings, so sagt sie, seien die Handarbeiten eher eine Winterarbeit. „Da sitz ich beim Fernsehen und friemel an meinen Sachen.“ Ob sie so überhaupt etwas in der Glotze mitbekommt? „Na klar. Ich hör es doch. Das ist sowieso besser. Da macht man sich eigene Bilder und starrt nicht nur in die Kiste.“

Im Sommer behandelt sie die Handarbeiten aber eher stiefmütterlich. Denn da lebt sie ihre zweite große Leidenschaft aus. Karin Kühne ist eine ambitionierte Gärtnerin. Unzählige Blumen und seltene Pflanzen sind im Haus und in der großzügigen Grünanlage ringsherum zu finden. Goldfische und Kois tummeln sich in mit Seerosen bedeckten Teichen. Ganze Scharen von Schmetterlingen taumeln zwischen betörend duftenden Blumen umher. Grad so, als ob sie sich nicht entscheiden könnten, welchen der Leckerbissen sie von der üppig gedeckten Tafel nun eigentlich versuchen sollen. An diversen schattigen Plätzchen laden Sitzgruppen zum Verweilen ein.

Tiere wollen versorgt sein

„Hier fühlen wir uns wohl“, sagt die Königsbrückerin. In Urlaub fahren sie kaum. Lieber machen sie und Ehemann Peter es sich in ihrer idyllischen grünen Oase gemütlich. Reisen sei schon wegen der vielen Tiere schwierig. Die wollen schließlich versorgt sein. Drei Meerschweinchen, Zwergkaninchen, ein Hund, Hühner, ein Hahn, Kaninchen und etliche Katzen gehören quasi zum Haushalt. Letztere bekamen oft aus Mitleid bei Kühnes ein Asyl. So wie die gescheckte Miez, die der Seniorin zwischenzeitlich um die Beine streicht und sich immer wieder anschmiegt. Einen ganz kaputten Rücken habe sie gehabt, als sie irgendwann auftauchte, erinnert die 61-Jährige. „Die ging uns einfach nicht mehr von der Pelle.“ Also habe sie angefangen, sie zu füttern. „Aus Mitleid. So wie es bei den meisten anderen auch war.“