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Zittau

Simson-Rüpel bittet um Entschuldigung

Der 16-jährige Karl hat bei einer Verfolgungsjagd in Zittau Polizisten und Passanten gefährdet. Um es gutzumachen, geht er einen außergewöhnlichen Schritt.

Der 16-jährige Karl mit seiner Simson - vorerst darf er sie nur schieben.
Der 16-jährige Karl mit seiner Simson - vorerst darf er sie nur schieben. © Foto: Matthias Weber

Wahrscheinlich ist Karl M. in seinem jungen Leben noch nie etwas so schwer gefallen wie dieser kurze Brief. Aber es musste sein. Weil er sich schämt. Und weil er versuchen möchte, das Geschehene möglichst wieder gutzumachen. "Ich habe richtig Mist gebaut, mein Verhalten war komplett falsch!", schreibt Karl da und bittet um Verzeihung. Der Schritt, den der 16-jährige Olbersdorfer mit diesem Brief geht, mag nötig sein - aber er ist auch mutig und aufrichtig.

Empfänger des Schreibens ist die Zittauer Polizei. Die und deren Kollegen von der Bundespolizei hatte Karl M. bei einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd im Januar quer durch Zittau gehörig in Atem gehalten. Am Ende ist alles gut gegangen - aber das war bloß Glück und nicht Karls Verdienst. 

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Karl M. ist ein versierter Schrauber. Und seine 36 Jahre alte Simson liebt er wie viele seiner Altersgenossen heiß und innig. Vor allem heiß. In der Werkstatt seines Vaters an der Zittauer Friedensstraße hatte er dem Moped zu mehr Leistung verholfen, mehr als die Polizei erlaubt. 

Und vielleicht hätte er die Polizei nicht so demonstrativ darauf aufmerksam machen sollen. Als er nämlich am 27. Januar vom Hof der Werkstatt auf die Straße fuhr, fiel einer Streife der Bundespolizei eines sofort ins Auge: Das hochgebogene Kennzeichen, das ein Ablesen unmöglich machte. "Das war echt hirnrissig von mir", sagt Karl heute.

Der Brief von Karl M. an die Polizei.
Der Brief von Karl M. an die Polizei. ©  privat

Als die Beamten ihn zum Anhalten aufforderten, drehte Karl am Gaszug. Er raste der Polizei davon, quer über einen Spielplatz und über Gehwege. In der Weinauallee konnte sich ein Radfahrer nur mit einem Sprung zur Seite vor ihm retten. Und beim Krematorium hätte er beinahe mehrere Fußgänger umgefahren. Nach 20 Minuten endete die wilde Fahrt schließlich an der Chopinstraße. Dabei beschädigte Karl zu guter letzt noch einen hinzu alarmierten Streifenwagen der Zittauer Polizei.

Nun wartet der 16-Jährige auf seinen Prozess. Er ist angeklagt wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Sachbeschädigung. Im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs betreut ihn das Oberlausitzer Familienhilfswerk in Zittau. "Man hätte auch wegen fahrlässiger Tötung hier sitzen können", sagt Karls Jugendgerichtshelfer Lutz Casall. Er hat seinen Schützling dazu ermuntert, nicht bloß einen Brief an die Polizei zu schreiben, sondern seine Bitte um Verzeihung genauso öffentlich zu machen, wie seine Tat wurde - via SZ. Denn der Radfahrer und die Passanten, die beinahe verletzt worden wären, haben sich nie gemeldet. Karl will aber, dass sie erfahren, dass ihm sein Verhalten leid tut. "Ich habe Panik bekommen und in dem Moment nicht nachgedacht. Ich wollte einfach nur weg", schildert er seine Gründe. auch er selbst habe die Verfolgungsjagd wie im Tunnelblick wahrgenommen. "Mittlerweile habe ich schon darüber nachgedacht, dass ich auch tot sein könnte", sagt er im Rückblick.

Jugendgerichtshelfer Lutz Casall hält den Entschuldigungsbrief an die Polizei für einen wichtigen Schritt. "Aber das Verständnis der Polizei ist natürlich begrenzt", sagt er. Denn für die Beamten sei so eine Verfolgungsjagd schließlich auch eine gefährliche Situation. Und die Polizei wird Karl noch eine Rechnung aufmachen - für den beschädigten Streifenwagen. "Der Wagen war neu, den ersten Tag im Einsatz", sagt Casall. 2.500 Euro hat die Reparatur gekostet. Geld, das Karl nun abstottern möchte. "Ich arbeite manchmal bei meinem Vater. Das Geld lege ich beiseite", sagt er. Er hofft, bald mehr verdienen zu können. Vor Kurzem hat er seinen Realschulabschluss gemacht. "Ich möchte Kfz-Mechatroniker lernen", sagt er. Er hat auch schon einige Bewerbungen geschrieben. Denn soviel ist klar: "Ich werde auch weiter basteln." Bloß im öffentlichen Straßenverkehr will Karl keine frisierten Mopeds mehr bewegen. Versprochen.

Das wird ihm die nächste Zeit ohnehin nicht möglich sein. Denn der Führerschein ist erst mal weg. "Aber ich fahre hobbymäßig in einer Sandgrube in Bogatynia Motocross", sagt Karl. Man muss ja in Übung bleiben.

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