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Was Silbermond von ihrem Osten halten 

In einem unangekündigt veröffentlichten Video setzt sich die Bautzener Band mit den Verwerfungen in ihrer Heimat auseinander.

Stefanie Kloß und Silbermond besingen die Risse, die durch die Menschen im Osten gehen.
Stefanie Kloß und Silbermond besingen die Risse, die durch die Menschen im Osten gehen. ©  dpa

Plötzlich und ohne jedes Verkaufskalkül ist er da: Die aus Bautzen stammende Band Silbermond veröffentlichte am Freitag ohne Vorab-Medien-Gebimmel einen nagelneuen Song samt dazugehörigem Video. Die sanfte Melodie, die lauschige Optik, die zurückhaltende Unplugged-Instrumentierung können dabei leicht täuschen. „Mein Osten“ ist mitnichten ein Liebessäusler, sondern ein klares Statement. „Risse gehen durch Familien und ein Riss geht auch durch mich“, singt Stefanie Kloß etwa. Und fasst dann zusammen: „Ich vergess nicht, wo ich herkomm.“

„Mein Osten“ ist ein Song, den Silbermond einfach schreiben mussten, heißt es in einer Erklärung. „Die rechten Ausschreitungen, die Verwerfungen in ihrer Heimat und die gleichzeitige tiefe Verbundenheit mit ihr, all das hat die Band in den vergangenen Jahren aufgewühlt.“ Dieses Lied sei nun auch eine „Liebeserklärung an den Osten, jedoch ebenso ein starkes Plädoyer für den Dialog über die verhärteten Fronten hinweg“. Deshalb heißt es zum Schluss auch: „Wir kriegen irgendwas hin, lass deine Ängste nicht gewinn’“.

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Zur Motivation für diese außerplanmäßige Veröffentlichung erklärten die Musiker, die inzwischen alle in Berlin leben: „Wenn Bautzen im Lauftext über deinen Fernseher wandert, ist man natürlich erst einmal geschockt. Ruft zu Hause an, fragt, was da los ist. Als das Husarenhof-Dach brannte, haben wir wenige Tage später in Bautzen gespielt.“ Einerseits seien der Hass und die Gewaltbereitschaft höchst beunruhigend, zum anderen sei es nervig, wenn durch solche Vorfälle „deine Heimatstadt als braunes Nest stigmatisiert wird. Das ist bitter für all die anderen“.


Das Management betont das Einmalige dieser Aktion: „Der Song ist weder eine erste Single-Auskopplung noch Hinweis auf einen etwaigen neuen Silbermond-Sound und wird losgelöst von einem klassischen Albumzyklus veröffentlicht.“ Das alles spricht dafür, dass Stefanie Kloß, Johannes Stolle, Thomas Stolle und Andreas Nowak dieses Thema, die politische wie gesellschaftliche Entwicklung in Sachsen tatsächlich unter den Nägeln brannten. Bei aller Besonnenheit und Sensibilität, mit der sie die Sache angehen: Sie verzichten auf Schaum vorm Mund und erhobenen Zeigefinger, können sich jedoch einen Vers wie „Aber was nich hilft, sind wir uns da einig: Ideen von 1933“ nicht verkneifen. Diese Nazi-Maulschelle musste nicht sein, sparen sich Silbermond ja auch sonst wohlfeile Simplifizierungen.

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Unterm Strich ist das Ganze eine Ansage, die man so jetzt nicht von dieser Band erwartet hätte. Gerade das und diese zudem ehrlich präsentierte Ratlosigkeit angesichts der fortschreitenden Spaltung macht sie glaubwürdig. Und das verdient absolut Respekt. Interessanterweise fällt bei vielen, die jetzt im Netz den Song feiern, dessen kritische Seite völlig aus dem Raster. Da wird „Mein Osten“ als reines Loblied auf das Land zwischen Zinnowitz und Zittau verstanden, als eine Art Lagerfeuer, an dem sich das Wir-Gefühl der Ossis aufwärmen kann. Schade für die Band, die sich zweifellos einen anderen, mindestens einen zusätzlichen Effekt versprochen hat.


Der komplette Text von "Mein Osten": 

Ich seh noch, die traurigen Bilder einer dunklen Nacht 

Im Lauftext steht der Name meiner Heimatstadt

Ich vergess nich, wo ich herkomm

Vergess nich, wo ich herkomm

Ich kenn dich, kenn dich gut

Mein Osten, mein Osten

Versteh zum Teil auch deine Wut

Mein Osten, mein Osten

Aufgeben nicht deine Art, nicht komplett im Arsch

Mein Osten

Risse gehen durch Familien und ein Riss geht auch durch mich

Denn ich weiß mit Mittelfingern lösen wir dieses Problem hier nicht

Werden reden müssen, streiten, um Kompromisse ringen müssen und so weiter

Aber was nich hilft, sind wir uns da einig

Ideen von 1933

Vergiss nie, wo du herkommst

Vergiss nie, wo du herkommst

Ich kenn dich, kenn dich gut

Mein Osten, mein Osten

An deiner Schönheit kratzt die Wut

Mein Osten, mein Osten

Aufgeben nicht deine Art, nicht komplett im Arsch

Mein Osten

Meine Wurzeln, mein Revier

Mein Osten, mein Osten

Hab Bescheidenheit von dir, mein Osten ich steh zu dir

Ich vergess nich, wo ich herkomm

Vergess nich, wo ich herkomm

Ich vergess nich, wo ich herkomm

Vergess nicht

Ich kenn doch dein' freundlichen Blick

Mein Osten, mein Osten

Ruppig-herzlich wie du bist

Mein Osten

Wir kriegen irgendwas hin, lass deine Ängste nich gewinn'

Mein Osten

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