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Siedlung aus der Römerzeit entdeckt

Bei Grabungen am Gorschmitzer Weg haben Archäologen einen überraschenden Fund gemacht. Dieser wird aber weggebaggert.

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Von Tina Soltysiak

Weiße Fähnchen stecken in der trockenen, gelb-bräunlichen Erde. Sie markieren eine Stelle, an der Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie etwas gefunden haben. An anderer Stelle sind grüne und pinkfarbene Stricke gespannt. Hier müssen sie noch den Boden untersuchen.

Ein fast vollständig erhaltenes Keramikgefäß ist gefunden worden.
Ein fast vollständig erhaltenes Keramikgefäß ist gefunden worden.
Diese beiden Spinnwirtel sind zum Vorschein gekommen.
Diese beiden Spinnwirtel sind zum Vorschein gekommen.

Seit einem Monat ist Susanne Schöne mit ihrem Team auf dem Areal, auf dem ein Rewe-Markt gebaut wird, unterwegs. Sie haben mehr gefunden, als gedacht. Die Archäologen sind sich sicher, dass sie auf eine Siedlung der jüngeren römischen Kaiserzeit gestoßen sind. „Wir sprechen vom 3. Jahrhundert nach Christus“, erklärt Cornelia Rupp, Sprecherin des Landesamtes für Archäologie.

Auf dem Gelände gibt es zwei Grabungsfelder. Eines davon ist bereits verschwunden. Im hinteren Teil, in dem später der Markt stehen wird, sind Bauarbeiter mit schwerem Gerät zu Gange. Grabungsleiterin Susanne Schöne kann zwei Typen von Häusern rekonstruieren. „Zum einen die Grubenhäuser. Die sind nicht groß, nur sechs bis acht Quadratmeter“, sagt sie. Diese wurden als Werkstatt genutzt, in denen zum Beispiel getöpfert und gewebt wurde. „Wir haben den Abdruck eines Webrahmens gefunden“, sagt sie. Für den Laien ist das kaum zu erkennen. Im wahrsten Sinne des Wortes greifbarer sind hingegen zwei Spinnwirtel. Sie dienten als Gewichte für die Fäden, die in einem vertikalen Rahmen gespannt waren. „Das ist die typische Art der Stoff- und Gewerbeherstellung der damaligen Zeit“, erklärt Susanne Schöne.

Jeder Stein ein Dokument

Insgesamt sind bisher vier dieser Grubenhäuser zum Vorschein gekommen, außerdem drei Feuerstellen beziehungsweise Öfen. Der Lehm rund um die Feuergruben ist deutlich rot gefärbt. „Das ist ein Hinweis auf die große Hitze“, sagt sie. Zudem haben die Archäologen an verschiedenen Stellen Steine unterschiedlicher Größe entdeckt. „Jeder Stein ist als Fund zu werten. Denn der Lößboden ist so fein, er enthält keine Steine. Deshalb ist klar, dass die Steine von Menschenhand an diese Stelle gebracht wurden“, erklärt Susanne Schöne.

Doch das ist noch nicht alles. Die für Siedlungen dieser Art typischen Gruben sind zum Vorschein gekommen. „Wir haben viel Schlacke und Holzkohle gefunden. Das ist ein Hinweis auf Eisenverhüttung“, sagt Susanne Schöne. Die Menschen haben sich damals selbst versorgt und Messer und Werkzeug gefertigt. Auf die Vorstufe der Verhüttung weisen ebenjene Steine hin, die in den Röstgruben benutzt worden.

Auf dem Grabungsfeld sind deutlich dunkle Verfärbungen auszumachen. Nicht jede weist auf einen Teil der Siedlung hin. „Es kann sich auch um Rückstände eines Baumes handeln. Das kann man dann aber gut unterscheiden, wenn man einen Längsschnitt macht“, erklärt Susanne Schöne. Ist das Profil zerklüftet, ist das ein Indiz für ehemaliges Wurzelwerk.

Um einige Stellen sind Kringel gezogen. „Wir haben hier unzählige Pfosten gefunden. Die Zuordnung ist aber noch schwierig“, sagt Susanne Schöne. Nur an der Stelle, an der das Team derzeit den Boden untersucht, ist dies möglich. Es zeichnet sich eine Art Grundriss eines Langhauses ab. „Das waren kombinierte Wohn-Stall-Häuser“, erklärt Cornelia Rupp. Die Pressesprecherin ist promovierte Archäologin und Expertin für die römische Kaiserzeit. Der Erforschung des Langhauses wenden sich Susanne Schöne und ihr Team in den kommenden Tagen zu. Das zweite Grabungsfeld liegt unmittelbar an der Straße. Dort entstehen später die Parkplätze vor dem Einkaufsmarkt.

Unterstützung von Schülern

Bodenverfärbungen und Steine sind nicht die einzigen Funde. Auch Scherben von Keramik haben die Archäologen und ihre Helfer – darunter vier Schüler aus der Region – entdeckt. Die sind meist kleinteilig. „Hier haben wir aber ein fast vollständig erhaltenes Gefäß“, sagt Susanne Schöne und dreht es in der Hand. Es ist mit Erde gefüllt. „Die lassen wir erst einmal drin und untersuchen sie später. Dann sind auch Rückschlüsse auf den Verwendungszweck des Gefäßes möglich“, erklärt sie. Es sei jedoch davon auszugehen, dass es sich um Gebrauchskeramik handelt, die keinerlei Verzierung hat.

Die Grabungsbedingungen in Leisnig seien eine Herausforderung, meint Susanne Schöne. „Die ersten zweieinhalb Wochen haben wir im hinteren Bereich im strömenden Regen gearbeitet. Und jetzt in dieser Hitze.“ Beide Wetter seien nicht ideal. Regen flutet die rechteckigen Gruben. Bei Sonnenschein trocknet die Erde aus und ist nur schwer zu bearbeiten. „Wir kämpfen um jeden Schatten, um die Kontraste später auf den Fotos noch erkennen zu können“, erklärt sie.

Kontrollierte Zerstörung

Bis Ende kommender Woche haben die Archäologen Zeit, um so viel Fläche wie möglich zu untersuchen. „Es handelt sich um eine baubegleitende Rettungsgrabung“, erklärt Cornelia Rupp. Das bedeutet, dass jeder Schritt der Grabung und jeder Fund exakt dokumentiert werden, bevor die Bagger anrücken. „Die Dokumentation muss so erfolgen, dass wir sie am Schreibtisch wissenschaftlich auswerten können“, ergänzt sie. Bei jeder Grabung werden die Funde in gewisser Weise zerstört. „Aber kontrolliert. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn es unbeobachtet und unkontrolliert geschieht“, sagt Cornelia Rupp.