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Sind die Medien in einer Gesinnungskrise?

Der Journalismus scheint am Limit. Einst einflussreiche seriöse Print-Medien wetteifern mit der Regenbogenpresse. Das hat fatale Folgen. Ein Gastbeitrag.

Die „Boulevardisierung“ einst seriöser Medien ist kein neues Phänomen. Schon vor zehn Jahren wurde mehr über den kurzen Aufenthalt Angela Merkels zwischen halbnackten Nationalspielern geschrieben als über die tiefe Verquickung von Sport und Politik.
Die „Boulevardisierung“ einst seriöser Medien ist kein neues Phänomen. Schon vor zehn Jahren wurde mehr über den kurzen Aufenthalt Angela Merkels zwischen halbnackten Nationalspielern geschrieben als über die tiefe Verquickung von Sport und Politik. © dpad

Von Bodo Morshäuser

Ich saß in der Nähe zweier Herren, offenbar aus dem diplomatischen Dienst. Sie redeten über Politik, ohne Namen zu nennen. „Der damalige Außenminister“ oder „die Fraktionsvorsitzende“ sagten sie, ausländische Politiker hießen treffsicher Staats- oder Regierungschef, Premierminister oder Ministerpräsident. Zugegeben, eine Ausnahme. Denn Politiker haben Namen – und Kosenamen. „Der Alte“ etwa für Adenauer und „Birne“ oder „der Dicke“ für Kohl. Merkel war erst „Kohls Mädchen“, dann „Mutti“. Man kannte „Siggi Pop“, „das Cleverle“ und „das blonde Fallbeil“. Oft klingt die Rede über Politik dann so, als hätte man es mit allzu bekannten Verwandten zu tun. Und nur selten entstehen solche Kosenamen, um politische Entscheidungen zu kritisieren, wie bei „Zensursula“ für von der Leyen.

Diese Namen haben vielleicht einen gewissen Unterhaltungswert, und Politik wird von Personen gemacht, man kommt an ihnen nicht vorbei, aber weniger Personalisierung wäre unter dem Aspekt der Information manchmal mehr. In der Woche nach der Entscheidung für die neuen SPD-Vorsitzenden schrieb der Spiegel, in der SPD tobe ein „Kulturkampf, … die Lager beider Final-Teams … operierten mit bösen Unterstellungen und schmutzigen Tricks“. „Tritte in die Kniekehle“ würden von „Querulanten“ und „Klassenkämpfern“ verteilt, die neuen Vorsitzenden seien „farblos“, „unerfahren“, „Kreisliga“, „Personal aus der dritten Reihe“ und „gefährlich“, schrieben andere. Ich las die Überschrift „Mit Karacho in den Abgrund“ oder, in der FAZ, „Die SPD schafft sich ab“.

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Etablierte Medien und speziell Journalisten, die aus der Hauptstadt berichten, haben nicht erst seit der Wahl der neuen SPD-Spitze ein Gesicht gezeigt, vor dem man sich langsam fürchten kann. Schon klar, politische Prozesse lesen sich süffiger, wenn sie als Schlachtenbeschreibungen dargestellt, wenn Geschichten über Kränkungen und versteinerte Mienen erzählt werden, wenn zerstörte Hoffnungen und fiese Absichten die politischen Geschicke bestimmen. Scheinbar. Unter den Tisch fallen dabei zu oft politische Inhalte, und manche Hauptstadt-Journalisten kommen über Schlag- und Reizwörter nicht hinaus. Mit ungewohnten Themen wie künstlicher Intelligenz und solidarischem Grundeinkommen will man das Publikum wohl nicht vergraulen, auch nicht mit dem Zusammenspiel von Steueroasen, Staatshaushalten und Investitionen. Statt inhaltliche Debatten widerzuspiegeln, scheinen Teile der einflussreichsten Printmedien einen Wettlauf mit der Regenbogenpresse aufzunehmen, indem sie Politik als Geschichte privater Schicksalsschläge erzählen.

Der Abstand für die Reflexion

Warum tun sie das? Warum rasten sie regelmäßig aus, sobald die große Koalition zu zerbrechen droht? Treibt sie die Angst, ihre eigenen Netzwerke könnten wertlos werden, und damit sie selbst? Hat es damit zu tun, dass sie zu nah am Alltag der Politiker dran sind, zu oft im Café Einstein Unter den Linden abhängen, sich vom Wind der Macht umwehen lassen und ihm nachschnuppern wie Hunde, auf der Spur nach einem Bissen Macht? Wo Politiker ein- und ausgehen, sind in Berlin Mitte Journalisten nie weit weg. Vielleicht so eine Art beruflicher Selbstzwang. Dabei ist doch klar, dass Reflexion auch Abstand zum Objekt braucht. Am Rand eines dieser Artikel zur SPD-Wahl fiel die Formulierung, der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, sei ein „rechter Poster-Boy“. Klingt nahezu niedlich, aber man merkt, da passt was nicht, da hat der Formulierungswille locker mal den Inhalt erschlagen.

Auch die AfD hatte neulich einen Parteitag. Auch da traten Flügel gegeneinander an. Halb so Rechte verloren ihre Posten an äußerst Rechte. Davon wurde ähnlich inhaltsfrei berichtet wie vom Parteitag der SPD. Man schaute auf die Person Höcke und übersah dabei, dass Höckes Leute die Posten abstaubten. Folglich war die Berichterstattung von weniger Untergangsfantasien geprägt. Und deutlich sachlicher als die zum SPD-Parteitag. Kommt man mit der AfD besser klar? Die FAZ wird doch wohl noch mal fragen dürfen, ob die AfD „auf dem Weg zur Partei der Arbeiter“ sei.

Anstatt Rechtsradikale als Poster-Boys zu verniedlichen, könnte man recherchieren, was auf ArbeitnehmerInnen zukommen würde, wenn die AfD die Richtlinien der Politik bestimmen würde. Man könnte die Pläne dieser Partei aufführen und aus ihrem Grundsatzprogramm zitieren: Alle Gelder für Klimaschutzprogramme streichen. Tempo-30-Zonen in Städten abschaffen. Erbschaftssteuer abschaffen. Öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen und nur noch private Betreiber zulassen. Oder man könnte anführen, wovon diese Partei schweigt. Seit Jahren verhindern interne Flügelkämpfe die Vorlage eines Rentenkonzepts. Kein Wort zu kommenden Veränderungen am Arbeitsmarkt. Schon deshalb kann dies niemals die Partei der Arbeitenden sein. Und nichts über Probleme, die international gelöst werden müssen: kein Wort zu global operierenden Unternehmen, die sich nationalen Steuergesetzen entziehen. Der Horizont der AfD endet stramm an der deutschen Grenze.

Politik ohne politische Inhalte

Wenn sich maßgebliche Berichterstatter und Kommentatoren darauf einigen, Politik fast ohne politische Inhalte, dafür mit Geschichten über persönliche Konflikte zu vermitteln, dann sind sie vielleicht mehr als Multiplikatoren politischer Prozesse, dann sind sie möglicherweise ein Teil des Problems.

Warum wird die Kanzlerin nur von den Rändern, nicht aber aus der politischen Mitte heraus kritisiert, obwohl sie vor ein paar Jahren beschlossen hat, das Gespräch mit den Bürgern des Landes auf Podcast- und Neujahrsansprachenmonologe zu beschränken? Warum verweigert die Bundesregierung Auskünfte über Themen und Teilnehmer von Hintergrundgesprächen mit ausgewählten Journalisten, obwohl das Bundesverwaltungsgericht sie dazu verurteilt hat? Warum sind die Sommer- Pressekonferenzen der Kanzlerin jovial-wortkarge Humor-Events, bei denen die Regierungschefin keine unerwarteten, geschweige denn unbequemen Fragen zu fürchten hat?

Angesichts beider jüngsten Parteitage mag die SPD als selbstzerstörerische Klassenkämpferpartei dargestellt worden sein, die die Internationale singt. Aber dass die völkisch orientierte und an deutschen Arbeitnehmerinteressen völlig desinteressierte AfD wenige Tage zuvor in den weichsten Tönen davonkommt, das ist nicht nur auf den Hund gekommener journalistischer Anspruch. Das wird langsam gefährlich.

Unser Autor: Bodo Morshäuser, Jahrgang 1953, ist ein deutscher Schriftsteller. Er ist vor allem als Autor von Hörspielen und Features im Rundfunk tätig. Nach Motiven des Buchs „Hauptsache Deutsch“ entstand 1994 der Spielfilm „Hass im Kopf“ von Uwe Frießner.

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