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Sind E-Scooter wirklich umweltfreundlich?

TU-Professor Udo Becker hält nichts von den Elektrorollern. Er sagt: Nur die Verleiher haben wirklich etwas davon.

Am ökologischen Nutzen der Lime-Roller zweifelt TU-Professor Udo Becker. Auch am Beitrag der Roller zur Verkehrswende.
Am ökologischen Nutzen der Lime-Roller zweifelt TU-Professor Udo Becker. Auch am Beitrag der Roller zur Verkehrswende. © dpa/Britta Pedersen

Sein Urteil ist vernichtend, seine Kritik umfassend. Verkehrsökologe Udo Becker von der TU Dresden lässt kein gutes Haar an Elektrorollern, jedenfalls nicht unter den aktuellen Umständen. Er widerspricht dem Unternehmen Lime, das in Dresden bisher rund 1 000 sogenannte E-Scooter aufgestellt hat und erklärt: Unter anderen Bedingungen könnten sie tatsächlich nützlich sein. Aktuell sind sie es nicht.

Anbieter und Stadt versprechen Nutzen für die Umwelt

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Laut den Scooter-Anbietern sollen Elektroroller bei der Verkehrswende helfen und zum Klimaschutz beitragen. Viel Lob und Aufmerksamkeit bekam Lime seit seinem Start in Dresden Ende Juli. Die Stadt erarbeitete Regeln und formulierte eine Kooperationsvereinbarung, die die Rollervermieter unterschrieben haben. Darin steht unter anderem, wo die Tretroller mit Batterieantrieb angeboten werden dürfen und wo sie verboten sind. Bei der Vorstellung dieser Vereinbarung erklärte die Stadt Anfang August, was sie sich von den Rollern verspricht. Nachhaltig bei Betrieb, Energie und Emission sollen sie sein, stand dazu in einer Präsentation aus dem Rathaus. Sie sollen Autofahrten vermeiden und der Umwelt nützen.

Kritik an den Rahmenbedingungen in Dresden

Im Grunde kann das funktionieren, sagt TU-Professor Becker, der sich vor allem mit der Verringerung der Umweltwirkungen von Straßenverkehr befasst. Doch in Dresden funktioniert es nicht, ist er überzeugt. Der Grund: Die Rahmenbedingungen passen nicht. „So ein Instrument kann man positiv oder kontraproduktiv einsetzen“, sagt Becker. „Was man will, das muss man billiger, schöner und attraktiver machen. Und was man nicht will, muss teurer werden.“ Das heißt, sollen die Roller wirklich nützen, müsste es für sie Vorteile geben und neue Nachteile für den Autoverkehr. „Wenn Stadt und Land das wollen, könnten die Roller sehr hilfreich sein. Unter den jetzigen Bedingungen sind sie es nicht“, stellt Becker fest.

Rollerfahrten sind vor allem etwas für Touristen

Die Scooter sind bequem, man muss nicht treten oder trampeln. Das hat Becker selbst auf einer Messe getestet. „Da bin ich in einer Halle auf Linoleum gefahren, das war schon nett.“ Auf Dresdner Straßen will er keinen Roller benutzen. „Die Vorstellung, dass ich damit am Fürstenzug langfahre, bei der dortigen Straßenqualität ...“, sagt Becker und führt den Satz gar nicht erst zu Ende. Trotzdem habe er mindestens zwei Mal pro Woche mit den Rollern zu tun. „Immer dann, wenn ich einen vom Fußweg aufhebe oder so hinstelle, dass er nicht im Weg ist.“ Die Roller seien vor allem etwas für Touristen. „Sie ersetzen in der Regel Fußverkehr.“

Professor Udo Becker, Inhaber der Professur für Verkehrsökologie am Institut für Verkehrsplanung und Straßenverkehr der TU Dresden, hält nichts von den E-Scootern.
Professor Udo Becker, Inhaber der Professur für Verkehrsökologie am Institut für Verkehrsplanung und Straßenverkehr der TU Dresden, hält nichts von den E-Scootern. © ronaldbonss.com

Lime belegt Umweltnutzen mit fragwürdigen Zahlen

„Jede Frage braucht die richtige Abgrenzung“, sagt Becker. Das heißt: Wer fragt, ob eine Rollerfahrt eine Autofahrt ersetzt hat, muss auch fragen, was in der Zwischenzeit mit dem Auto passiert ist. Lime erklärte in einer Pressemitteilung Mitte September, jede vierte Rollerfahrt ersetze eine Autofahrt. In der Pressemitteilung stand nicht, ob auch abgefragt wurde, ob während der Rollerfahrt jemand anderes mit dem Auto gefahren ist. Außerdem veröffentlichte Lime Zahlen, die belegen sollen, wie gut Rollerfahrten für die Umwelt sind. 40 Millionen Kilometer seien bis dahin weltweit mit den Rollern zurückgelegt worden. Das entspreche 9 000 Tonnen Kohlendioxid, die nicht in die Umwelt gelangt sind. Der TU-Professor hat nachgerechnet. Das Ergebnis: Pro Kilometer wurden demnach 225 Gramm Kohlendioxid eingespart. „Das ist deutlich über dem Durchschnittswert aller deutschen SUVs“, sagt Becker. Der liege bei 150 Gramm. Auf die hohe Lime-Zahl könne man nur kommen, wenn man den SUV mit gleicher Geschwindigkeit im 1. Gang neben dem Roller herfahren lässt, meint Becker. Das sei kein seriöser Beleg für den Umweltnutzen der Scooter.

Teuer und ein doppeltes Geschäft für die Anbieter

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Lime hat jeden Roller stets im Blick. Das Unternehmen weiß, ob ein Roller steht oder fährt, wo er gerade ist und welche Strecke er zuletzt zurückgelegt hat. Lime-Deutschland-Chef Jashar Seyfi versichert, Datenschutz sei wichtig, niemals würden Fahrdaten und die Daten der Nutzer zusammengebracht. Professor Udo Becker ist aber überzeugt: Lime nutzt die Daten nicht nur, um das eigene Angebot zu verbessern. „Das Rollerfahren ist relativ teuer und die Daten werden sicher verkauft“, meint der Wissenschaftler. 20 Cent pro Minute seien auch „nicht wirklich billig“. Bei einer halben Stunde Fahrt zu zweit könne man auch gleich ein Taxi nehmen, Bahn und Bus seien ohnehin preiswerter.

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