merken
PLUS

Sachsen

Sind Sachsens Gaststätten gefährdet?

Keine Köche, keine Kellner - die Branche kämpft gegen den Fachkräftemangel. Der schlägt allerdings nicht überall gleich hart zu.

© dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Von Okan Bellikli

In Gersdorf im Landkreis Zwickau gab es schon Gerüchte: Der Gasthof Simon, gebaut 1818, sei geschlossen. Das stimmte nicht ganz, er hat noch geöffnet – allerdings nur nach vorheriger Vereinbarung. So etwas kommt in Sachsen in ländlichen Regionen inzwischen häufiger vor. „Jeder Tourist merkt, dass man herumlaufen muss, bis man etwas findet, das nicht geschlossen ist“, sagt Axel Klein, Geschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Sachsen. Dass es etwa mehr Ruhetage gebe, das sei schon seit Jahren so. Der Personalmangel stelle ein Problem dar. Die Branche tue aber einiges, um mehr Nachwuchs zu gewinnen.

Anfang April äußerte sich auch das Bundeswirtschaftsministerium in der Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion zum Thema. „Die Fachkräfteengpässe im Gastgewerbe können aus Sicht der Bundesregierung zum Hemmschuh für eine weitere gedeihliche Tourismusentwicklung werden. Das würde ländliche, oft strukturschwache Regionen besonders hart treffen“, hieß es dort. Folgen könnten etwa verringerte Öffnungszeiten, verkleinerte Angebote auf Speisekarten sowie Betriebsschließungen sein. Die Zahl der Beschäftigten im Gastgewerbe sei zwar angestiegen, die Zahl der offenen Stellen und nicht besetzten Ausbildungsplätze wachse aber ebenfalls.

Anzeige
Lust auf neue Kunden?

Wie Sie mit der sz-Auktion gleich doppelt gewinnen und was Sie dafür tun müssen.

Um dem Problem zu begegnen und mehr Jugendliche für die Branche zu begeistern, veranstaltet der Regionalverband Dresden des DEHOGA Sachsen gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden und der Arbeitsagentur seit März das „Azubi-Dinner“. Hier stellen Auszubildende Schülern und Eltern im Rahmen eines Abendessens ihren Beruf – etwa Restaurantfachfrau oder Hotelfachmann - vor. Mit rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz ist das Gastgewerbe der IHK zufolge immerhin der bedeutendste Wirtschaftsfaktor im Tourismus. „Wir müssen uns stärker bemühen, zu zeigen, dass die Branche Spaß macht“, so Klein vom DEHOGA. Zudem helfe weniger Bürokratie, dann habe man schließlich mehr Zeit für die Arbeit. „Um den Mangel zu bekämpfen, brauchen wir dringend politische Unterstützung“.

Axel Klein, Geschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Sachsen
Axel Klein, Geschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Sachsen © Karl-Ludwig Oberthür

Neben mehr Werbung für duale Ausbildungen gibt es für Klein einen weiteren Weg: die Zuwanderung von Arbeitskräften. Er setzt dabei unter anderem auf das von der Bundesregierung geplante Fachkräftezuwanderungsgesetz, das zuletzt auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Der Bundesverband der Systemgastronomie geht in eine ähnliche Richtung. Er sieht die Branche als Chance für „Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund“. Klein wiederum hat im Zusammenhang mit dem geplanten Gesetz nicht nur Fachkräfte im Blick: „Das muss eigentlich ein Arbeitskräftezuwanderungsgesetz sein.“

Dabei scheint das Problem auf den ersten Blick gar nicht so groß, wenn man in die Statistik schaut – etwa bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. Sie ist nicht nur für die Landeshauptstadt zuständig, sondern auch für die Kreise Bautzen, Görlitz, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Demnach ist die Zahl der dort zwischen 2014 und 2018 neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse in den sieben gelisteten Gastronomieberufen nur um 40 gesunken. Ähnliches gilt für die Zahl der Gastgewerbe-Betriebe, zu denen unter anderem Gasthöfe, Campingplätze sowie Imbissstuben zählen. 2014 wurden in Sachsen 10.655 gezählt, 2017 noch 10.610. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist im selben Zeitraum sogar gewachsen, dazu kommen noch Minijobber und Aushilfen.

Ist die Branche selbst schuld?

Lars Fiehler, Pressesprecher der IHK Dresden, sagt zu einer möglichen Gefährdung des Tourismus daher: „Ich würde kein Horrorszenario an die Wand malen.“ Die Talsohle sei durchschritten, die Zahl der Ausbildungsverhältnisse in der Hotellerie und Gastronomie gehe wieder nach oben. Aber: „Wenn man guckt, wo der Zuwachs herkommt, dann ist das eher in größeren Städten. Das gehört zur Wahrheit dazu.“ Der typische Landgasthof dagegen stehe vor großen Herausforderungen.

Dass nicht alles rosig ist, zeigt auch eine 2018 unter 300 Unternehmen aus dem sächsischen Gastgewerbe durchgeführte Umfrage. Demnach haben fast 38 Prozent der Betriebe aufgrund von Mitarbeitermangel und behördlicher Auflagen wie Arbeitszeitregelungen ihre Öffnungszeiten eingeschränkt. Fast 30 Prozent haben zudem mehr Ruhetage eingeführt. Die Sicherung des Mitarbeiter- und Fachkräftemangels habe sich zum zentralen Thema der Branche und für manche Betriebe schon zum existenziellen Risiko entwickelt, schreibt die IHK.

Markus Schlimbach, Vorsitzender des DGB Sachsen
Markus Schlimbach, Vorsitzender des DGB Sachsen © Wolfgang Wittchen

Markus Schlimbach, Vorsitzender des DGB Sachsen, sieht die Schuld dafür in der Branche selbst. Sie habe ein gravierendes Problem, was gute Arbeitsbedingungen angehe. Die müssten verbessert und ordentliche Löhne gezahlt werden. „Immer nur zu jammern, wie schrecklich alles in dem Bereich ist, dadurch wird keine Gaststätte gerettet“, so Schlimbach. „Ich finde die Strategie des DEHOGA grundfalsch, nur auf die Bürokratie zu schimpfen.“ Fachkräfte aus dem Ausland könnten zwar helfen, aber kein Allheilmittelsein, meint er.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Neustart im Goldenen Löwen

Am 1. Mai eröffnet das Restaurant in Freital wieder. In der Küche wird auf eines verzichtet.

Symbolbild verwandter Artikel

Der tägliche Kampf ums Überleben

Kaum eine Landgaststätte hat heute noch geöffnet. Der Groitzscher Hof schon. Nun gibt es eine neue Managerin.

Aus Sicht der Gewerkschaft sei die Sorge eher, dass die nicht missbraucht würden, um noch billigere Tarife durchzusetzen. Er weist außerdem auf noch etwas hin: Neben der Frage nach Mitarbeitern sei ein großes Problem die danach, wer einen Betrieb weiterführe, wenn der Inhaber in den Ruhestand geht. Auch das könne zu Schließungen führen. „Das hat nichts mit Fachkräftemangel zu tun.“ So ist es im Fall des Gasthofs Simon in Gersdorf. Der Betreiber, Ende 70, will ihn schon seit mehreren Jahren an einen Nachfolger übergeben. Aktuell gibt es wieder einen Interessenten. Wenn die letzten Formalitäten erledigt sind, könnte der Gasthof bald wieder regelmäßig geöffnet sein.

Der Betreiber des Gasthofes Simon in Gersdorf sucht nach einem Nachfolger.
Der Betreiber des Gasthofes Simon in Gersdorf sucht nach einem Nachfolger. © André Braun