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Sie lüftet Lahmanns Geheimnisse

Marina Lienert erforscht das Leben des Naturheilkundlers und anderer Mediziner. Ausgefallene Stücke landen im Museum.

© Sven Ellger

Von Kay Haufe

Wie eine Mauer stapeln sich Bücher, Fotos und Manuskripte auf dem Schreibtisch von Marina Lienert. Vorsichtig zieht die Historikerin eine betagte Ausgabe von „Das menschliche Lebensglück. Ein Wegweiser zu Gesundheit und Wohlstand durch die Rückkehr zum Naturgesetz“ hervor, das 1882 von Eduard Bilz herausgegeben wurde. Lienert schlägt das Buch auf und erklärt detailreich, wie dank dieser und weiterer Schriften des Naturheilkundlers im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Massenbewegung entstand. „Es ging um gesunde Lebensführung für jedermann“, sagt sie, die als Vorsitzende des Bilzbundes in Radebeul die gleichen Ziele verfolgt.

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Die neue Rektorin der TU Dresden hat viel vor. Sie denkt global, will die Exzellenz in Forschung und Lehre stärken und die Uni stärker für Ältere öffnen.

Sogleich kommt sie auf Heinrich Lahmann zu sprechen. Dem Arzt und Gründer des gleichnamigen Sanatoriums auf dem Weißen Hirsch hat sie mehrere Artikel gewidmet, die in verschiedenen Zeitungen, Magazinen und Büchern erschienen sind; erst kürzlich in „Dr. Lahmanns Sanatorium“, das druckfrisch im Buchhandel liegt. Schon 2002 gab Lienert einen Überblick im Buch „Naturheilkundiges Dresden“, das sie als Buch zum Elbhangfest „Kneippen, Kuren und L’ Amouren“ präsentierte. Damals bedauerten die Macher des Festes den maroden Zustand des einstigen Sanatoriums, eine Sanierung war noch in weiter Ferne.

Viele Stunden investiert die Historikerin am Institut für Medizingeschichte der TU neben ihren Lehrverpflichtungen, um in Archiven, Antiquariaten oder über Funde im Internet noch mehr über den äußerst geschäftstüchtigen Mediziner zu erfahren, der vor über 100 Jahren sogar Filmstars und Adlige von der Naturheilkunde begeisterte. Erst kürzlich hat die 55-Jährige beim Internet-Versandhändler Ebay Original-Lahmann-Unterwäsche gefunden. „Mein Lieblingsfoto aus dem Lahmann-Buch ist zugleich das Titelbild. Darauf tragen Frauen diese Unterwäsche und schauen selbstbewusst in die Kamera“, sagt sie. „Für die Wäsche werde ich einen besonderen Platz in der Uniklinik finden.“

Lienert befasst sich insbesondere mit der Dresdner Medizingeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Dazu gehörte auch der Gynäkologe Kurt Warnekros. Dieser war eine schillernde Persönlichkeit, wie Lienert in Aufzeichnungen las und in Gesprächen herausfand. Warnekros behandelte nicht nur rumänische, griechische und italienische Prinzessinnen, sondern legte während des Nationalsozialismus auch Jüdinnen und Zwangsarbeiterinnen mit deutschen Patientinnen in ein Zimmer, so Lienert. Weltberühmt wurde der Leiter der Dresdner Frauenklinik aber infolge der ersten Geschlechtsumwandlung, über die der Film „The Danish Girl“ erzählt, der zurzeit in den Kinos läuft.

Bei einer jüdischen Freundin in Paris hatte Warnekros den dänischen Maler Einar Wegener kennengelernt. Dieser wurde von Warnekros als Zwitter beschrieben. Der Arzt riet ihm zur Umwandlung. Nachdem sich Wegener in Berlin die Hoden amputieren ließ, reiste er 1930 schon in Frauenkleidern nach Dresden. Laut Lienert implantierte ihm Warnekros Eierstöcke einer gesunden jungen Frau. Aus Dankbarkeit und in Erinnerung an den Ort der erfolgreichen Operation nahm Einar, aus dem Lili geworden war, den Nachnamen Elbe an. Nach einer weiteren Operation, von Warnekros durchgeführt, starb sie jedoch 1931. „Es gibt keine Unterlagen mehr über Behandlung und Todesursache. Medizinische Protokolle, die Auskunft geben könnten, sind beim Bombenangriff 1945 verbrannt“, sagt die Historikerin. Dennoch konnte sie mit vielen Informationen das US-amerikanische Filmteam unterstützen, das im Vorjahr in Dresden war und auch am Grab Lili Elbes auf dem Johannisfriedhof drehte.

Besonders am Herzen liegt Lienert das kleine, aber feine Institutsmuseum im ehemaligen Studentenwohnheim Blasewitzer Straße. Medizinische Geräte, Hilfsmittel und Ausrüstungen finden sich darin, wie der Geburtshelferkoffer von Warnekros. In einigen Gebäuden des Uniklinikums sind weitere Exponate ausgestellt.