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Sind Senioren am Steuer eine Gefahr?

Eine Veranstaltung der Görlitzer Hochschule widerlegt das. Im Gegenteil: Ältere punkten mit Erfahrung.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ralph Schermann

Gewohntes verändert sich. Das gilt auch im Straßenverkehr, und die Veränderungen kommen immer schneller. Mehr Fahrzeuge als einst sind unterwegs, die Informationsflut durch Werbetafeln stört den Blick auf wirklich Wichtiges, Verstöße wie Fußgänger bei Rot und Radfahrer ohne Licht sind keine Ausnahmen mehr.

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Peter Demme Polizeirevier Görlitz
Peter Demme Polizeirevier Görlitz
Ältere fahren sehr konzentriert und gleichen vieles mit Erfahrung aus. Sie machen Fehler – aber die machen jüngere Verkehrsteilnehmer auch. Foto: Archiv
Ältere fahren sehr konzentriert und gleichen vieles mit Erfahrung aus. Sie machen Fehler – aber die machen jüngere Verkehrsteilnehmer auch. Foto: Archiv

Vor allem ältere Bürger haben es damit schwer. Wenn sie sich unsicher fühlen, schleichen sich Fehler ein. Sie fahren gelegentlich langsamer als nötig, schätzen Entfernungen falsch. Dazu kommen altersbedingte Defizite. Senioren hören und sehen schlechter, mangelnde Beweglichkeit beschränkt den Schulterblick, Medikamente haben oft Nebenwirkungen. Studien belegen sogar eine Art „Altersstarrsinn“: Einen Fehler zu korrigieren, sind Menschen immer weniger bereit, je älter sie werden.

Über 120 Görlitzer hören diese Fakten nicht gerade mit Freude. So viele sind gekommen, als das längst legendäre SeniorenKolleg der Hochschule im aktuellen Wintersemester in die „blue box“ auf der Furtstraße eingeladen hat. „Senioren im Straßenverkehr“ heißt das Thema, und die Referenten stehen vor einem rappelvollen Hörsaal. Peter Demme vom Görlitzer Polizeirevier, Hauptkommissar und Verkehrsingenieur zugleich, leitet aus den Altersproblemen die Frage ab, was für eine Gefahr für den Straßenverkehr die Senioren denn nun darstellen. Kurze Spannung im Saal – dann atmet alles auf: Gar keine.

Sicher gibt es auch von Senioren verursachte schwere Unfälle, doch das Bild werde verzerrt dargestellt, beruhigt Demme. Denn vieles, was Senioren im täglichen Leben beeinträchtigt, machen sie mit Erfahrung wieder wett. Der Polizist räumt mit einer Reihe von Vorurteilen auf: Die Menschen auf Görlitzer Straßen werden immer älter? Keinesfalls. Auch wenn die Stadt von 2012 zu 2008 rund 2 000 Bewohner verlor, blieb der Anteil der Senioren mit rund 28 Prozent nahezu gleich. Sie sind Jahr für Jahr an rund 60 schweren Unfällen beteiligt, ohne sie immer auch verursacht zu haben. Lediglich Bagatellunfälle, meist Blechschäden, nehmen leicht zu – von 336 (2008) auf 414 (2012). „Das ist aber wohl kaum ein Beleg dafür, dass von Senioren im Verkehr große Gefahren ausgehen“, fasst Peter Demme zusammen.

Noch deutlicher wird diese Aussage bei den Unfallursachen. Senioren haben einen um drei Prozent höheren Anteil an Unfällen beim Parken, Wenden, Rückwärtsfahren sowie beim Abbiegen, dafür drei Prozent weniger Anteil bei ungenügenden Sicherheitsabständen. Unfälle wegen überhöhter Geschwindigkeit und wegen des Fahrens unter Alkohol spielen bei den über 65-Jährigen fast gar keine Rolle mehr. „Senioren verhalten sich also anders, das stimmt, aber nicht verkehrsgefährdender als andere“, nehmen die Hörer mit und erfahren auch, wann sie am sichersten unterwegs sein können: An allen Sonntagen sowie innerhalb der Woche zwischen 13 und 14 Uhr kracht es am wenigsten auf Görlitzer Straßen, während montags bis freitags gegen 10 Uhr der Unfalldienst ständig unterwegs ist. Und wo sich Senioren am unsichersten fühlen, hat eine Studie des Gesamtverbandes der Versicherer herausgefunden: jeweils rund 30 Prozent aller Befragten nennen die Nähe von Straßenbahnen und das Fahren an Baustellen als schwierig. „Das bestätigt die eingangs genannten Verhaltensmuster“, erklärt Peter Demme: „Alles, was ein gewohntes Bild verändert, verunsichert Ältere.“

Dass der Wunsch, selbst Auto zu fahren, auch im höheren Alter erhalten bleibt, bestätigt Manfred Rimbach von der Görlitzer Interessengemeinschaft Verkehr. Dieser Trend werde noch zunehmen, ist er überzeugt, denn eine nachhaltigere Lebensweise und eine immer bessere medizinische Versorgung ermöglichen das. Dennoch dürfen Belastungen und Defizite nicht ausgeblendet werden. „Bei regelmäßigen Arztbesuchen sollten sich Ältere auch für ihre Fahrtauglichkeit interessieren. Es gibt Schulungen, Vorträge und Fahrsicherheits-Tests im Angebot der Automobilklubs, man kann für seine Fahreignung viel tun“, sagt Rimbach. Verpflichtende Tests lehnen die meisten Verkehrspsychologen ab, doch die Notwendigkeit jeder Autofahrt dürfen Senioren gern selbst auf den Prüfstand stellen: In Görlitz gibt es mit Bus und Bahn Alternativen.

Sind also alle zufrieden, als Senior nicht automatisch ein Verkehrsrowdy zu sein? Die Diskussion hält sich jedenfalls in Grenzen, nur zu ein paar konkreten Görlitzer Straßen gibt es Verhaltensfragen. Da will es die IG Verkehr genauer wissen und teilt Fragebögen aus. Sechs Prüfungsfragen aus dem Fahrschulalltag greift Manfred Rimbach heraus: Wie sicher gehen die Anwesenden mit Grünpfeil, Rollstuhlfahrern, Zebrastreifen, Kreisverkehren und Gefahrzeichen um? Die Antworten sind wegen jeweils mehrerer richtiger Möglichkeiten verzwickt, manch Besucher empfindet einige zu verquere Formulierungen auch als Stolperstein. Und doch trauen sich letztlich 84 Besucher, ihre Lösungen abzugeben. Drei haben alles korrekt, 72 fast alles richtig beantwortet. Für Manfred Rimbach auch ein Zeichen, zum Schluss des Kollegs in eigener Sache zu werben: Acht Görlitzer bilden die IG Verkehr, mehr Mitstreiter werden dringend gesucht. „Als Bindeglied zu Stadtplanung und Polizei brauchen wir jeden Hinweis für verkehrliche Verbesserungen in der Stadt“, sagt er. Gerade hierbei sind Ältere mit ihren Erfahrungen meist eine sichere Bank.

Kontakt Interessengemeinschaft Verkehr Görlitz:

über Manfred Rimbach, Telefon 03581 314457