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Feuilleton

So jung und so betrübt

An diesem Wochenende erscheint ein neues Buch von Simon Strauß, der als Neurechter verdächtigt wurde.

Simon Strauß ist auch gut im Erfinden.
Simon Strauß ist auch gut im Erfinden. © Martin Walz

Nach Rom reisten alle, Aristokraten und Abenteurer, Künstler, Gelehrte und Händler. Sie erklärten die Stadt im 18. Jahrhundert zum Nabel der Welt oder doch wenigstens zum Zentrum Europas. Jeder Stein wurde mit Bedeutsamkeit aufgeladen und abgemalt. Dichter sahen Zitronen blühen, und jeder Nachfahre muss sich nun mit diesem traditionsgesättigten Erbe herumschlagen. Es scheint alles gesagt zu sein.

Der 31-jährige Schriftsteller und FAZ-Journalist Simon Strauß ließ sich davon nicht abhalten. Er verbrachte 2018 einen Sommer als Stipendiat in der Casa di Goethe. Sein neues Buch „Römische Tage“ erzählt von einem jungen Mann, der schräg gegenüber für zwei Monate eine Wohnung bezieht. Der junge Mann befindet sich auf der Flucht aus der Gegenwart, und sein Herzschmerz erscheint so real wie symbolisch. Seine „Ganzheitssehnsucht“ treibt ihn durch die Stadt, „nie ein Ziel vor Augen“. Bei seinen Erkundungen läuft der Gedankenstrom immer mit. Jeder Stein kann Assoziationen wecken über Glaube, Liebe, Müll oder die Traumfabrik Europa.

Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Der junge Mann besucht Museen, Cafés und Kirchen, er trifft sich mit alten Generälen und Kardinälen und einmal auch mit einem Schauspieler, der sich als Wähler der Rechten zu erkennen gibt. „Jetzt, wo alles sowieso am Boden liegt, was kann man da noch verlieren?“ Der Zugereiste scheint Verständnis zu haben: Die gewichtigen Reden über Europa kommen im Süden nicht an, wo jede Nacht verängstigte Menschen stranden und die Mafia die stärksten und gesündesten Männer aussucht.

Es sind wenige Augenblicke, in denen etwas aufblitzt von den heutigen politischen Konflikten. Die desinteressierten Abgeordneten im Parlament lassen sich vom Fraktionschef das erwünschte Wahlverhalten anzeigen: Daumen hoch oder runter.

Sinnliche Erzählinseln

Überraschender wirken jene Szenen, in denen Simon Strauß den Relotius macht und unversehens etwas erfindet. Er gibt fremden Menschen ein Stück Biografie. Da beobachtet der junge Mann bei seiner morgendlichen Joggingrunde im Park einen anderen Läufer mit „gewissenszerbissenem Gesicht“. Der habe die Nacht mit einer jungen Schwedin verbracht, die zum ersten Mal nach der Geburt ihrer Tochter wieder allein in einer fremden Stadt war. Sie lernten sich beim Tanz in einem Kellerklub kennen. Ihr Shirt rutschte hoch, und später im Bett schaute der Liebhaber ständig aufs Telefon aus Furcht, seine Frau könnte ihn anrufen.

Der Autor baut einige von diesen fabelhaften Erzählinseln in seinen Text, der sonst schwer trägt an Pathos und Patina. „Und das Meer bleibt mit der Sonne allein und der Tisch am Strand wird nicht rausgestellt.“ Es ist, als würde der geweihte Atem der Jahrhunderte alles mit Melancholie und Morbidität überziehen. Die Selbstzweifel des jungen Mannes kommen hinzu. „Wer bist du? Wer willst du sein?“, fragt er sich und: „In welche Zeit gehöre ich? Welche Zeiten leben in mir?“

Er fühlt sich oft zerfressen von vergangenen Idealen und getrieben von unbefriedigtem Ehrgeiz. „Wonach also soll ich meine Uhr stellen?“ Diese heillose Seelenlage zeigt ihn als Verwandten jenes anderen jungen Mannes, der im ersten Buch „Sieben Nächte“ von Simon Strauß die Hauptrolle spielte.

Rom als Heilstätte

Es sind wohlerzogene, weichgespülte Intellektuelle mit Rentenanspruch und Reiserücktrittsversicherung, die sich nach wildem Aufbruch, Widerspruchsgeist und Sendungsbewusstsein sehnen. Doch wenn sie zwischen prickelndem und stillem Wasser  wählen sollen, entscheiden sie sich für stilles. Der kulturpessimistische Furor des Textes veranlasste einige Rezensenten, den Autor auf die Seite der neuen Rechten zu stellen. „Ich verstehe mich überhaupt nicht als konservativ oder rechts“, sagte er später in einer Diskussionsrunde. Er spottete über ein überempfindliches Kulturmilieu, das sich vor einer „Kontaktinfektion“ mit unbotmäßigen Meinungen fürchte. „Zuweilen sollte man prüfen, was an der eigenen Toleranz echt und selbstständig ist“, hatte der Dramatiker Botho Strauß empfohlen, der Vater des Autors.

In einem irritierenden Kapitel denkt der junge Mann auf seinem römischen Bett über den Tod der Eltern nach. Er sieht die Mutter auf dem Sofa sitzen, den Vater winkend am Gartentor, und er fürchtet sich vor der Leere danach. Solche Vorstellungen befördert eine Stadt, die bei aller lärmenden Gegenwärtigkeit im Vergangenen lebt. Hier, stellt der junge Mann fest, darf sich jeder wie ein Letzter fühlen. Er sucht und findet ein wenig Trost in der Kirche, dem „Schutzraum für unsere aufgeriebenen Gemüter“. Man muss ihm dahin nicht folgen. Simon Strauß öffnet genügend andere Gedankengänge in dem schmalen Buch, das an diesem Wochenende erscheint. Es empfiehlt Rom als Heilstätte. „Ich wünschte, beständig hier bleiben zu können“, hatte der berühmte Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann notiert.

Simon Strauß: Römische Tage. Tropen Verlag, 142 Seiten, 18 Euro

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