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„Sie spiegeln nicht den Umgang mit Tieren wider“

Die Chefin des Milchcenters kritisiert Melkwettbewerbe als nutzlos. Sie setzt für ihren Betrieb andere Prioritäten.

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Therese Gierschner-Wallrabe ist Geschäftsführerin im Milchcenter Prausitz. Sie beklagt, dass Landwirte keine Lobby haben.
Therese Gierschner-Wallrabe ist Geschäftsführerin im Milchcenter Prausitz. Sie beklagt, dass Landwirte keine Lobby haben. © Sebastian Schultz

Prausitz. Therese Gierschner-Wallrabe ist die Geschäftsführerin im Milchcenter in Prausitz. Im SZ-Gespräch spricht sie über Landwirtschaft und Politik, Milchpreis und Melkwettbewerbe.

Frau Gierschner-Wallrabe, die Milchbauern klagen regelmäßig über den Milchpreis. In letzter Zeit war davon nichts mehr zu hören. Ist der Preis jetzt auskömmlich?

Ein ganz klares nein. Sicher, der Milchpreis war schon mal niedriger, lag deutlich unter 30 Cent pro Liter. Jetzt bekommen wir im Schnitt 33 Cent ausgezahlt. Das reicht aber nicht, um von der Milch leben zu können. Wir bräuchten mindestens 38 Cent. Mit anderen Worten: Von der Milchproduktion allein könnten wir nicht existieren.

Wovon dann?

Wir kompensieren die Verluste durch Einnahmen aus unserer Biogasanlage, seit einiger Zeit auch durch Solarstrom, der auf unseren Dächern erzeugt wird. Außerdem durch Marktfruchtbau. So bauen wir auf unseren eigenen und gepachteten rund 1.500 Hektar Land neben dem Futter für unsere Tiere Raps, Weizen, Gerste an, die wir dann verkaufen. Außerdem vermieten wir Wohnungen und arbeiten als Dienstleister.

Könnten Sie nicht einfach mehr Milch produzieren?

Das machen wir ja schon. Vor vier Jahren verließen rund 15 Millionen Liter Milch unseren Betrieb, inzwischen sind es 17,5 Millionen Liter im Jahr. Doch dem Wachstum sind Grenzen gesetzt und die Ausgaben steigen schneller als die Einnahmen.

Was steht dem Wachstum entgegen?

Wir haben jetzt 1.500 Milchkühe in den Ställen stehen, mehr geht nicht, mehr Kapazität haben wir nicht und können wir auch nicht schaffen. Es geht also nur über höhere Milchleistung der Kühe. Das letzte Jahr konnten alle unsere Kühe mit knapp 12.000 Liter Milch abschließen. Die Spitzenkühe schaffen sogar bis zu 17.000 Liter. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir sehr viel für das Tierwohl tun, denn nur gesunde Kühe, die sich rundum wohlfühlen, bringen eine hohe Milchleistung. Unsere Melker leisten dazu einen großen Beitrag.

Ihre guten Melker findet man aber nicht in den Listen der Melkwettbewerbe. Warum nicht ?

Nein. Weil wir an solchen Veranstaltungen seit Jahren nicht mehr teilnehmen.

Warum denn nicht?

Weil es nichts bringt und nur Selbstbeweihräucherung ist. Sie spiegeln nicht die tatsächlich zu leistende Melkarbeit unter Praxisbedingungen wider und auch nicht den wichtigen Umgang mit den Tieren.

Was meinen Sie konkret?

Unsere Kühe sind hochsensible Tiere mit einem enormen Anspruch an Haltung, Fütterung, stressfreiem Umgang mit dem Menschen, also alles Kriterien, die dem Tierwohl zugutekommen. Dies alles spielt bei den Fragen des Melkwettbewerbes fast keine Rolle. Stattdessen geht es im Wesentlichen um technische Prozesse oder wie das Euter der Kuh vorbereitet werden sollte und das Melkzeug angesetzt werden muss.

Müsste auch die Ausbildung verbessert werden?

Das kann ich schwer beurteilen, auf jeden Fall haben die meisten Tierwirte keine umfassenden Kenntnisse im Umgang mit den Rindern. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass diese Tiere wesentlich besser hören als Menschen, sie Lärm wie beispielsweise Schreien und Klopfen extrem stresst. Auch Schlagen muss absolut tabu sein. Wer als Tierwirt arbeitet, sollte das Verhalten von Rindern verstehen und berücksichtigen können. Dies alles wird aber bei dem Wettbewerb nicht abgefragt.

Melkwettbewerbe bleiben für Sie also auch künftig tabu?

Ja. Die Aufgaben eines Melkers in unserem Betrieb sind so komplex, dass dieser Melkwettbewerb außerhalb der täglich zu vollbringenden Leistungen mit diesen „Anforderungen“ in keiner Weise die spezialisierte Arbeit dieses Aufgabenbereiches widerspiegelt. Die Teilnehmer müssen vorbereitet und freigestellt werden. Wer soll denn in dieser Zeit deren Arbeit machen?

Zahlreiche Bauern haben kürzlich in Berlin gegen die Landwirtschaftspolitik der Bundesregierung lautstark protestiert. Sie auch?

Nein, wir protestieren anders und außerdem sind wir für die Politik nur noch Störenfriede und Umweltbelaster. Eine Lobby haben wir schon lange nicht mehr. Wir als Agrarunternehmen mit einer großen Herde Milchkühe zeigen, wie die sogenannte „Massentierhaltung“ im Milchkuhbereich super funktionieren kann. Unsere Kühe fühlen sich in einer Umgebung wohl und bringen Leistung, wenn diese ihrem Verhalten entspricht. Und es ist ihnen dann völlig egal, ob sie mit 50, 100 oder 1.500 Kühen zusammen leben.

Wird es weitere Investitionen geben?

Wir haben 2017 weitere neue Ställe in Betrieb genommen, sodass jetzt alle Kühe in vier neu gebaute Ställe, teilweise sogar mit Auslauf nach draußen, umgezogen sind. Zusätzliche Neuinvestitionen sind derzeit nicht geplant. Aber verschlissene Anlagen und Maschinen müssen natürlich immer ersetzt werden, und wir werden auch dem Trend der erneuerbaren Energien weiter folgen.

Das Gespräch führte Jürgen Müller

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